[B] Beitrag 1: DLR-Denkfabrik (III)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 11. Januar 2019 um 14 Uhr 53 Minutenzum Post-Scriptum

 

Am 20. Juli 2018 hatte das Deutschlandradio seine HörerInnen dazu aufgerufen, sich mit "Themen für die ’Denkfabrik’" an der weiteren Programmplanung des Senders zu beteiligen.

Dieser Vorschlag ist im vergangenen Jahr seit dem 1. August 2018 in einer ganzen Anzahl von Beiträgen aufgegriffen worden. Der letzte Beitrag - vor diesem - ist am 14. Dezember 2018 veröffentlicht worden.

Darin wird ein Schreiben des "Denkfabrik-Team"s vom 18. September 2018 zitiert, in dem es unter anderem heisst:

Wir halten Sie weiterhin auf dem Laufenden

Diese war - und blieb - ein leeres Versprechen.

Bis zum 4. Januar 2019, an dem der Kollege Peter Sawicki in einem Einsdreissiger-Eigenwerbungs-Beitrag darauf hinweist, dass heute, am 5. Januar 2019, mit den Beiträgen des Wochenendjournals ab 9:10 Uhr erstmals öffentlich auf die Vorschläge der HörerInnen reagiert werde.

Was an diesem Tag dann zu hören war, ist auf der Seite Recht und Klima. Auftakt der Deutschlandradio-Denkfabrik bzw. in der DLF Audiothek dokumentiert bzw. nachzuhören.

Hier als Auszug die ersten beiden Beiträge:

- Die Anmod vom Moderator Peter Sawicki

Es gelten die Regeln des Urheberrechts all rights reserved


- Das Gespräch mit dem Intendanten Stefan Raue

Es gelten die Regeln des Urheberrechts all rights reserved

Wie wäre es gewesen,
— wenn die Redaktion / der Intendant sich zu Beginn des Neuen Jahres an die HörerInnen gewandt und jenen, die mit Vorschlägen reagiert haben, mitgeteilt hätten, dass man jetzt erstmals (zu-)hören könne, was ihre Beiträge konkret ausgelöst haben?
— wenn zu den ausgesuchten Themen wie Klima und Verfassung eine Sammlung von Beiträgen unter den URL’s: www.deutschlandfunk/klima oder www.deutschlandfunk/verfassung erstellt worden wäre?
— wenn etwas darüber gesagt worden wäre, wie man weiter mit diesen und anderen Themen umgehen wolle?
— welche Rolle dabei die angesprochenen HörerInnen spielen sollen?

Am Ende der Sendung werden dann die HörerInnen aufgerufen, ihre Meinung zum Grundgesetz zum Ausdruck zu bringen, in dem sie die Nummer 0221 - 345 345 2 anrufen. Einige dieser Meinungen würden dann "in einer Reihe" ausgestrahlt werden mit dem Namen "Mein Grundgesetz", die am 15. März 2019 beginnen würde.

Und das war’s. War’s das wirklich?

Anstatt weiter zu mäkeln, hier auch ein positiv gestimmter Hinweis auf ein anderes Programm dieser Sendergruppe: Das in der Sendung "Breitband" veröffentlichte Gespräch von Meike Laaf mit Jaron Lanier: Internetkritiker Jaron LanierSchluss mit der Umsonst-Kultur im Netz!, das hinter diesem LINK auch als englische Version im O-Ton angeboten wird.

Gut so! Denn dort sind Sätze zu hören wie dieser: dass seiner Meinung nach facebook heute schon mehr über seine Nutzer wisse als die Stasi über die Bürger in der DDR.

Das macht aber auch das ganze Dilemma aus, das sich im Umfeld eines solchen DLF-Beitrages aus der Denkfabrik widerspiegelt.

Auf der einen Seite sind im Live-Gespräch mit HörerInnen im Medienmagazin auf Radio Eins mit der Generalsekretärin der ARD gleich mehrere Stimmen zu hören, die alle auf unterschiedliche Weise das Gleiche bemängeln: dass unter dem "Diktat der Quote" die bildungsrelevanten und journalistisch interessanten Thema immer mehr an die Randzonen des Programmschemas gedrängt werden.

Das Gute daran war, dass man sich bemüht hat, diese Menschen wirklich ausreden zu lassen, das Erschreckende, dass beide ARD-Mitarbeiter - der Moderator als "Fester Freier", die Generalsekretärin als Festangestellte mit Pensionsanspruch - darauf verwiesen, dass man doch alles zu jeder Zeit in der Mediathek nachschauen und nachhören könne. Eine verfahrenstechnische Antwort, die trotz allem Engagements an dem von den HörerInnen angesprochenen Kern des Themas vorbei geht.

Vielleicht kann man das sehr komplexe Thema an diesem einen Punkt exemplarisch zur Geltung bringen. Sucht man via Google nach einer Aufgabenbeschreibung des Generalsekretariats der ARD unter: http://www.ard.de/home/die-ard/fakten/abc-der-ard/ARD_Generalsekretariat/564006/, oder nach einem Profil von Frau Dr. Susanne Pfab unter:
http://www.ard.de/home/die-ard/organisation/ard-generalsekretariat/ARD_Generalsekretariat/329020/,
dann ist in beiden Fällen nur noch dieser "404"er zu sehen.

Es gelten die Regeln des Urheberrechts all rights reserved

Internetaffine NutzerInnen wissen sich zu helfen und stossen stattdessen auf die Seite: http://www.ard.de/home/die-ard/organisation/ard-generalsekretariat/ARD_Generalsekretariat/329020/index.html.

Gleich nebenan gibt es das Versprechen, dass die ARD Startleiste ab 8. Januar 2019 mit neuen Funktionen im überarbeiteten Design zu entdecken sein wird.

Was will uns das sagen? Dass die neu entwickelte Internetaffinität alleine noch keine Antwort auf die Kritik an der Programmgestaltung der ARD-TV-Themen ist. Der Umstand, dass das sogenannte lineare Angebot mehr und mehr durch non-lineares erweitert wird, entbindet nicht davon darüber nachzudenken, was die Rolle, Funktion und Bedeutung von linearen Angeboten heute und in der Zukunft ist bzw. sein wird.

Kann es nicht sein, dass durch das Anwachsen der allgegenwärtigen Verfügbarkeit - und Verführbarkeit - durch ein kaum noch überschaubares Angebotsspektrum gerade die Einbindung eines Programmangebotes in einem realen Zeitrahmen von wachsender Bedeutung sein könnte?

Ja, hier wird ganz bewusst von einem "realen Zeitrahmen" gesprochen. Denn es wird immer deutlicher, dass das Abhandenkommen der Wahrnehmungskompetenzen von Zeit und Raum in Folge der Digitalisierung dazu führt, dass nach Ersatzreferenzen gesucht wird: erst tagging, dann Taktung.

Es geht also nicht nur um die "Oldies", also um jenes Publikum, das nie etwas Anderes kennengelernt hat als seine traditionelle Bindung an einen bestimmten Programmplatz zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es geht auch um jene Menschen, die in der Allgegenwärtigkeit des netzbestimmten Lebens die Referenzen eben dieses immer weniger in eben diesem Netz finden können.

Mit Initiativen wie jener einer "Denkfabrik" wird einerseits versucht, sich wieder näher an sein schon bestehendes Publikum heranzupirschen, und sich dabei sogleich jener Mittel zu bedienen, mit denen die heute eher rundfunkfernen Schichten aufgewachsen sind.

In einem der Kommentare zu einem der vorangegangenen Beiträge war zu vernehmen, dass die DLR-Sendergruppe mit diesem Versuch nicht mehr, aber auch nicht weniger betreibe, als einen "interaktiven inhouse inzest". Und an anderer Stelle wird gefragt, warum denn nach wie vor so wenig von den oft innovativen, frechen (und gelegentlich auch "extrem normalen") Programmangeboten einer NOVA [1] - oder einer FUNK-Redaktion [2] zu erfahren sei.

Vielleicht ist es ja ganz gut so, dass nicht die ganze ARD-Welt die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2019 miterlebt hat, so wie sie vom "Bohemian Browser Ballett" ins Netz gestellt wurde:

Es gelten die Regeln des Urheberrechts all rights reserved
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P.S.

Bei den Rückmeldungen auf diesen Beitrag gab es auch - allerdings nicht aus den Reihen des Deutschlandradios - einen Hinweise auf einen Beitrag der Leiterin HA Intendanz, Frau Dr. Eva Sabine Kuntz vom Dezember 2018: Die Denkfabrik geht an den Start. Vielen Dank dafür.

Nach wie vor aber stellt sich die Frage:
— warum ist ein Text wie dieser zumindest jenen, die sich per Mail an das Haus gewandt haben, nicht zugeschickt worden?
— an wen kann man sich wenden, wenn die Post an die Denkfabrik-Adresse unbeantwortet bleibt?
— warum ist bei diesem Thema in keinem einzigen Moment die Programmdirektion mit dabei?

Anmerkungen

[1inkl. einer positiv gemünzten Sendung über Proll-TV-Sendungen in Deutschland

[2" In den letzten Wochen und Monaten haben wir an einem neuen Konzept für unsere digitale Heimat gearbeitet und überlegt, wie wir sie für euch schöner und bequemer machen können. Wir sind aber noch nicht fertig und renovieren fleißig weiter."


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