X1: Best in Class - but not on Duty

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 5. März 2019 um 11 Uhr 53 Minuten

 

0.

Dieser Eintrag schliesst sich an die beiden Einträge aus dem vergangenen Jahr:

- X1-Test, Teil 1

- Lenovo X1, Teil 2, vs. hp folio 9470m

Dank der Grosszügigkeit der Agentur hatten wir jetzt die Möglichkeit, diese Einträge nochmals kritisch gegenzulesen.

1.

Und festzustellen, dass die vorgebrachte Kritik sich weniger gegen das getestete Gerät wendet, sondern gegen eine Interaktions-Politik der beteiligten Konzerne. Und die lässt sich vielleicht so zusammenfassen: unter dem Deckmantel der Behauptung, das Leben und Arbeiten für den Kunden immer komfortabler zu gestalten, werden ihm die Einwirkungsmöglichkeiten auf das von ihm erworbene Produkt immer mehr eingeschränkt.

2.

Nach wie vor nervt die Unmöglichkeit eines clean-slate-approachs: Alles spiegelt und blitzt und erstrahlt in wunderbaren Farben und höchster Auflösung. Und auch unter hoher Last kann dieses Gerät einen ganzen langen Tag diese Leistungen zur Verfügung stellen, ohne in die Knie zu gehen.

Das gilt es anzuerkennen, denn wie viele Jahr hat es gedauert, dass man sich mit allerlei Hilfskonstruktionen über die Unzulänglichkeiten einer mobilen Nutzung hat hinwegtäuschen müssen.

3.

Daher ist zu Recht zu fragen, woher dann diese Vorliebe für ein Gerät wesentlich älterer Bauart kommt, bei dem man noch das Gehäuse öffnen, den Akku tauschen oder die Speichereinheit durch andere Module ersetzen kann?

Warum darf das persönlich bevorzugte Gerät ruhig einige Millimeter dicker sein, um somit die Möglichkeit zu haben, dort auch noch ohne weitere Adapter eine Speicherkarte oder einen LAN-Stecker einstecken zu können?

Warum spricht das super-edle-carbon-schwarze Gehäuse nicht an? Weil darauf alle, auch die kleinsten Gebrauchsspuren zu erkennen sind? [1]

4.

In der Ausgabe 13 der c’t aus dem Jahr 2018 sind auf der Seite 95 die Vor- und Nachteile dieses Gerätes klar, kurz und zutreffend zusammengefasst worden.

Da sitzen Leute, die jeden Tag immer wieder neu Geräte in der Hand haben und wesentlich objektiver urteilen können als man selber.

Die notebookcheck-Redaktion jubelt sogar in ihrem Fazit:

Beim Lenovo ThinkPad X1 Carbon G6 2018 handelt es sich um ein Business-Notebook der absoluten Spitzenklasse, das allerdings auch seinen Preis hat. Hier stimmt einfach so gut wie alles, und wir vergeben eine Kaufempfehlung mit Prädikat!

Und Avram Piltch / Shaun Lucas vom LaptopMag erklären in ihrer Review: "If you want the best business clamshell that money can buy, look no further than the X1 Carbon"

5.

Wie kann man all diesen qualifizierten Kollegen [2] widersprechen?

Wir hatten die Möglichkeit, über die wenigen Tage hinaus das Gerät in Betrieb zu haben. Wir sind gerne bereit, all die hier gepriesenen Vorteile zu bestätigen. Und doch bleibt im persönlichen Einsatz das (Vor-?) Urteil hängen, dass das Thema der Alltagstaugichkeit eines solchen Gerätes nach wie vor ein anderes, ebenfalls entscheidendes Kriterium auf den Plan ruft. Denn im alltäglichen Wirkbetrieb gelten nach wie vor andere Gesetze [3].

6.

Denn, bitteschön, was soll all der Firlefanz, der bereits beim Start des Rechners angezeigt wird? Mit all den bunten Bildern auf dem Startbildschirm und den dazu eingeblendeten Fragen, ob uns diese gefallen und von woher sie wohl stammen?

Sowohl Lenovo als auch Microsoft machen aus uns alles andere als selbständige Verbraucher. Wir werden vielmehr in deren Setting des für uns Guten, Wahren und Schönen eingebunden, ob wir das nun wollen - oder auch nicht. Die schier unübersehbare Palette von Angeboten, Tools und Apps macht es schwer, sich noch eine eigene Meinung von dem zu machen, was man eigentlich will oder braucht.

Dass das von Vielen als Vorteil geschätzt und gewertschätzt wird, mag gerne so angehen. Aus der Sicht eines im tagtäglichen berichterstattenden Geschäft engagierten Reporters und Vielschreibers aber sind all die hier hochgepriesenen Vorzüge letztendlich nicht von solch entscheidender Bedeutung.

7.

All jene, die mit diesem Rechner ihre Aufgaben erledigen können, sei dabei viel Vergnügen gewünscht. Wir dagegen werden weiter suchen nach einem Gerät, das, zum Beispiel, als Default einen nicht-spiegelnden Bildschirm anzubieten hat.

Diese Aussage hat sowohl einen technischen als auch einen übertragenden Sinn. Das Ziel unserer Arbeit ist nicht Hochglanz, sondern hohe Professionalität, mit der wir Geld verdienen - und im Ausnahmefall dann auch einmal glänzen - können.

Anmerkungen

[1Der Kollege Thorsten Nowag aus der CHIP-Redaktion in seinem (Promo?) Video vom 08.10.2018 16:00 über den "Lenovo ThinkPad X1 Carbon G6 im Test" spricht vom Luxus für Alltag und Büro und erklärt: "Dank der matten Oberfläche fallen Staub und Fingerabdrücke deutlich weniger auf als bei anderen Laptops dieser Preisklasse." Das Ganze wird dann auch noch untermalt von einem musikalischen Hintergund-Teppich, als wenn es sich um die Ansage von Verkehrsnachrichten handeln würde, die auf diesem Wege dann etwas kommensurabler daherkommen...

[2Frauen sind nach wie vor als Testpersonen nicht zu finden

[3Dazu gehören selbst so scheinbar dumme Gründe wie die Angst, an diesem edlen Teil etwa beschädigen zu können - auch wenn dieses im Test nicht geschehen ist...


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