POTS - ISDN - IP... von Leibniz lernen

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 19. August 2019 um 08 Uhr 40 Minuten

 

I.

"Die Telekom will das analoge Telefon abstellen." Mit diesem Satz beginn ein Artikel aus der Zeitschrift FOCUS vom 20. Dezember 2014. Und der zweite Satz lautet: "Doch das Wählscheibentelefon ist nicht das einzige Gerät, das langsam von der Bildfläche verschwindet."

Und in dem nachfolgenden Artikel, der zumindest am Tag der Publikation dieses Textes Online unter der Überschrift "Abschied von der Technik: Diese Geräte haben ausgedient" immer noch zu finden war, ist dann die Rede von: Compact Cassetten, Diskettenlaufwerken, FAX-Geräten, Dia-Projektionen, Internet-Modems, Schreibmaschinen, Vinyl-Schallplatten.

Im Jahr darauf, am 25. August 2015, titelte die gleiche Publikation mit der Aussage:
Analoge Telefone werden abgeschafft. Telekom zwingt zum Wechsel auf IP-Telefonie: Das sollten Sie jetzt wissen

II.

Heute ist in einem Beitrag des Deutschlandfunks davon die Rede, dass in Folge dieser ISDN-Abschaltung den Kunden alle damit inzwischen erreichten Vorteile und Möglichkeiten genommen werden und ihnen nach der Umstellung auf eine IP-Versorgung nichts anderes mehr bleibt, als das, was die POTS, auch schon geleistet hatten: die Plain Old Telephone Services. [1]

Heute dazu in Computer und Kommunikation: Manfred Kloiber und Peter Welchering im Dialog. Der Titel des Beitrages:

Zeitreise: Wie die ISDN-Abschaltung Telekom-Kunden in die 1970er Jahre beamt

III.

Wer regelmässig in diese Online-Publikation geschaut hat, weiss, dass es zu diesem Thema mehrere eigene Berichte gibt:
- vom 20. August 2018 IP kills... itself :-(
- vom 16. August 2018 IP Kills The ISDN Star [2].

Interessant aber auch die Einträge von dieser Woche, in denen es um den Austausch eines Routers ging:
- (Fast) Nichts geht mehr...
- ... es geht wieder was, bis auf "FON"
Über den nun, in Ermangelung einer sogenannten "S0-Schnittstelle" keine ISDN-Telefone mehr betrieben werden konnten, sondern nur noch analoge.

Und just zu diesem Zeitpunkt, als die o.g. Sendung lief, wurde an dem aktuell implementierten Speedport-Router der Telekom wieder ein T-Home-Telefon der Firma vtech aus Hong Kong, das Concept P 413 angeschlossen. Was für ein "Fortschritt"...

IV.

Was für eine Herausforderung: Einst - 1987 - einer der ersten Nutzer im Mannheimer ISDN-Telefonbuch, sozusagen dem "book of fools" der frühen Digitalpioniere, der sich in einem der ersten Versuchsgebiete schon einen ISDN-Anschluss hatte schalten lassen. Und 2019 veranlasst, alle Gerätschaften, die in den darauffolgenden Jahren - ab 1994 - mit diesem inzwischen europäischen digitalen Standard ausgestattet waren, zu "entsorgen". Und stattdessen wieder jene Geräte aus den Verschlägen zu zerren, die bislang solcher Vernichtung entgangen waren... [3]. Eine Not-Allergie statt Nostalgie, Vintage statt Visionen?

V.

Nein, dieses wird kein "der Opa erzählt von der digitalen Eroberung der europäischen Telefon-Netze"-Beitrag. Daher wird an dieser Stelle auch nicht weiter über das eigene Zutun zur Einführung des CLIP-Protokolls und der in Windows for Workgropus 3.11 erstmals eingeführten TAPI-Schnittstelle berichtet werden.

Aber was der Aufzeichnung - und nachfolgenden Diskussion - wert ist, das ist der Umstand, dass die einst selber mit entwickelte und zur Anwendung gebrachte digitale Technik heute in ihrer "Reinkultur" als obsolet erklärt wird, um in ihrer Nachfolge scheinbar wieder auf jene Gerätschaften und Anwendungsszenarien zurückzufallen, die uns aus der analogen Welt bereits geläufig waren.

VI.

Nein, nein, nein... so sei das doch gar nicht. Der Widerspruch wird bei einer solchen Aussage nicht lange auf sich warten lassen: Schliesslich sei doch mit dem SIP [Session Initiation Protocol) - Standard dafür Sorge getragen worden, dass es sich hier um eine neue Qualität bei der Signalisierung handelt, die - auch international - fortlaufend im SIP-Forum weiter entwickelt werde und den ISDN-Protokollen inzwischen um Längen voraus sei.

Beziehen wir uns daher auf den Bericht des Lenkungskreises ATRT (Ausschuss für technische Regulierung in der Telekommunikation) bei der Bundesnetzagentur vom 20. April 2018: IP-Mi­gra­ti­on und En­de von ISDN/Ana­log-Te­le­fo­nie im öf­fent­li­chen Te­le­fon­fest­netz in Deutsch­land und kommen wir sogleich zu diesen entscheidenden Punkten:

- Im Gegensatz zur analogen (und zur ISDN-)Welt gibt es in der IP-Telefonie keine als Standard definierte Notstromversorgung mehr. Bisher konnte selbst jeder private Haushalt noch beim Ausfall der Stromversorgung zumindest von einem Telefon aus einen Not-Ruf absetzen. Das ist in der IP-Welt nicht mehr möglich:

GMA [4] mit einer solchen Aufschaltung zu einer Alarmempfangsstelle sind bislang mittels eines gesonderten Analog- oder ISDN-Übertragungsgeräts an den Teilnehmeranschluss des Betreibers angeschlossen. Die bestehenden Analog- und ISDN-Übertragungsgeräte für GMA werden nach einer Umstellung des Teilnehmeranschlusses auf einen Netzzugang mit NGN-Technik nicht mehr nutzbar sein.

- Telefone haben sich in Computer "verwandelt" - und werden damit, samt ihrer Netze, ebenso angreifbar wie diese:

Mit dem Wechsel zur IP-Telefonie (VoIP) bemisst sich das Schutzniveau der Telefonie insbesondere auch nach dem in der Organisation zum Einsatz kommenden Gesamtkonzept der Informationssicherheit. Dabei sollte beachtet werden, dass - mit der Integration der Telefonie in die IT – das bisherige Sicherheitskonzept umfassend überprüft werden sollte. Typischerweise müssen Anpassungen vorgenommen werden, um die spezifischen Eigenschaften und Anforderungen der Telefonie mit abdecken zu können. Umfassende Schutzkonzepte können aus verschiedenen Gründen heraus, z. B. aufgrund der Vielfalt der genutzten Technologien und Anwendungen sowie aufgrund der jeweilig geforderten Schutzbedarfskategorie (normal, hoch, sehr hoch) ganz unterschiedlich ausfallen. Hinweise zur Realisierung von Schutzkonzepten und IP-Telefonie veröffentlicht beispielsweise das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik).

VII.

Damit sind wir beim zweiten Beitrag aus der bereits oben erwähnten Sendung Computer und Kommunikation angekommen: einem Gespräch von Manfred Kloiber mit Dr.-Ing. Steven Arzt, Abteilungsleiter Secure Software Engeneering am Fraunhofer SIT in Darmstadt. "Hört Hört":

Internet-Telefone können gravierende Sicherheitslücken haben, Int. Steven Arzt

VIII.

Jetzt haben wir schon sieben Punkte abgearbeitet, um uns bis hierhin dann doch an des "Pudels Kern" herangearbeitet zu haben. Und der lautet:

Die Zeit der Digitalisierung "in Reinkultur" ist vorbei.
Das bedeutet, auf der unmittelbaren Ebene:
- das ISDN wird von IP abgelöst und die ISDN-Dienste verlieren damit ihre spezifischen Qualitäten in einer sicheren und gesicherten Umgebung
- der Cyber-Krieg ist die Fortsetzung einer programmierten Vorteilserschleichung mit anderen Mitteln - und das schon heute
- das Internet ist kein Versprechen weltumspannender neuer Freiheiten mehr, sondern wird zum Inbegriff wachsender Enttäuschungen über deren Scheitern: durch die diesem vorgelagerte Täuschungen der NutzerInnen über die nur scheinbar kostenfreie Nutzung von Diensten und Daten

Die Zeit der Digitalisierung "in Reinkultur" ist vorbei.
Das bedeutet, auf der mittelbaren Ebene:
- die Geschichte als Erfahrungsraum zur Verortung zukünftigen Tuns verkommt zum use-case, zum Abziehbild für Klischees, in denen die Komplexität der Dialektik ersetzt wird durch digital inszenierte Behauptungen von Wirklichkeit.
- "Leibniz hat das Rechnen mit Dualzahlen erfunden und ist damit auch der Vater des Digitalzeitalters. [...] Die Konzepte von Leibniz sind die Grundlage der Computertechnik und Informatik." Aber wir wissen über die Quellen unserer eigenen Geistesgeschichte so wenig, wie Leibniz von den Errungenschaften eines Konrad Zuse hat wissen können.

IX.

Seit einem Jahrzehnt wird von uns - auch in der Öffentlichkeit - die Frage gestellt: "Was ist die grösste Herausforderung nach der Digitalisierung?" Und dazu eine immer weiter anwachsende Dokumentation mit den inzwischen eingesammelten Antworten erstellt. Anfangs wurde der Sinn dieser Frage kaum verstanden. Und auch heute noch ist als Antwort zu hören, dass dass Thema der Digitalisierung ein Nichtendenwollendes sei und ein Nachdenken darüber hinaus daher obsolet.

Andererseits zeigen aktuelle Entwicklung wie die der Migration von ISDN nach IP wie in einem Brennglas, wie eine der vielen Antworten auf die oben gestellte Frage aussehen wird: Wenngleich auch die derzeit handelnden Personen sich in dem durchaus bekannten wie beklagenswerten Umfeld eines Wissens ohne Bewusstsein [5] befinden. Sie glauben zu wissen, dass Aufklärung not tue. Aber was, bitte, bedeutet die Idee von der Herausführung der Menschen aus der durch die Digitalisierung selbst verschuldeten Abhängigkeit konkret?

X.

Während sich viele auch der eignen Freunde und Wegbereiter der Digitalisierung damit abmühen, zu erklären, was sie selber gerade erst zu entdecken in der Lage sind - um dann im Gram ihrer eigenen Uneinsichtigkeit ikonoklastische Sätze zu prägen wie die, dass das Internet kaputt sei - gelingt es nur wenigen, eine Blick über den Horizont des scheinbar so agilen weil auf die unmittelbare Gegenwart bezogenen Handelns zu wagen.

Ihre Zukunfsvisionen sind von - durchaus nachvollziehbaren und begründeten - Ängsten geprägt (von der atomaren Verseuchung bis zur Vernichtung der Lebensgrundlagen auf dieser einen Welt mit ihren endlichen Ressourcen): Und sollen jetzt dadurch kompensiert werden, dass die "digiale Disruption" erfüllen soll, was die gescheiterten revolutionären Bemühungen nicht zu erfüllen in de Lage waren: Das Schürfen von Bitcoins und die Gewährleistung von Blockchains werden mehr Energie vernichten, als zum Erhalt der abschmelzenden Eisflächen an den Polarzonen [6] notwendig gewesen wäre. Eine erfolgreiche E-Mobiliät würde das Stromnetz dieser Republik zum Erliegen bringen. Und schon heute - um damit auf das IT-Thema zurückzukommen - werden die Entscheidungen über die Kursverläufe an der Börse längst von "Geisterhand" getroffen...

Wir brechen hier ab. Und zitieren stattdessen nochmals aus einer weiteren Online-Ausgabe des Focus-Magazins. Dieses Mal vom 9. Februar 2016: Börsencrash in Millisekunden. So reißen Roboter die Aktienkurse in den Abgrund.