Prologomena einer Theorie der Digit-Gesellschaft

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 31. August 2019 um 16 Uhr 01 Minutenzum Post-Scriptum

 

Am Samstag, den 24. August 2019, sprachen das Breitband-Dream-Team, nämlich Vera Linß und Marcus Richter mit Armin Nassehi und über sein Buch:

Armin Nassehi: „Theorie der digitalen Gesellschaft“
C.H.Beck, 2019, 352 Seiten, 26 Euro

Interessanterweise gibt es auf der Webseite zur Sendung keinen Link auf den Verlag oder das Buch, wohl aber auf die Twitter-Seite des Autors [1], [2]. Darin kündigt er für den 28. August diese Neuerscheinung an:

Die Redaktion schreibt:

In seiner „Theorie der Digitalisierung“ geht es Armin Nassehi darum zu erklären, warum die digitale Technologie in der Gesellschaft so erfolgreich ist. Seine These: Technologie kann sich nur durchsetzen, wenn sie den Nerv der Gesellschaft trifft. In seinen Augen sei die Gesellschaft schon im 19. Jahrhundert eine moderne digitale gewesen. Diese habe sich durch eine steigende Komplexität und Urbanisierung entwickelt, was dazu führte, dass man sich auf vorherige, analoge Wahrnehmungsformen nicht mehr verlassen konnte.

Noch ist das Buch nicht auf dem Markt, aber der Verlag bietet schon das Inhaltsverzeichnis an [3] und diese Leseprobe:

Es gelten die Regeln des Urheberrechts all rights reserved

Darin heisst es auf Seite 15:

Mein Impetus ist geprägt von der Frage nach der gesellschaftlichen Funktion dessen, was mit dem Begriff der Digitalisierung belegt ist.

Von den Radiomachern ist jene Passagen auf den Seiten 16f:

Die Fragestellung so aufzubauen, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Gesellschaft hatte, hat und haben wird, machte Digitalisierung tatsächlich zu einer unabhängigen Variablen. Ich lasse mich stattdessen von einer techniksoziologischen Intuition leiten, nach der Technik und Gesellschaft nicht unterschiedliche Größen sind, sondern Technologien und Techniken nur dann erfolgreich sein können, wenn sie anschlussfähig genug für die Struktur einer Gesellschaft sind.

Oder anders formuliert: Dass die Digitalisierung (wie zuvor der Buchdruck oder die Eisenbahn oder das Automobil oder der Rundfunk oder die Atombombe oder die Technisierung des Medizinischen usw.) so erfolgreich sein konnte, kann man letztlich nur an der Erwartungsstruktur bzw. an der Verarbeitungskapazität der Gesellschaft erklären, in der sie stattfindet. Nur um ein Beispiel zu nennen: Die Etablierung des Rundfunks und der Rundfunktechnik setzt bereits Gesellschaften voraus, in denen es potentielle Hörerinnen und Hörer gibt, sie setzt eine Idee der Erreichbarkeit ebenso voraus wie dazu passende zentralistische Herrschaftsstrukturen moderner Staatlichkeit. Rundfunk und Rundfunktechnik setzen ein Reservoir von Sagbarem voraus und bearbeiten die Heterogenität.

"Aber Hallo": Warum hat sich die Redaktion, haben sich die ModeratorInnen, nicht an diesen Hotspot herangewagt? Schlicht überlesen? Welch eine spannende Herausforderung wäre das gewesen, auf dem Hintergrund der in diesem Buch aufgestellten Theorie die Entwicklung vom Detektor- über den Volksempfänger bis zur Wiederbelegung des öffentlich rechtlichen Rundfunks und seines prognostizieren (Ver)Fall(s) auf ihre Gültigkeit hin zur Anwendung zu bringen!

P.S.

Aus der eigenen Sicht könnte eine Theorie von einer digitalisierten - aber eben nicht wie so gerne behauptet wird "digitalen" - Gesellschaft auf diesen drei Parametern aufbauen:

- die Re-Individualisierung der Massen-Kommunikation

- die Re-Regionalisierung der Globalisierung

- die Wieder-Entdeckung des Historischen in den digitalisieren Zeit-Räumen.

WS.

Anmerkungen

[1Und ein Blick auf diese Seite macht deutlich, worum es geht und wie es funktioniert: eine fundierte Arbeits- und Erkenntnis-Leistung, eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und ein gutes Händchen bei der (Selbst-)Vermarktung.

Die Marketing-Maschine läuft auf vollen Touren. Und - ehrlich gesagt - ist sie eigentlich eher noch ein Grund mehr für eine Entmutigung, sich selber zu diesem Thema noch öffentlich äussern zu wollen. Was ist, wenn Du nicht der "Herr Professsor" bist und keinen wirkmächtigen Verlag an Deiner Seite hast? Und nicht von Dir und Deinem Denken in allen Foren und Feuilletons die Rede ist?

[2Allerdings solle man bei all dem Aufwand dennoch auch auf die Wirkung all dessen schauen. So bietet der Verlag einen Link auf das Gespräch des Autors mit seinem Lektor Matthias Hansl an:

Darin ist der Autor zu hören mit Sätzen wie diesen: "Warum kann jetzt jeder Idiot jeden Quatsch lesen, der im Netz zu finden ist?" oder: "Heute leiden wir darum, dass jeder Trottel jeden Quatsch schreiben und Jeder das lesen kann..."
Darunter ist - bis Ende des Monats August anno 2019 - zu lesen: "Hier ist es gerade recht still. Kommentiere diesen Track als Erster."

[3

Vorwort

Einleitung
Wie über Digitalisierung nachdenken?
Eine techniksoziologische Intuition
Frühe Technologieschübe
Original und Kopie
Produktive Fehlanzeige und Sollbruchstelle

1
Das Bezugsproblem der Digitalisierung
Funktionalistische Fragen
Connecting Data - offline
Was ist das Problem?
Das Unbehagen an der digitalen Kultur
Die digitale Entdeckung der «Gesellschaft»
Empirische Sozialforschung als Mustererkennung
«Gesellschaft» als Digitalisierungsmaterial
Der / die / das Cyborg als Überwindung der Gesellschaft?

2
Der Eigensinn des Digitalen
Die ungenaue Exaktheit der Welt
Der Eigensinn der Daten
Kybernetik und die Rückkopplung von Informationen
Digitalisierung der Kommunikation
Dynamik der Geschlossenheit
Die Selbstreferenz der Datenwelt

3
Multiple Verdoppelungen der Welt
Daten als Beobachter
Verdoppelungen
Störungen
Querliegende datenförmige Verdoppelungen
Die Spur der Spur und diskrete Verdoppelungen
Spuren, Muster, Netze

4.
Einfalt und Vielfalt
Medium und Form
Codierung und Programmierung
Die digitale Einfachheit der Gesellschaft
Optionssteigerungen
Sapere aude im Spiegel der Digitalisierung

Exkurs Digitaler Stoffwechsel

5
Funktionierende Technik
Die Funktion des Technischen
Digitale Technik
Kommunizierende Technik
Die Funktion des Funktionierens
Niedrigschwellige Technik
Dämonisierte Technik
Unsichtbare Technik und der Turing-Test
Das Privileg, Fehler zu machen

6
Lernende Technik
Entscheidungen
Abduktive Maschinen?
Verteilte Intelligenz?
Anthropologische und technologische Fragen
Erlebende und handelnde Maschinen
Unvollständigkeit, Vorläufigkeit, systemische Paradoxien
Künstliche, leibliche, unvollständige Intelligenz

7
Das Internet als Massenmedium
Sinnüberschussgeschäfte
Synchronisationsfunktion
Synchronisation und Sozialisation
Selektivität, Medialität und Voice im Netz
Beim Zuschauen zuschauen
Komplexität und Überhitzung
Das Netz als Archiv aller möglichen Sätze
Intelligenz im Modus des Futur 2.0

8
Gefährdete Privatheit
Die Unwahrscheinlichkeit informationeller Selbstbestimmung
Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit?
Gefährdungen
Privatheit 1.0
Privatheit 1.0 als Ergebnis von Big Data?
Big Data und die Privatheit 2.0
Privatheit retten?

9
Debug: Die Wiedergeburt der Soziologie aus dem Geist der Digitalisierung
Digitale Dynamik und gesellschaftliche Komplexität
Eine Chance für die Soziologie

Anmerkungen

Sachregister


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