Sich erinnern ans schier Unsagbare

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 3. Oktober 2019 um 19 Uhr 25 Minuten

 

Eigentlich sollte an diesem Tag das Radio aus bleiben. Ruhe war angesagt. Und der Wunsch, in Ruhe arbeiten zu können.

Die DDR - genauer gesagt: Ost-Berlin - in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts tagtäglich erlebt.

Aber mit dem Privileg, diesen Teil Berlins - trotz eines Zimmers zur Untermiete und eines eigenen Kontos mit dort selbst verdienter Mark der DDR - auf eigenen Antrieb hin auch jederzeit wieder verlassen zu können.

Was können Dir da die Politiker in ihren Festtagsreden heute noch erzählen? Als also die Feierstunden aus der "Sparkassen-Arena" in Kiel übertragen wurde, in der Büroküche den Abwasch gemacht, Weinflaschen aus der letzten Lieferung eingelagert, und die nun doch vergänglichen Geburtstagsblumen "entsorgt".

Und dann gab es aber doch diese Beiträge, die wahrlich über diesen Tag hinaus nach hörenswert sind und von den öffentlich-rechtlichen Rundfunk’anstalten’ auf ihren Webseiten auch zum download zur Verfügung gestellt wurden:

Das Feature im Deutschlandfunk ab 10:05 Uhr von Daniel Schulz, Regie: Barbara Plensat
Wir waren wie Brüder
Jugend in Ostdeutschland
 [1]

Wir waren wie Brüder

Das O-Ton Hörspiel von Alfred Behrens und Manfred Herold
Jahrgang 49
Deutsche Demokratische Lebensläufe

das ab 14:04 Uhr auf rbbKultur gesendet wurde [2].

HSP_"Jahrgang ’49"

Und dann gibt ja noch diesen "Denkfabrik"-Beitrag, der offensichtlich bzw. deutlich nach-hörbar um die Nähe zu der HörerInnen bemüht ist [3], der letzte in einer ganzen Serie von Sendungen zum Thema „Radio aktiv – Demokratie auf Empfang“ [4], die seit dem 10. September 2019 in "@mediasres" ausgespielt wurden und an diesem Tag in diesem halbstündigen Feature von Isabelle Klein und Mike Herbstreuth als "Labor-Folge 7" zu hören ist:

Reihe "Radio aktiv": Hörfunk als Experimentierfeld

Ab 18:40 Uhr wiederholt der Deutschlandfunk eine Sendung von Michael Groth:
Reisefreiheit und Mauerfall
Verzweifelte Genossen im SED-Zentralkomitee
 [5]

Götterdämmerung im Zentralkomitee - Tonprotokolle aus der Wendezeit

Zum Abschluss aber nochmals dieser Aufzug eines Gesprächs, das Friedbert Meurer mit dem BILD-Journalisten Dr. Peter Brinkmann geführt hatte:
„Ich habe gerufen: ab sofort?“

Der Journalist Peter Brinkmann schilderte im Deutschlandfunk die Ereignisse der Pressekonferenz am 9. November 1989. Die Frage, ab wann die neue Reiseverordnung in Kraft trete, hätten viele Journalisten gestellt, sagte Brinkmann im Deutschlandfunk. „Ich habe gerufen: ab sofort?“ Dies sei die entscheidende Frage gewesen.

Bis dato habe Schabowski nichts von „ab sofort“ gesagt und habe dies auch nicht im Hinterkopf gehabt. Schabowski sei ins Schlingern geraten. „Er fand das Wort nicht in den Papieren.“ Die Formulierung „ab sofort“ habe ihn so nervös gemacht, dass er ins seinen Unterlagen geblättert habe und diese schließlich irgendwo gefunden habe – allerdings war diese erst auf den Folgetag gemünzt. „Das bezog sich eben auf den Freitag, 10. November, 6 Uhr.“

Der Anfang des Mauerfalls

Kurz vor Ende der Pressekonferenz teilt der Schabowski damit sozusagen versehentlich mit, dass Reisen ins Ausland ohne besondere Voraussetzungen möglich sind. «Das tritt nach meiner Kenntnis...ist das sofort...unverzüglich», verkündete Schabowski.

 [6]

Anmerkungen

[1Wir waren wie Brüder

Als die Mauer fiel, war der Autor zu alt um nichts von der Vergangenheit mitbekommen zu haben, aber zu jung um mitzureden, wie die Zukunft aussehen sollte. Daniel Schulz spricht über das Aufwachsen in den 90er-Jahren, dem Jahrzehnt, in dem auch die Menschen aufgewachsen sind, die heute Hitlergrüße zeigen und brüllen. Er ist vor Neonazis weggelaufen und er war mit Rechten befreundet. In Ostdeutschland ging das damals zusammen. Und er spricht mit Menschen, denen es ähnlich ging: „Mit den 90er-Jahren verbinde ich persönliche Erlebnisse, die derzeit wieder hochkommen“, sagt Manja Präkels, Autorin des Buches ,Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß’, „und wenn ich im Land unterwegs bin, sehe ich jetzt oft genau die Leute bei der AfD wieder, die sich als Sieger der Kämpfe der 90er-Jahre begreifen.“ Das Feature basiert auf einem Text, der im Oktober 2018 in der taz erschien und 2018 mit dem deutschen Reportagepreis ausgezeichnet wurde

.

[2

Sie waren jedes Jahr so alt wie die Republik, die Jungen und Mädchen, die Frauen und Männer aus dem Jahrgang 1949. Sie haben 41 Jahre DDR-Geschichte miterlebt, mitgestaltet, mitgemacht, aktiv oder passiv.

In den Jahren 2 und 3 nach der "Wiedervereinigung", dem "Anschluss" oder "Beitritt" erzählen sie von ihrem DDR-Leben, und davon, was danach kam. Vieles, allzu vieles scheint über ihre Köpfe hinweg zu geschehen.

In diesem O-Ton-Hörspiel von 1993 wird dem Jahrgang ’49 das Wort gegeben, stellvertretend für viele ehemalige DDR-Bürger. Ein akustischer Querschnitt politischer und privater Erfahrungen, Ansichten und Meinungen.

[4

Folge 1: Hör-Heimat – Hörfunk als akustisches Lagerfeuer (von Brigitte Baetz)

Folge 2: Propaganda – Hörfunk als Medium der Einflüsterung (von Antje Allroggen)

Folge 3: Format – Hörfunk als Trendsetter (von Isabelle Klein und Stefan Fries)

Folge 4: Funken – Hörfunk und seine Technik (von Antje Allroggen)

Folge 5: Hör-Biografien – Hörfunk mitten im Leben (von Annika Schneider)

Folge 6: Radio von allen – Hörfunk als Jedermann-Medium (von Mirjam Kid)

Folge 7: Labor – Hörfunk als Experimentierfeld (von Isabelle Klein und Mike Herbstreuth)

[5Mit der Rücktrittserklärung Erich Honeckers am 18. Oktober 1989 beginnt die Götterdämmerung im SED-Zentralkomitee der DDR. Die Tonprotokolle aus den letzten Sitzungen des Gremiums belegen, wie kopf- und orientierungslos die Parteigenossen auf die Umwälzungen in ihrem Land reagiert haben.

[6Der ganze Beitrag kann HIER nach g e l e s e n werden. Ein Tondokunebt steht - zumindest online - nicht mehr zur Verfügung.


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