Büro-Frei-Zeit

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 21. Juni 2005 um 20 Uhr 21 Minuten

 

Heute ist ein besonderer Tag. Bei der Ankunft im Bürohaus ist vor dem Fahrstuhl im Wettbewerb mit den zum freien Zugriff ausgelegten mannigfaltigen "0-Cent-Zeitungen" auch die "KATHOLISCHE SonntagsZeitung" vorzufinden. Das Titelbild gibt den Anlass zum Zugriff und im Fahrstuhl einen ersten Blick auf das Titelbild. Dieses stammt aus
gut bekannter Quelle und macht sogleich darauf aufmerksam, dass heute ein besonderer Tag ist: Ein Feiertag am Montag.

"A B S C H A F F E N" - in Frankreich demonstrieren denn auch heute bereits all jene, die an diesem Tag des Gedenkens an die "Ausschüttung des heiligen Geistes" zur Arbeit gehen - müssen. In diesem Jahr erstmalig wieder. Und vielleicht machen diese "Protestanten" die entscheidenden Prozent-Punkte aus, die ausreichen, um am Ende des Monats dann noch mehrheitlich mit "NEIN" gegen die EU-Verfassung zu entscheiden.

A N M A C H E N - der DEUTSCHLANDFUNK übernimmt sein all-wöchentliches Programmschema [1] und baut es zugleich zu einer Sonntags-Sondersendung am Montag aus. An diesem Montag-Morgen gibt es keine einzige Staumeldung. Stattdessen wird hinter dem schlichten Titel "Information und Musik" ein Professor aus St. Gallen [2] nach seinem und dem allgemeinen Glücksverständnis gefragt, ein Miglied des PEN-Zentrums [3] nach der miesen Qualität der deutschen Sprache in der öffentlichen Rede. Und ein kluger Abschreiber redet über das Eindringen des Computers in die Film-Animation. Und am Nachmittag erfahre ich von dem Verlust des aktuellen kulturellen Erbes aus den jetzt erlebten Tagen des heraufdämmernden digitalen Zeitalters. [4]

A B W I E G E L N - so ist aus den Radio-Nachrichten zu erfahren - tut der Herausgeber der Zeitung
Newsweek . Dort ist am 9. Mai aufgrund von Aussagen einer "knowledgeable U.S. government source" von "Schändungen des Korans" in US-Militärgefägnissen geschrieben worden. Heute lässt Mark Whitaker wissen, dass man nicht mehr so genau wisse, ob der Informant wirklich auch gewusst habe, was er zu Wissen vorgegeben hatte.
 [5]

A B M A H N U N G E N - hat es inzwischen auch für Bayerns Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) gegeben. Margarete Bause, Fraktionschefin der Grünen im Bayerischen Landtag, in der „Süddeutschen Zeitung": seine "Komik" genüge „vielleicht für den CSU-Stammtisch als Schenkelklopfer", aber auf der großen Bühne habe er sich „als Provinz-Chauvi geoutet“. Anlass für diese Schelte war eine Passage der offenbar als "Satire" gedachten Rede zum Maibockfest in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin vom vergangenen Donnerstag. Dort, so übereinstimmend die Journalisten der "Süddeutschen" sowie des „Münchner Merkur“ vom Samstag letzter Woche, wurde zur "Verteidigung" des mit der Visa-Affäre in die Kritik geratenen Außenminister Joschka Fischer öffentlich verkündet: „Ich muss seine Ehre retten. Er hat uns die Ukrainer gebracht. Die beschaffen uns in Bayern mittlerweile alles: Ersatzteile, Zigaretten, Frauen - alles, was schnell und notwendig sein muss.“ Aufgrund der großen Nachfrage insbesondere nach Ukrainerinnen habe Bayern Nachschub angefordert. Auch die anderen Bundesländer hätten „ein Anrecht auf die Fähigkeit freiheitsliebender Ukrainerinnen“.

A N - S P R A C H E N - die sich noch der guten deutschen Sprache so bedienen würden, wie es bei den Engländern und Franzosen noch bis heute Tradition sei - werden nach Auskunft des Germanisten und Romanisten Harald Weinrich hierzulande nur noch von Wenigen gepflegt. Besonders herausgehoben wird allerdings neben dem Altpräsidenten Weizäcker auch Johannes Rau, insbesondere ob der Bildhaftigkeit seiner Rede. Eine Qualität, die insbesondere von ihrer Symbolhaftigkeit der biblischen Bilder lebe. Eine Sprachgeste, die ja jetzt auch wieder vom SPD-Chef Müntefehring mit seinem Verweis auf die Finanzinvestoren, die wie eine Heuschreckenplage über das deutsche Land einfallen würden, aufgegriffen worden sei.

A B S C H R E I B E N - beenden wir diesen morgendlichen Exkurs dort, wo wir begonnen haben: mit der auf den Treppenstufen des Buerohauses verlorenen Zeitung: Über das 1732 entstandene Pfingsbild RESTOUTs [6] heisst es unter dem Titel "Feuerwerk des Heiligen Geistes": Der Heilige Geist schlägt ein wie ein Blitz und lässt die Köpfe rauchen. [...] Pfingsten gilt als der "Geburtstag" der Kirche. [...] Die Predigt, die Petrus als Stellvertreter Christi auf Erden am Pfingsttag hält, beeindruckt die Zuhörer so, dass sich 3000 Menschen spontan taufen lassen.

Ob er damals auch die Kraft der "biblischen Bilder" hat bemühen müssen, Bilder die in jenen Tagen ja noch nicht ihren ikonographischen Wert angenommen haben, mit dem sie heute als sinnstiftende Heilsbringer in den audio-visuellen Diskurs eingeführt werden konnten?

Der berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky macht darauf aufmerksam, dass mit Petrus damals ein schlichter Fischer mit grosser Überzeugungsgabe und Sachkenntnis gesprochen habe: und dies zu den Anwesenden "aus allen Völkern unter dem Himmel". Und jeder habe ihn verstehen können, ein jeder in seiner Sprache.

Pfingsten als die ultimative Vermittlung von gleichsam unaussprechsamen tiefreligiösen Wahrheiten in allen Sprachen dieser Welt. Ein Wunder? Der heilige Geist, so der Erzbischof, sei das grosse Geschenk, dass Gott am Pfingsttag in Jerusalem allen Menschen gemacht habe. Gottes Geist seí dort zu finden wo man Furcht nicht kenne und keine Resignation und wo das offene Wort mehr zähle als die Anpassung.

A U K K L Ä R U N G ? Nach dem hier Gelesenen bleibt dennoch die bange Frage, ob wir nicht an einem Tag wie diesem nicht die Erneuerung des Geistes zu feiern, sondern das Ende der Aufklärung zu beklagen haben. Wie sonst kann sich ein Bischof wie der hier zitierte angesichts der wieder aufbrechenden Militanz religiöser Gemeinschaften - sei es nun in den USA oder im IRAK - zu einem Satz wie diesen hinreissen lassen: "Es ist wie ein Sturm, der einbricht, wenn ihn keiner erwartet, der niederreisst, was sich gegen ihn stellt."

Wie kann ein Herausgeber einer Zeitung einen solchen Satz dulden? Verfügt auch er über die "gewöhnlich gut informierten Quellen" die ihn legitimieren solcherlei Allerleirauh zu drucken? Um jegliche Selbst-Kritik auszuschliessen macht "Ihr Dr. Dirk Hermann Voß" als Herausgeber mit seinen Zeilen seiner Kolumne auf Seite 2 klar, dass Pfingsten eben nicht die Gründungsversammlung einer kuscheligen Selbsterfahrungsgruppe mit ergebnisoffener Diskussionskultur oder einer Entwicklungshilfe-Agentur für sentimentale Gutestuerei sei; vielmehr gelte das ausserbiblische Jesuswort des griechischen Schriftstellers Origines: "Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe". - Sind die Zeiten, dass im Namen der Kirche Menschen auf den vor ihr selbst errichteten Scheiterhaufen zu Tode gekommen sind, schon so lange her, als dass wir uns ihrer nicht mehr erinnerten?

A B G E S A N G: Also dann "liebe Leserin, lieber Leser": Pfingsten als Feuer-Taufe - oder jetzt doch lieber selbst ein Licht entfachen und sich auf den Marktplätzen des eigenen Lebens auf die Suche Gottes machen? In unserem "eigenen" Er-Leben. Unsere Gesprächspartner in Israel wie in den USA haben jedenfalls heute keinen Feiertag - und warten bereits auf den vereinbarten Anruf. Heute ist Montag.

WS.

Anmerkungen

[1das leider auch ohne den aktuellen Änderungen auf der Website angekündigt wird und die Suche nach den sonst ausgezeichnet dokumentierten Sendungen erheblich erschwert

[2das Interview mit Dieter Thomä ist nachzulesen unter der URL: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/376440/

[3gemeint ist der Sprachwissenschaftler Harald Weinrich

[4Und damit auch dieser Publikation - trotz ISSN-Nummer?!

[5Am nachfolgenden Dienstag war dieses Thema dann schon Gegenstand der ARD-20 Uhr-Nachrichten in der "Tagesschau". Gezeigt wurden in einem Filmbeitrag vom Kollegen Tom Buhrow sowohl die Stellungnahme Whitakers, wonach dieser Bericht nicht nur intern geprüft sondern auch der Regierung zuvor vorgelegt worden sei, als auch des Regierungssprechers Scott McClellan, der darauf drängt, dass die Zeitung nun in einer Art von "Wiedergutmachung" davon berichten solle, mit welcher peinlichen Genauigkeit und Verantwortung man die Rechte des Korans auch in den eigenen Gefängnissen beachten würde.

Was eine solche "Empfehlung" bedeutet, wird aus hiesiger Sicht nur klar, wenn daran erinnert wird, was bereits an anderer Stelle zu diesem Thema geschrieben worden ist: beispielsweise schon im Mai vorigen Jahres von Seymour M. Hersh in der Mai-Ausgabe von THE NEW YORKER .

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