"Agfa inside" - Leica insolvent?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 13. Juni 2005 um 11 Uhr 19 Minuten

 

Bereits am 20. Mai 2005 hatte die Geschäftsführung des Leverkusener Traditionsunternehmens Agfa Photo beim Amtsgericht in Köln ihren Insolvenzantrag eingereicht.

Am Mittwoch vergangener Woche, also erst fünf Tage danach, erhält der Betriebsrat davon offiziell Kenntnis.

Und erst Ende der letzten Woche beginnt der bundesdeutsche Blätterwald ein wenig zu rauschen - mit Überschriften wie dieser in der
WELT : "Agfa Photo ist pleite". [1]

Makaber, das Ganze: Damit sind erneut gleich mehrere Marken so "gut wie tot", die nicht nur Industriegeschichte geschrieben haben, sondern auch die eigene Lebensgeschichte nachhaltig geprägt: nach ORWO und PENTACON sind es nun: AGFA, ILFORD und LEICA.

Doch die "Nostalgiker" können noch einmal kurz aufatmen, da:

- Ilford durch ein "management-buyout" gerade noch überlebt hat

- Agfa Photo durch eine vorzeitige Zahlung des belgischen Agfa-Gevaert-Konzern derzeit noch fortbestehen wird und bei der

- Leica Camera AG die Rückstellung von Gläubigerforderungen heute den Konkurs hat abwenden können.

So spricht die
WELT von einem "Rettungsanker für Leica". Und doch ist Allen klar, dass die digitale Fotografie schon längst ohne Respekt und Zurückhaltung die Domäne aller dieser "Klassiker" erobert hat.

Es hätte schon viel früher in den Chefetagen darum gehen müssen, diese Entwicklungen zu antizipieren - auch durch den Einsatz von "Leuten wie uns" - um für jeden dieser Fälle die "Nischenmärkte" der Zukunft zu bestimmen und zu beleben: also pro-aktiv auf diese absehbare Krise zu reagieren.

Trotz der aktuellen Schuldenberge geht es weder um Schuldzuweisungen noch um die Aufgabe der "Liebhaberei" für die eigene Leica und die Vorliebe für den immer wieder gegen Kodak und Fuji ausgetesteten Agfa-Dia-Film.

Aber wer von den Vorständen versteht etwas von der DJ-Kultur und deren Liebe zum Vinyl - der alten und doch heute wieder so inter-aktiv genutzten jungen Schall-Scheibe auf den Dual oder Thorens-Plattentellern?

WS.


Aus den Rückmeldungen zu dieser Geschichte seien hier zwei herausgegriffen:

- ein Leser berichtet noch heute mit hoher Begeisterung von seinen Erfahrungen mit dem AGFAPAN Vario XL, der mit einer C41-Entwicklung einen nicht mehr zu übertreffenden Kontrastumfang hatte.

- ein Leser ist Abonent vom Kunstforum und weist auf das ausführliche Gespräch von Heinz-Norbert Jocks nit Wim Wenders hin, in dem dieser mit der "Halbwahrheit" aufräumt, dass er mit dem fotografieren als Vorarbeit zu seinen Filmen angefangen habe.

Dazu Wim Wenders:

Das ist nur halb richtig. Wahrscheinlich bin ich selber ein bisschen an der Verbreitung dieser Halbwahrheit schuld. In meinem ersten Photobuch zur Ausstellung „Written in the West“ habe ich gesagt, dass ich bei der Vorbereitung zu „Paris, Texas“ viel photographiert habe, um auf das Licht und die Farben im Amerikanischen Westen vorbereitet zu sein. (Seitdem photographiere ich ausschließlich nur noch in Farbe.) Und dass ich dabei zum ersten Mal eine Mittelformatkamera benutzt habe, eine Plaubel Makina 6x7. Photographiert habe ich aber schon lange vorher, im Kleinbildformat und in schwarz/weiß. In dem Buch „Einmal“ kommen viele meiner Photos aus den 70er Jahren vor. Seit ich denken kann, reise ich mit einer Kamera im Handgepäck herum. Ich besitze noch Negative aus den 50er Jahren. Schon als Siebenjähriger habe ich eine Kamera geschenkt bekommen, eine Rolleiflex mit Plastiklinsen. Da musste man von oben reinschauen, und damit bin ich nie richtig klargekommen. Später vererbte mir mein Vater seine Leica, das war ein herrlicher Apparat. Als Zwölfjähriger hatte ich eine Dunkelkammer. Eigentlich begleitet mich das Photographieren viel länger als das Filmemachen. Dass ich auf dem Weg war, Regisseur zu werden, begriff ich ohnehin erst bei meinem vierten Film. Bis dahin fand ich das alles gut und schön, aber es war weder ein ersehntes Berufsziel noch etwas, was ich ernsthaft fortzusetzen hoffte. Erst beim Drehen von „Alice in den Städten“ hatte ich das Gefühl, etwas zu tun, was weiterzumachen sich lohnen würde. Da erst habe ich das Filmemachen als mögliche Existenzform begriffen, was sage ich, als die bestmögliche Arbeits-, Lebens- und Erzählform. Beim Dreh von „Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter“ war mir das noch gar nicht klar. Da war es eine neue, tolle Erfahrung sowie ein Privileg, überhaupt einen „richtigen“ Film machen zu dürfen. Aber eigentlich ging es mir so, dass ich dachte, gleich wirst du wach, und dann ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Ich hatte echt keine Ahnung, dass das mal zu meinem Beruf werden würde. Erst nach diesem vierten Film gab ich in Hotels als Berufsbezeichnung „Filmregisseur“ an. Zuvor wäre mir das nie in den Sinn gekommen. Ich habe da immer alles mögliche reingeschrieben. Aber all diese Berufsbezeichnungen waren wie falsche Namen, wie Pseudonyme. So was gibt einem ja auch eine große Freiheit. Anonymität kann viel kreatives Potential freisetzen. Es ist kein Zufall, dass ich seit jeher besser in Hotels, am allerbesten in Zügen oder Flugzeugen schreiben kann. Da muss ich nie lange überlegen, da läuft mir alles nur so von der Hand. In Zügen oder Flugzeugen ist man als Passagier noch anonymer denn als Gast in einem Hotel. Da oben am Himmel ist man sozusagen mit unbekannter Identität unterwegs. Berufslos.

Anmerkungen

[1Und dem dpa-Knipser -Sorry Folks - ist offensichtlich nichts besseres eingefallen, als nochmal in seine Grabbelkiste zu greifen, eine seiner liegengebliebenen Rollen abzulichten und unter der Überschrift "Historischer Film" ins Netz zu stellen. siehe oben.


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