Weisswurst essen mit Herrn B.

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 10. Januar 2006 um 15 Uhr 48 Minuten

 

Es ist zwanzig vor 12. Die Pressekonferenz im Hause des Deutschen Fussball Bundes DFB am Freitag, den 6. Januar ist zu Ende. Auch das Poolinterview für die TV-Crews. Endlich ist Zeit für einen kleinen Moment des Innehaltens. Herr B. hatte sich sein Weissbier schon vom Tablett servieren lassen und sodann eigenhändig einen Teller mit zwei Weisswürsten vom Buffet geholt.

Das RESERVIERT-Schild wird an die Seite geräumt und so ist Platz für einen zweiten Berliner, der ebenfalls mit dem Zug nach Frankfurt gekommen war und jetzt einer Stärkung bedurfte. Wie aber geht man mit Messer und Gabel angesichts dieser Würste um? So fragt er Herrn B. wie er denn mit dem Scheiden der Weisswürste halte: und dieser macht es ihm vor.

Und so stehen wir zu Dritt beieinander, in diesem Moment einer privilegierten Pause. Es ist wie in der Mitte eines gerade abklingenden Tornados. Rundherum schwirren noch massenhaft Leute mit den Kameras und Tonaufzeichnungsgeräten aller Art und hier im Zentrum all dieser Geschäftigkeit steht der Herr Beweger mit zwei Multiplikatoren an einem kleinen Tisch - und es ist plötzlich fast wie privat. Wir reden über das Essen, Herr B. wird nach seiner Mutter gefragt, wir reden über München und Berlin - und es ist off-the-record-time.

Aber dann ist es vorbei mit dieser Ruhe im Auge des medialen Wirbelsturms. Denn auch jetzt, mitten beim Essen, kommt eine Reporterin auf Herrn B. zu und bittet ihn, ein Begrüssungs-Statement für die Hörer ihres Kölner Sender abzugeben. Seinem Wunsch, doch erst fertig essen zu dürfen, wird nur widerwillig stattgegeben, was wiederum Herrn B. stört. Aber er schimpft nicht. Nach einem weiteren Schluck Bier und einem letzten Bissen wendet er sich von uns ab - und macht sein Statement: in dem er am Schluss seiner Ansage die Hörer von „Bayern 3“ begrüsst... Klappe. Peinliches Grinsen und lautes Lachen der Beobachter mischen sich. Da capo al fine. Und dieses zweite Mal stimmt dann auch die Ansage. Diese Mal sogar mit der Frequenzzahl des Senders, die die Reporterin vor dem da Capo noch mit eingeflüstert hatte.

Und dennoch scheint sie nicht zufrieden gestellt zu sein: sie hängt sich mit Ihrem Mikro an die Lippen des „Kaisers“ und fragt ihn sogleich noch nach seiner Meinung über den einen oder anderen Kicker aus. Auch wenn das vorher von ihr nicht angekündigt war, er reagiert weiterhin gelassen und äussert sich mit kaum noch zu übertreffender Deutlichkeit. Er, dieser Spieler, solle sich vielleicht weniger Zeit für das Erfüllen seiner Werbeverpflichtungen herausnehmen, dann könnte er sich auch eher um die Bewältigung der anderen anstehenden Aufgaben kümmern...

Die Zeit nach der PK ist auch ein Teil der PK und für viele offensichtlich fast die wichtigere: sei es, dass das Buffet gestürmt wird, sei es, dass die VIPs belagert werden. Während die Rundfunkleute zunächst noch eine Chance haben, blitzen die TV-Crews, die mehr haben wollen als was das Pool-Interview hergegeben hat, sofort ab. Mit Ausnahme eines Teams aus Vietnam, das angeblich eigens für dieses Interview nach Deutschland eingeflogen sei sowie jener Fragesteller, die ihren Interviewwunsch zuvor angemeldet hatten.

Nach den Momenten des Privat-sein-Könnens und der verabredeten oder spontan erbettelten „Nachklapps“ kommt die Phase der Funktionärs-Connections. Jetzt treffen sich die Hockeyspieler an einem Tische, die DFB Vizes an einem zweiten und das Presseteam an einem anderen. Jetzt hat die Zeit der Corporate-Insider-Communication begonnen. Inzwischen werden die Kameras und Recorder nach und nach verpackt und die ersten Reporter sind schon von dannen gezogen.

Jetzt beginnt auch der Koch mit seinen Helfern, das Buffet mit dem noch Verbliebenen neu zu arrangieren und sich fit zu machen für die letzte après-PK-Phase: die der individualisierenden Kleingruppen. Es sind dies diejenigen, die bis jetzt ihren Job haben machen müssen und sich nun auch noch was zu essen holen können und es sind jene Versprengten, die - warum auch immer - noch Zeit haben.

Zum Beispiel, bis der nächste Zug einen wieder zurückbringt. In diesem Falle von Frankfurt am Main bis nach Berlin. „Was, sie sind extra aus Berlin hierher angereist“, hatte Herr B. gefragt. Und so war es gelungen, anstatt selber um das Fragerecht betten zu müssen, in wenigen kurzen Sätzen das eigene Anliegen mitzuteilen - und schliesslich mit einem „gut, Sie kommen dann auf mich zu“ verabschiedet zu werden: „Mission accomplished“.

Der inneren Stimme allerdings, doch diese Gelegenheit nicht ungenutzt und sich gemeinsam fotografieren zu lassen, wird nicht nachgegeben.

WS.


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