Jutta oder Ben?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 19. Januar 2006 um 09 Uhr 07 Minuten

 

Für diesen Abend war eine Einladung der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung angesagt: Eine Soirée mit einer Hommage für Jutta Lampe.

Das Programm vom Mi 18. Jan. 2006, 20.00 - 21.30
- Begrüßung: Dr. Norbert Lammert, MdB, Präsident des DBT, Stv. Vors. der Konrad Adenauer Stiftung
- Laudatio: Prof. Dr. Peter Raue;
- Lesung: JUTTA LAMPE liest Ingeborg Bachmann;
- Musik: Turan von Arnim und Andreas Kern;
- Schlusswort: Dr. Hans-Jörg Clement

Alljährlich ehrt die Konrad-Adenauer-Stiftung eine herausragende Persönlichkeit der deutschsprachigen Kultur. Nach Schriftstellern wie Adolf Muschg, Elisabeth Borchers oder Christoph Ransmayr gilt die Ehrung 2006 der Schauspielerin Jutta Lampe. Jutta Lampe zählt zu den herausragenden Charakterdarstellerinnen der deutschen Bühne und des deutschsprachigen Films. Bis zur Jahrtausendwende spielte sie an der Schaubühne Berlin umjubelt in Produktionen von Zadek, Peymann, Stein und Wilson, aber auch bei den Salzburger Festspielen oder am Wiener Burgtheater. Dem Filmpublikum wurde die international und national mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin vor allem durch Margarethe von Trottas „Bleierne Zeit“ bekannt.

Es gibt eine Reihe persönlicher Gründe, diese Einladung anzunehmen. Jutta Lampe war in der zweiten Hälfte der 60er Jahre eine der wichtigen Schauspielerinnen in Bremen, die mit ein Grund dafür waren, selber schon als 16jähriger die erste Theatergruppe gegründet und inszeniert zu haben.

Doch dann, beim Verlassen des Büros, steht nebenan an der Kinokasse: Ben Becker, ein Weizenbier trinkend. Im grossen Saal läuft die Deutschlandpremiere von Oliver Hirschbiegels Film "Ein ganz gewöhnlicher Jude" [1].

Und plötzlich steht auch hier die eigene Familien-Geschichte vor Augen und plötzlich ist klar, dass der Weg in die Welt der Etablierten abgebrochen wird und stattdessen der Kinobesuch "vor Ort" angesagt ist.

Oliver Hirschbiegel - Regisseur:
"Wir haben es eben im Umgang mit Juden immer zuallererst mit einer unglaublichen Menge von Klischees zu tun. Deshalb wollte ich es vermeiden, einen Prototypen eines jüdischen Gesichts mit jüdischer Nase vor die Kamera zu stellen. In erster Linie fiel die Entscheidung für Ben, weil er ein hervorragender Schauspieler ist. Und dann kann man sagen, dass er am allerwenigsten eine Person darstellt, von der man annehmen würde, dass sie Jude ist. Das fand ich gut. Das war ein echter Vorteil."

Als Hirschbiegel - so schreibt Knut Elstermann [2] - sich für Ben Becker entschied, wusste er nicht, dass sein Darsteller selbst Jude ist. Und auch Becker hat erst durch den Film begonnen, darüber nachzudenken.

Ben Becker:
"Ich habe mich mit dem Thema Judentum nie auseinander gesetzt. Ich bin nicht so erzogen worden. Aber meine Mutter musste irgendwann in Dänemark zur Schule. Aber dann fragte ich mich, wo Oma eigentlich herkommt. Und weiß jetzt so ungefähr, was eine Chanukka -Kerze ist."

Dieser Film wirkt - bei all der guten Arbeit der Beteiligten - letztendlich nicht wirklich "glaubhaft" oder gar "authentisch". Und doch ist es gerade dieser Bruch mit der Wirklichkeit und der permanente Versuch ihrer Rekonstruktion der es spannend macht, "dran" zu bleiben: dieses sich selbst entecken wollen, dieses sich als Prozess und als Produkt ausstellen zu wollen, intim und doch durch die Kamera und mit dem Mikro [3] extrovertiert ... [4]

Oben im ersten Rang, sehen wir uns wieder, ohne wirklich voneinander zu wissen. Beide stehen wir mit dem Rücken zur Wand und plötzlich im obskuren Licht der Filmprojektion fragt mich Becker ob er "hängt" - will sagen: seine Darstellung im Film "Durchhänger" hat, also zu langatmig wirken würde.

"Nein", so die Antwort, "denn bei mir läuft ein ganz eigener Film". Und dem war so: bis hin zu den Assoziationen zum Motorgeräusch der IBM-Kugelkopf-Maschine, an der schliesslich im Film ein langes Manuskript entsteht, in der der Journalist Emanuel Goldfarb aus seinem Leben erzählt - angestachelt von der Bitte, in einer Schulklasse über sein Leben zu erzählen. Und im eigenen Film die mehr aus tausend Seiten Text die wieder aus dieser Maschine herausqeullen, in denen über Bert Brecht und die Zeit des Exils während des "Dritten Reichs" die Rede ist.

Total nervös und wie ein aufgescheuchter Falter zieht es ihn immer wieder in den Zusschauerraum hinaus - und auch wieder hinein. Es sei jetzt drei Monate her, dass er den Film nicht mehr gesehen habe, sagt er nach der Aufführung und wendet sich dann wieder seinen Freunden und Kollegen zu: seiner grossen Familie, seiner eigenen Welt.

Jutta und Ben, zwei Geschlechter, zwei Generationen, zwei Welten. Und doch ein Leben: für die Kunst.

Anmerkungen

[1Nach dem Buch von Charles Lewinsky.

[2in der rbb-online-Ausgabe von "STIL-Bruch" zum Kinostart am 19. Januar 2006

[3Es ist allerdings zu hoffen, dass die anderen Kopien mit einer besseren Ton-Mischung ausgestattet sind als die an diesem Abend vorgeführte

[4Siehe dazu auch das Interview und den Beitrag "Ein gespaltenes Verhältnis" von Jörg Taszmanin "FAZIT" vom
Deutschlandradio Kultur .


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