Brecht-Haus statt Berlinale-Palast

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 11. Februar 2006 um 12 Uhr 39 Minuten

 

Wenn es nicht diese Einladung in die Chausseestrasse 125 gegeben hätte, natürlich wäre an diesem Abend die Eröffnung der Berliner Filmfestspiele angesagt gewesen. Aber dann kam diese Einladung: unverhofft, überraschend und vielversprechend: im Brecht-Haus gäbe es an diesem Abend eine Unterhaltung zwischen Wolfgang Engler, Soziologe, Rektor der Schauspielschule „Ernst Busch“, Autor des Buches „Bürger, ohne Arbeit“

und Guillaume Paoli, Publizist und Mitbegründer der „Glücklichen Arbeitslosen“.

„Staatsbürgerkunde“
Keine Krise wird heute so oft besprochen wie die Arbeitsgesellschaft. Obgleich sich die Kritiker über Ursachen und Symptome einig sind, weichen ihre Überwindungsvorstellungen erheblich voneinander ab. Engler plädiert für ein staatlich garantiertes Grundeinkommen für jedermann - die Emanzipation des Bürgers von der Arbeit sei die Vervollkommnung des politischen Ideals der Aufklärung. Hingegen legt Paoli den Akzent auf die Herstellung sozialer Gefüge abseits von Staat und Markt. Allein das Prinzip Gegenseitigkeit sei imstande, mit dem herrschenden Wirtschaftsegoismus zu brechen. Ein Meinungsaustausch über Möglichkeiten und Wege der Neugestaltung.

Dass eine solche Veranstaltung überhaupt den Reiz einer Berlinale-Eröffnungsnacht von ihrem Ansatz her hat ausser Kraft setzen können, beruhte auf persönlichen Motiven: die Person, die eingeladen hatte, hatte daran ebenso ihren Anteil daran wie der Rahmen und Ort der Handlung: die BRECHT-TAGE 2006 im Brecht-Haus in der Chausseestrasse 125.

Auf welches Jahr ging der Besuch der ersten „Brecht-Tage“ zurück: 1978 soll es gewesen, oder waren es schon die Jahre zuvor? Auf jeden Fall hatten in jenen Jahren diese Begegnungen und Gspräche rund um das Thema der Brecht-Rezeption in der eigenen Berichterstattung einen ebenso hohen Stellenwert wie die IFA in den Neunzigern und die CeBIT in diesem Jahrzehnt - auch wenn das Eine mit dem Anderen scheinbar Nichts miteinander zu tun haben mag.

Mit diesen Referenzen im Kopf war die Neugierde gross, an diesem Abend erleben und erfahren zu wollen, was aus dieser einst so renommierten Veranstaltung geworden ist.

Allein, schon der Weg dorthin war ebenso schwierig wie der Versuch, noch Einlass zu finden. Nach zügiger Fahrt durch das verschneite Westberlin mussten einmal mehr grosse Baustellen passiert werden, bevor es über die Brücke in den Osten ging. Und dort, um die Chausseestrasse herum, standen die Wagen dicht an dicht in den Parknischen und selbst auf allen sonst noch irgendwie zuzustellenden Parkmöglichkeiten.

Als schliesslich doch noch ein freier Platz gefunden ward, hatte die Veranstaltung schon längst begonnen: Offensichtlich mit einem Film mit Bildern aus einem lateinamerikanischen Land und mit Untertiteln. Wirklich hören hatten man davon ja nichts, aber man hatte von draussen durch die Scheibe sehen und die Untertitel mitlesen können. Denn, obwohl noch wenige Plätze im Saal frei waren, hatte man uns an der Tür zunächst abgewiesen.

Nach dem Ende des Filmes geht dann das Licht wieder an und die wenigen leeren Plätze werden nunmher so offensichtlich, dass zwanzig Minuten nach Beginn der Veranstaltung noch mal ein Versuch gemacht wird, Einlass zu finden. Und dieses Mal, wo alles hell ist, wird dieser auch gewährt - ohne zugleich als erstes zugeraunt zu bekommen: „vergessen Sie nicht, am Ende zu bezahlen“.

Was zunächst die Augen erfassten, dann die Ohren und dann allmählich zu erreichen versuchte, war zunächst eine seltsam gespannte Atmosphäre, in der den Ausführungen der Protagonisten über ihrer jeweilgen Werke und Ansichten - zunächst - gelauscht wurde.

Es gab ein Showdown der schönen Sätze über das Leben, das sich auch dann lohnen sollte, auch wenn man keine Arbeit habe: als Gegenmodell zu der gar nicht mehr weiter reflektierten Denkfolie, dass es "schön" sein, wenn man sich seine Existenz "Dank" seiner Arbeit würde sichern können.

Dennoch wird dieser Diskurs hier nicht nochmals im Detail zur Kenntnis gebracht. Denn eigentlich spottete das, was sich danach abspielte, jeglicher Beschreibung.

Denn: Die wirkliche Provokation waren weder die Thesen eines Wolfgang Engler noch die Gegenrede von Guillaume Paoli, sondern die Unfähigkeit der beiden Akteure, ihre jeweiligen Denkmodelle wirklich glaubhaft „in Szene zu setzen“ - und das trotz, ja teilweise gerade aufgrund ihrer hohen intellektuellen Kompetenz im Umgang mit Worten und Begriffen, Verweisen und Zitaten.

Da hatten sich zwei gegenseitig gelesen und waren miteinander in der Lage, ihr jeweiliges Nicht-Einverständnis mit der Position des Anderen auch zur Sprache zu bringen. Sie schienen offensichtlich gefallen aneinander und an dem Miteinander im Gegeneinander zu finden.

Nur das Publikum fand diese Art des Vortrages alles andere als erkenntnisstiftend.

Zum "guten Schluss" wurde die Veranstaltung mehr oder weniger spontan abgebrochen, als eine Zuschauerin auf ihrem Stuhl mit lautem Krachen und Rufen des Erschreckens zusammenbrach.

Erstaunlich genug, dass sich niemand getraut hatte, am Ende dieser Veranstaltung an der Kasse sein Geld zurück zu verlangen. Nicht der Akteure und nicht des Publikums wegen, sondern wegen der selbstverschuldeten Unmöglichkeit der Veranstalter, einen sinnstiftenden Dialog entfalten zu lassen.

Es war niemand da, der die Positionen der Beiden nochmals hätte vortragen oder im gezielten Wettbewerb der Ideen zur Sprache bringen können. Wäre ein guter Moderator, eine gute Moderatorin wirklich zu teuer gewesen, eine gute Moderation zu schwierig?

Besser als jede Polemik lässt sich vielleicht das Ergebnis des Abends in der Frage zusammenfassen, die einer der Teilnehmer den Akteuren nach vollzogener Tat wie folgt stellte: „habt ihr fünf oder zehn Minuten gebraucht, um Euch auf diese Veranstaltung vorzubereiten“?

PS.: Dass an diesem gesamten Abend kein einziges Brecht-Zitat gefallen ist, mag nicht unbedingt ein Manko sein. Aber dass man es nicht vermocht hat, sich gedanklich in der von ihm begründeten und gepflegten Tradition des kritischen Dialoges über die eigene Krise zu verorten, ist schon ein „Armuts“-Zeugnis.

Wie heisst es doch in Brechts letztem Exildrama ebenso schlicht wie ergreifend:
"Wofür leistet man etwas? Dafür, dass man sich etwas leistet"!

Nachtrag: am Sonnabend dieser Woche wird im Morgenprogramm vom Info-Radio des RBB ein Berlinale-Interview mit George Clooney ausgestrahlt. Am Schluss spricht er über seine eigene Erfahrungen in der arabischen Welt und schliesst mit dem Satz: "I think it would be good to get everybody wealthy".


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