ANTONY: Mögliches und Unmögliches

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 20. Juni 2006 um 15 Uhr 27 Minuten

 

Im Juni 2005 wurde der Antrag auf Verlängerung der CARTE DE SEJOUR eingereicht. Ein Jahr lang Wartzeit ist verstrichen. Auf die telefonische Anfrage - nach 8 Anrufen und auf mehrere Stunden akkumulierte Wartezeiten die Auskunft, dass es keine Benachrichtigung gäbe, wenn der neue Ausweis fertig gestellt worden sei. Die einzige Möglichkeit, darüber Gewissheit zu haben, sei ein Gang direkt zur Sous Préfecture d’Antony.

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Also: Anreise mit den Nachtzug bis zum Bahnhof Paris Nord und Umsteigen in die RER Linie B4.

Auf dem Bahnhof wird erneut versucht, ein Paris-Visite-Tagesticket einzulösen, dass ein Jahr zuvor per Internet und Visa-Zahlung bestellt worden war und zum damaligen Zeitpunkt am Schalter nicht hat eingelöst werden können. Bei diesem zweiten Versuch am Schalter LES RÉSEAU TRANSILIEN - auf so einen Namen muss man erst einmal kommen - klappt alles auf Anhieb. Obwohl eigentlich der Gültigkeitszeitraum für ein solches Ticket auf ein Jahr begrenzt ist.

Damit wird eine der zentralen Erfahrungen nach einem Jahrzehnt in Frankreich einmal mehr bestätigt. Widerstände im System immer wieder zum Anlass zu nehmen, erneut nach einem Aus-Weg zu suchen.

Dieser Erfahrung sollte sich alsbald in der Sous Préfecture d’Antony wiederholen. Obwohl die Öffnungszeiten von 8.30 bis 16 Uhr angegeben sind, ist bereits am Vormittag die Schlage der Wartenden so lang, dass zum Zeitpunkt der Ankunft keine Tickets mehr ausgegeben werden. Es ist noch nicht einmal 10 Uhr. Und die Situation ist so dramatisch, dass von den Sicherheitskräften noch nicht einmal der Zugang zum Gebäude freigegeben wird.

Einmal mehr gilt es, alle Erfahrung der französischen Dritt-Sozialisation zusammenzunehmen und
-  sich einen Weg ins Gebäude zu verschaffen
-  Zugang zur Personen zu bekommen, die theoretisch am Auskunftsschalter sitzt, dort aber nicht zu finden ist
-  im Gespräch mit ihr die eindeutige Empfehlung, am Folgetag wiederzukommen und sich gleich morgens um 6 Uhr anzustellen in eine Nachricht zu „verwandeln“, die dem aktuellen Interesse besser entspricht
-  Rechung zu tragen, dass im Falle einer Ausnahme-Entscheidung diese vor den Augen der anderen Wartenden nicht augenscheinlich wird, um so auf jeden Fall den Verdacht einer benachteiligten Behandlung zu vermeiden.

Als all diese Ziele erricht sind - was schon fast einem Wunder gleichkommt - steht fest, dass es jetzt nur noch darum geht, Geduld zu bewahren. Viele, viele Stunden Geduld.

Der Versuch, in dieser Zeit etwas Produktives anzustellen schlägt gründlich fehl. Schon im letzten „Besuch“ dieses Amtes wurde ein Punkt entdeckt, an dem es möglich war, seinen Rechner an das Stromnetz anzuschliessen. Der Versuch, gleiches an in diesem Jahr zu wiederholen, schlägt gründlich fehl. Die Sicherheitskräfte haben gleich einen doppelten Grund zu intervenieren: der öffentliche Verkehr würde dadurch behindert und die Nutzung des Stromnetzes in diesem Gebäude sowieso untersagt.

Daraufhin beginnt die Odyssee durch das Gebäude nach einen anderen Punkt, an dem es eine Steckdose gibt. Schlussendlich wird in der ersten Etage ein solcher Ort gefunden und die Nutzung vom Personal in den umliegenden Räumen toleriert. Und dann, die nächste „Cata“: der Stecker bricht an der Steckdose ab. Und damit ist nicht nur die Steckdose blockiert, sondern auch die Möglichkeit versperrt, den Rechner noch längere Zeit zu nutzen.

Wieder einmal eine der Situationen, die einen zur Verzweifelung treiben kann - und doch nichts anderes erfordert als mit kühlen Blut und klarem Verstand nach einer Lösung zu suchen. Und die Lösung für alles, was „electromenager“ betrifft, lautet seit eh’ und je: DARTY.

Vor der Préfecture gibt es den Bus 379. Und wie sich nach vielem Fragen herausstellt, fährt er bis nach Fresnes - und hält dort direkt vor einem ganz grossen DARTY-Supermarkt. Also: nichts wie hin!

Dort angekommen gibt es die nächste grosse Enttäuschung - und Herausforderung, das Unmögliche doch noch in eine gutes Ende zu überführen. Das Kabel mit dem abgebrochenen Stecker in der Hand des Fachverkäufer. Dieser sucht nach einem entsprechenden „specimen“ und gibt schliesslich entnervt auf: auch wen das ein durchaus handelsübliches Format sein, könne diese nur auf Bestellung bei ihnen bezogen werden. Das einzige was er noch tun könne, wäre mir eine andere Adresse zu nennen, wo ich vielleicht mein Ziel erreichen könne.

Mit dieser Adresse in der Hand zurück zum Ausgang - und dort, einer inneren Eingebung folgend: Noch einmal in die Tiefe der Geschäftsräume zurückgekehrt. Vielleicht gibt es ja einfach nur einen 220-Stecker zu kaufen, den am an nur nach ans das Kabel anschliessen bräuchte. Nein, so ein anderer Verkäufer. So ein einfacher Stecker, wie man ihn früher in den Elektrofachgeschäften hat kaufen können, das gäbe es bei Ihnen nicht mehr, und eine „station de service“ auch nicht  .

Aber: Halt! Und der Mann macht sich auf und geht zur Abeilung Fernseher. Und dort geht er an seinen eigenen Schreibtisch. Setzt sich an denselben und beginnt sich zu bücken und dann unter denselben zu kriechen. Dort macht er sich über eine ganze Armada von Steckern und Anschlüssen her - und taucht nach einigem Suchen mit einem schwarzen Kabel wieder auf. Ein Kabel mit genau den benötigten Steckern bzw. Buchsen.

Er drückt mir das in die Hand und sagt „a votre service“. Und sagt auf meine Nachfrage, ich könne damit das Geschäft so verlassen, ohne an der Kasse vorbeizugehen. Schliesslich sei das kein neues Teil mehr und könne daher auch nicht verkauft werden. Er bekommt eine Visitenkarte und eine Einladung für eine Berlinführung, fass es ihn jemals dahin verschlagen würde.

Einmal mehr ist das Unmögliche möglich geworden - und schon naht die nächste Herausforderung. Der Haltestelle für den Bus, der sogar ausserfahrplanmässig am DARTY-Supermarkt gehalten hatte, ist aufgrund einer Baustelle aufgehoben. Und: eine Ersatzhaltestelle gibt es nicht. Also: Zurück-Marsch-Marsch bis zur Marie des Fresnes. Dort gibt es die nächste Überraschung. An dieser Haltestelle finden Baumarbeiten statt und grosses Gerät verstellt dem Bus die Zufahrt. Aber so was macht den Franzosen nichts aus: man verlegt einfach die Haltestelle an einen anderen temporären Ort, der nur für diesen Moment eingerichtet wird. Eine ganze Schulklasse mit ihren Begleitpersonen findet diese Ort ebenso schnell wie der Berichterstatter. Und so ist dann auch die Rückfahrt zur Préfecture sichergestellt.

Last, but not least, das Unmögliche, das Wirklichkeit wird. Die für meine Person ausgestellte Wartenummer 831 wird aufgerufen: am Ende des Tages. Ausgestellt um 9:13 Uhr wird diese Nummer nachmittags um 16:45 aufgerufen.

Stunden über Stunden war so Gelegenheit gegeben, mit zu erleben, wie an den Schaltern 20 und 21 - sowie ggf. durch die Intervention des „Chef de Service“ am Schalter 23 die Leute nach und nach „abgefertigt“ wurden. [1]. Am beeindruckendsten aber ist der Aufbau des Schalters selber. Während der Sachbearbeiter auf seiner Seite einen Sitzplatz hat, muss der Antragsteller stehen. Und sieht seinen Gegenüber durch eine Glasschreibe. Will er mit seinem Gegenüber direkt in die Augen schauen, muss er bzw. sie sich Bücken und in dieser Haltung den kleinen Schlitz nuten, der zwischen dem Bedientresen und der darüber befestigten Glasscheibe angebracht worden ist. Das sind Bilder - auch wenn sie so nicht fotografiert worden sind - die sich in die Erinnerung einbrennen. Alle diese Menschen, die unterschiedlichen aber immer gebückten Haltungen mit ihrem Gegenüber den Gesprächskontakt aufnehmen. Aus der Epoche der Unterdrückung ist eine der „Unterbückung“ geworden.

In dem Schlussgespräch dieses Tages ist die Auskunft ebenso klar wie vernichtend. ER: Nach den neuen Richtlinien sei es ja gar nicht mehr notwendig, noch eine neue Carte de Sejour auszustellen. ICH: Aber der Antrag sei vom Juni 2005 und damals habe es eine solche Regelung nach gar nicht gegeben. ER: das spiele jetzt keine Rolle mehr, wo es diese Neuregelung geben würde. ICH: Und mein Dossier? ER: Ein Dossier von mir würde es nicht geben. ICH: ??? ER: Ich könne ja den Antrag nochmals ausfüllen und noch mal zur Bearbeitung einreichen.

Das ist - einmal mehr - der Zeitpunkt, zu versuchen, aus dem Unmöglichen noch eine Möglichkeit für einen Ausweg zu suchen, der beide Seiten zufrieden stellt. Fragen an den Chef de Service. ER: Man habe in der Tat alle Anträge von EG-Bürgern „in die Ecke gelegt“, in der Hoffnung, dass die Neuregelung deren Bearbeitung sowieso überflüssig machen würde. ICH: Es gäbe aber dennoch berufliche Gründe, dass der neue Antrag gestellt worden sei. ER: Aber wieso denn, man müsse doch nur den Arbeitgebern die neuen Reglungen erklären können. ICH: Dass allein reiche nicht immer, in Deutschland wie in Frankreich gäbe es auch heute noch viele Anlässe, in denen nach einem entsprechenden Dokument gefragt würden. ER: Grundsätzlich haben Sie auch heute noch Anspruch auf ein solches Dokument. Sie müssten es in der Tat nochmals neu beantragen, auf den alten Antrag verweisen und begründen, dass sie dieses Dokument trotz der Neuregelung dennoch benötigen würden. ICH: Und wenn das dann bearbeitet worden ist, wird man dann benachrichtigt? ER. Aber sicher, mit einer entsprechenden „convocation“ kommen Sie wieder bei uns vorbei und holen sich dann ihr neues Dokument ab.

Also: hier konnten die Verhältnisse nicht zum Tanzen gebracht werden. Und auch dieser Mann konnte nicht dazu bewegt werden, seinen Namen preiszugeben. [2] Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und zumindest hat sein Aussage Hoffnung gemacht, dass nach einem Jahr Wartezeit sich doch noch ein Lösung abzeichnen könnte.

Anmerkungen

[1Diese Beobachtungen zusammenzufassen wäre eine weitere Geschichte für sich selbst: jedes neue Gespräch am Schalter: Ein neuer „Schicksalsschlag“ oder ein Erfolgserlebnis des Antragstellers, je nachdem...

[2Und das hat Methode: So hat der Fragesteller und Antragsteller nie die Möglichkeit, sich auf eine Aussage zu beziehen, auf der er/sie das weitere - oft mit weiteren Kosten verbundene - Handeln aufgebaut hat. Die Auswirkungen vieler solcher unzureichenden wenn nicht falschen Auskünfte konnte im Verlauf der stundenlangen Beobachtungen des Geschehens an den Schaltern beobachtet werden.


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