Medientage München_06 (I)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 19. Oktober 2006 um 15 Uhr 32 Minuten

 

Skizzen von der "Elefantenrunde" zum Thema: Medien auf Abruf - Folgen der Individualisierung für die Kommunikationsgesellschaft [1]

Die Bühne ist wie besetzt wie folgt:

- Prof. Dr. Hubert Burda, Vorstandsvorsitzender Hubert Burda Media, München

- Jürgen Doetz, Präsident Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT), Berlin

- Guillaume de Posch, Vorstandsvorsitzender ProSiebenSat.1 Media, Unterföhring

- Prof. Dr. Thomas Gruber, Vorsitzender der ARD, Intendant Bayerischer Rundfunk, München

- Ferdinand Kayser, CEO SES ASTRA, Château de Betzdorf

- Dr. Herbert Kloiber, Geschäftsführender Gesellschafter Tele München Gruppe, München

- Dr. Georg Kofler, Vorsitzender der Geschäftsführung Premiere, Unterföhring

- Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), München

- Prof. Markus Schächter, Intendant ZDF, Mainz

- Dr. Edmund Stoiber, Ministerpräsident des Freistaates Bayern

- Christof Wahl, Sprecher der Geschäftsführung Kabel Deutschland, Unterföhring

Moderation:

- Helmut Markwort, Chefredakteur FOCUS, München

Notate:

Dr. Kofler ist erstaunt, dass nach den vielen Runden, an denen er schon teilgenommen habe, es noch nie so harmonisch war wie in diesem Jahr. Dem müsse er eine, seine Position entgegensetzen. Und dann verlangt er den "Proof of the Pudding": einen fairen Zuleitung der TV-Signale zum Endkunden. Und damit verlangt, ausgerechnet er, zum ersten Mal den Regulator auf den Plan. Schliesslich habe es einen Paradigmenwechsel gegeben, seitdem die Infrastrukturanbieter nun auch Konkurrenz bekommen haben durch die Plattformanbieter.

Dr. Stoiber hat eine „gewisse Sorge“, dass die Akzeptanz der Menschen für die Sondersituation der Öffentlich Rechtlichen in Mitleidenschaft gezogen werde. „Wir werden sicherlich in Bad Pyrmot noch mal darüber reden“. Hierzu wird auch in der Runde der Ministerpräsidenten nochmals eine Diskussion notwendig sein.

Dr. Burda: ich habe noch nie jemanden erlebt, der im PC Radio hört oder sich das Programm der ARD ansieht. Wir sind vielmehr so in Frage gestellt durch eine neue „Gegenöffentlichkeit“. Die Bloggers stellen sie her und selbst die werden sich nicht diese Programme ansehen. Die Digitalisierung der Übertragung mache sie überall empfangbar. Und das sei das Problem.

Die ARD, so Dr.Burda, mache 350 Millionen an Werbung und erhalte insgesamt 7 Millionen an Einahmen. Und jetzt wollen Sie ausgerechnet noch im People Business mitmischen, dort, wo wird die Helden, die wir brauchen, aufbauen und wieder runterfahren. Sie nehmen sich die Marken der alten Fortsetzungsromane und fahren nachmittags das Zeug ab und sind so dabei, ihre eigene wirkliche Marke zu beschädigen.

Dr. Herbert Kloiber, ist der letzte Österreicher in der Runde. Ob er als kleiner Bauchladen mit der Tele München noch eine Chance habe? Ja, sagt er: Auch im Jahr 2006 gäbe es ein zweistelliges Wachstum. Und mit dem Cinemaxx sei man nach wie vor auch im Kino engagiert. Uns interessieren alle neue Formen der Auswertung von Content und dies über alle Maassen.

Herr Prof. Dr. Ring: Laut Helmut Markwort „Die graue Eminenz der 15 Landesmedienanstalten“ will, dass für die innovativen Techniken die Vergabeverfahren für ganz Deutschland entwickelt und eingeführt werden. Für die Machtpositionen für die Plattformbetreiber müssen neue Regelungen eingeführt werden. Diese Schlüsseltechnologien müssen diskriminierungsfrei angeboten werden.

Herr Christof Wahl von der Kabel Deutschland mit einer Million Umsatz (vor allem durch die Kabelgebühr) macht klar, dass die Mehrheit der Haushalte über das Kabel „fernsieht“, zunächst analog mit 33 Programmen - über die Must-Carry-Regel - heute auch digital 250 Programme und mehr. Die maximal 365 Programme werden über den Reciever platziert, nicht von der KDG. An dieser Stelle haben alle Programmverantwortlichen eine gemeinsame Regelung geschaffen.

Wird aus dem Free-TV im Satellitenbereich ein „Fee-TV“? Frage an den ASTRA-Chef Ferdinand Kayser. Er sagt: das sei keine Gebühr, sondern eine Technikpauschale. Und diese sei billiger als die dazu im Vergleich stehende Kabel- oder Internetgebühr.

Dr. Kofler: Das IP-TV wird in wenigen Jahren ein anerkannter Distributionsstandard sein.

Dr. Burda: Das Fernsehen ist kein interaktives Medium. Aber synchron und aktuell. Das Internet wird asynchron bleiben.

Dr. Stoiber: Das Free-TV wird sich auf Dauer nicht allein nur über die Werbung finanzieren lassen. Also wird man sich nach neuen Revenuequellen umsehen müssen. Ich sage Ihnen voraus: wenn Sie die PC’s jetzt völlig ausnehmen würden, wird es schon sehr schnell ein freies PC-TV-Angebot geben. Es könnte auf Dauer darauf hinausgehen, dass die Privaten nur über Werbung finanziert werden und die Öffentlich-Rechtlichen über die „Zwangsgebühr“.

In einem neuen Staatsvertrag wird es ein neues Modell geben mit einer Finanzierung für die Öffentlichen Rechtlichen ohne Werbung. Dafür wollen diese Veranstalter 50% des Bouquets. Nach der Meinung von Dr. Stoiber hat sich das Öffentlich-Rechtliche bewährt. Aber Dr. Ring ist nicht der Meinung, dass dieser Hinweis auch bedeuten muss, dass es immer und überall eine 50:50-Regelung geben müssen. Er verweist auf den Rundfunkstaatsvertrag der Länder, nachdem die Radiosender in ihrem Ausdehnungsdrang eingeschränkt werden.

"Es beginnt eine neue Ära für Fernsehen und Hörfunk. Und wir müssen fragen: Wo liegen die Perspektiven in der neuen Kommunikationslandschaft Deutschlands? Hierfür brauchen wir einen runden Tisch, auch mit den Privaten. Wir wollen Mehrwerte zum Nulltarif", sagt ZDF-Intendant Markus Schächter.

Aber dann: erst am Ende der Debatte, kam nach einer Stellungnahme von Seiten des Fernseh-Produzentenverbandes endlich zu einer Stellungnahme zum Thema "user generated content". Dr. Burda beschreibt diese neuen Möglichkeiten und vor allem, wie es mittels "dubbleclick" möglich ist, nutzer- und themenspezifisch seine Werbenachrichten zu platzieren. Und Guillaume de Posch macht deutlich, dass die eigentliche Konkurrenz zu den klassischen Sendern eben doch aus dem Internet komme.

ALLES IN ALLEM:

Einer aus dem Publikum - jemand von Rang und Namen - sagt: "wissen Sie, ich hätte auch ein Band mit einer Aufzeichnung der Diskussion von vor 5 Jahren nehmen und diese abspielen können".

Dass diese Aussage so sachlich nicht haltbar ist, ist klar: klar ist aber auch, dass die hiermit festgestellte Kontinuität ein Alarmzeichen ist: die derzeit vollständig im Umbruch befindliche Lage der Nation in Sachen Mediennutzung und -politik ist in ihrer wahren Bedeutung, ja: Dramatik immer noch nicht erkannt - oder aber so gut wie gar nicht zur Sprache gebracht worden.

Um es noch einen Zacken klarer zu sagen. Auch wenn viele die "alte Laier" von Herrn Stoiber nicht mehr hören können - wie aus der Staatskanzlei zu hören war, stammt die Forderung nach der Abschaffung der Werbung bei den ARD-Anstalten aus dem Jahr 1996 - nach der eigenen Sicht der Dinge könnte es nach 10 Jahren soweit sein, dass diese Forderung sich in den nächsten Jahren in der medienpolitischen Diskussion ihre Bahn ebenen wird.

Insgesamt brachte auch dieses Jahre eine Dank des Moderators wiederum vergnügliche und an manchen Stellen erhellende Diskussion - die aber an einem entscheidenen Thema nicht "zu Potte kam": nämlich bei der Diskussion des gestellten Themas selber.

Bleibt zu hoffen - und zu wünschen - dass diese Medientage in München hier noch Gelegenheiten geben werden, Antworten auf diese neuen Herausforderungen zu geben.

Anmerkungen

[1Da Frau Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin RTL Television in Köln nicht mit dabei war: eine reine Männerrunde.


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