Die Bretter - Welten - Bummler

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 15. Oktober 2006 um 18 Uhr 54 Minuten

 

Am Sonnabend an der Bismarckstrasse den Tintenpatronenauffüllershop besucht - worauf in der Nachbarschaft die Eröffnung des neuen Opern-Shops der DEUTSCHEn OPER BERLIN [1] angekündigt wurde.

Intendantin Kirsten Harms und Fanfaren begrüßen Sie zu einem Nachmittag voller Informationen rund um die Saison 2006|2007, voller Erlebnisse für Alt und Jung. Wir stellen Ihnen unser neues Restaurant Deutsche Oper und den neuen Shop Deutsche Oper vor.

So lautet der erste Satz bei der Ankündigung des ERÖFFNUNGSTAGes DER SPIELZEIT 2006/2007.

Also: Nichts wie hin, denn das aus eigener Sicht spannendste Ereignis ist die Vorführung der Funktionen und Möglichkeiten der neuen Unterbühne.

Allerdings waren schon kurz nach 14 Uhr alle Türen, die zum Parkett rechts hätten Einlass gewähren können, verschlossen. Aber für den Autor dieser Zeilen ist ein Bühnenhaus eine durchaus vertraute Umgebung. Also wandte der sich nach einem unruhig umherschweifend suchende Blick jemanden, der von der Haustechnik sein könnte und der - auf die freundliche Ansprache hin - seinen Imbuss-Schlüssel [2] zieht und die Tür wie ein Sesam-Öffne-Dich in ein Einlassportal verwandelt.

Das Rampenballett war bereits in vollem Gange. Doch das noch miterlebte war von allererster Güte. Der Bühnenboden, sonst plan und frei für jede Perspektive, verwandelt sich in ganz unterschiedliche Raum-Elemente, durch die neue Räume inszeniert werden. Schliesslich erleben wir wie drei Ebenen - nein nicht aus diesem Boden gestampft werden - sondern nach und nach ganz leise und doch unwiderruflich vor uns erscheinen, durch Heben und Senken, ein Himmel und eine Hölle. Genauer gesagt: aus den beweglichen Böden wird ein Tor zum Himmel und ein Fahrstuhl in die Hölle.

Inmitten dieser Technik-Inszenierung ein Mann mit Mikro. Im Programm mit dem Namen Rainer Zacke-Beaucaire angekündigt. Mit wenigen klaren Worten erläutert er die Funktionen, den Umbau und die heute dem Hause und damit den Künstlern zur Verfügung stehenden Möglichkeiten.

Am Schluss sein Dank an Alle - er dann wegen der langen Liste der Namen vollständig entfällt: Zu Gunsten seiner Frau, die ihn in den schweren Tagen des Umbaus so gut ertragen habe.

Wirklich beeindruckend aber waren jene Momente - in denen er nichts sagt; in denen er einfach "nur" auf den sich hebenden und senkenden Böden steht und mit uns im Zuschauerraum - und auch von der Hinterbühne aus - zusieht, wie sich diese Mechanik auf die Gestaltungsmöglichkeiten des Raumes auswirkt.

Das schönste Bild aber ist das Schlussbild.
Er: Ab.

Jetzt haben alle Gäste, die dieser Präsentation zugesehen und applaudiert haben, ihren Auftritt: Denn jetzt ist die Bühne für sie alle zur Besichtigung freigegeben.
Für die wenigen, die noch auf ihren Sitzen verblieben sind, entfaltet sich ein Bild, das man so nicht besser hätte inszenieren können.
Eine authentische Volksszene, wie sie keine Statistenschaar je so gut hätte darstellen können.
Die Menschen auf der Bühne, die sich an diesem Tag das Theater zeigen lassen, zeigen sich selbst. Jede und Jeder für sich - und doch sind sie ein Ensemble. Ganz und gar zufällig. Und doch gesetzt.

Zufällig treffe ich einen professionellen Fotografen. Und das ist gut so, denn bei diesem spontanen Besuch ist die eigene Kamera nicht mit dabei, die Handy-Bilder spotten jeder Beschreibung und er arbeitet mit voller Ausrüstung und Stativ.

Wird er für diese Seite einige seiner Aufnahmen zur Verfügung zu stellen? Nach einigen Tagen des Wartens erhalten wir dann doch eine positive Antwort und dürfen das nachfolgend zitierte Fotos mit einstellen. Merci!

Foto: Lars Reimann, AKUD
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Schlisslich sagt doch ein Bild mehr als tausend Worte über diese Bretter, die in jenem Moment wahrlich die Welt nicht nur bedeuteten, sondern für einen Nachmittag lang zu unserer Welt geworden sind.

Zu Zeiten, wo die Medienleute gerade über die zukünftige Bedeutung des "user generated content" nachdenken, hat dieser kleine Moment eine "user generated connotation" ermöglicht, in der Schein und ihr Sein wirklich eins geworden sind.

Das war vielleicht keine Sternstunde dieses grossen Hauses, aber doch ein ganz und gar unerwartete Sternschnuppe, die da kurzzeitig vor dem Betrachter der Betrachter aufleuchtete.

Also wird dieser Sternschnuppen-Augenblick genutzt, um sich etwas zu wünschen, bevor diese kurze allfällige Verkörperung kollektiver Neugier wieder am Firmament verglüht. Allein, verraten werden darf dieser Wunsch ja bekanntlich nicht, da er sonst nicht mehr in Erfüllung geht...

WS.


Nachtrag 1

Dass dieses Haus der Deutschen Oper Berlin eine Woche später wahrlich "in aller Munde" sein würde, war zur Zeit der Erstellung dieses Beitrags nicht abzusehen. Und dieser wird denn auch angesichts dieser neuen Diskussionen - siehe die Tagesschau vom 26. September 2006 - weder verändert noch gestrichen werden.

Nachtrag 2

Am Abend des 15. Oktober 2006 scheitert der Versuch einer Online-Buchung der Familienvorstellung des Staatsballetts Berlin "Dornröschen. Ballett in drei Akten mit Prolog" kläglich. Da Bilder - hier ein sogenannter "screen-shot" mehr sagen als 100 Worte der Verärgerung - hier der Beweis:

Anmerkungen

[1Interessant: bei der Vorbereitung dieses Textes wurde die URL, die Internetadresse www.deutscheoperberlin.de fälschlicherweise mit Bindestrichen angegeben: Mit dem Ergebnis, auf der Java-basierten Platzbuchungssoftware gelandet zu sein.

[2Es ist nicht verbürgt, ob es nun ein Vier- oder Sechskant-Schlüssel war. Aber es war eine von diesen für so ein Haus "typischen" Schliessvorrichtungen, mit denen früher auch der Zugang zur eigenen Regieloge freigegeben werden konnte.
In diesem Zusammenhang noch die kleine Entdeckung, dass das Wort "Imbuss" bislang nicht im Duden verzeichnet ist, auch im allerneuesten nicht...


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