Finissage in Moskau

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 28. September 2006 um 09 Uhr 07 Minuten

 

Gestern, am Sonntag den 24. September endete eine Ausstellung in der Staatlichen Bibliothek für Ausländische Literatur [1] [2] in der eine Auswahl von Fotoserien gezeigt wird, die in privaten und öffentlichen Bibliotheken von Theoretikern und Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern seit 1995 aufgenommen wurden: zu diesen gehören Karl Schlögel Berlin, Mikhail Ryklin Moskau, Peter Weibel Karlsruhe, Siegfried Zielinski Köln, das Forschungszentrum Juelich, Alexander Men Semchos, das ZKM in Karlsruhe, das Fürst Pückler Schloss Branitz, die Villa Aurora Los Angeles, Vilem Flusser Köln, Sven Gundlach Moskau, Eckhart Gillen Berlin, Natalia Abalakhova/Anatolij Zhigalov Moskau, der b_books Buchladen in Berlin.

Und Lisa Schmitz [3]
mit einer Fotoinstallation, in der alle Bücher um 180 Grad gedreht buchstäblich "mit dem Rücken zur Wand" stehen.

"Es werden", so wird behauptet, "verdichtete komplexe Ordnungsgefuege geistiger Räume und Landschaften spuerbar, die unsere heutige Wissensgesellschaft nachhaltig mitgestalten."

Lisa Schmitz präsentiert dazu einen Text von Andrew Solomon, der als Schriftsteller und Journalist in New York und London lebt und folgendes zu ihrer Installation zu sagen hat.

"Das Buch als Aufbewahrungsort der Ideen.
Das Buch als Idee. Das Buch als Objekt . Die Faszination des Codex. Die potentielle
Ungewissheit des Codex. Die Bibliothek,
gefuellt mit Buechern. Die Bibliothek, gefuellt mit Wissen. Die virtuelle Bibliothek. Die digitale Bibliothek. Die Bibliothek mit Regalen.
Die Buecher mit Ledereinbaenden oder
Moireeffekten. Das Buch als Schmuck. Das Buch als Beleg einer forschenden Intelligenz. Das Buch als Berechtigungsnachweis.

Wir gehoeren der Generation an, die mit Papier aufgewachsen ist, für die das Wissen in den geschriebenen Symbolen auf flachem Holzstoff enthalten ist. Alle unsere Fakten wurden aufgezeichnet auf den Abfaellen von Baeumen. Fuer uns nahm das Buch eine Art heiligen Status an; in dieser singulaeren Form lag der Beweis und die Tatsache unserer Zivilisation. Und wir organisierten unsere Gedanken, indem wir den Buechern eine Ordnung auferlegten. Man konnte sagen, was wir wussten, was uns interessierte, was wir beabsichtigten zu lernen, indem man auf die Buchruecken schaute, die in dem Buecherregal eine Reihe bildeten.

Aber der Gehalt der Buecher - nicht eines bestimmten Buches, sondern von Buechern quer durch das Regal - besteht tatsaechlich aus
Chaos: sie enthalten zu viel an Belesenheit.
Indem Lisa Schmitz Buecher auf den Regalbrettern in situ umdreht, fordert sie die lineare Natur der Information heraus. Sie erweckt in uns die Vorstellung, daß wir nie wissen, was sich in einer Bibliothek befindet, und daß die Fassade der Buecher nie ein wahres Anzeichen dafür ist, was sich in ihnen verbirgt. Wenn wir auf ihre umgedrehten Baende schauen, haben wir das Gefuehl, daß die gewaltigen Mengen der hier sorgfaeltig aufgeschriebenen Weisheit sinnlos sind.

Kunst, das sind Objekte; Literatur, das sind im Prinzip Woerter. Aber wie Lisa Schmitz herausstellt, ist die Balance zwischen diesen beiden nie sehr deutlich.
Jeglicher Autor wird erzaehlen, daß es eine Befriedigung gibt, sein Buch in Haenden zu halten, was bei weitem die Befriedigung übertrifft, die Worte auf dem Bildschirm zu sehen, oder sogar ein Buendel computerausgedruckten Papiers in Haenden zu halten. Das Buch mit seiner heiligen Schoenheit des Einbandes, der Dichte der Bindung und anderen physikalischen koerperlichen Eigenschaften verleiht eine Vornehmheit, der sich die einfache Produktion einer großen Anzahl von Woertern nie naehern kann. Schriftsteller benoetigen das Objekt. Leser benoetigen das Objekt. Und kaum ist das Buch umgedreht und anonym geworden, wie es in den Installationen und Photos von Lisa Schmitz geschieht, so kann man wahrnehmen, daß diese Vergegenstaendlichung der Sprache auf sehr speziellen Konventionen beruht, die einfach unterminiert werden koennen.

Nimmt man die aeusseren organisierenden Faktoren - die Buchruecken - von einer Gruppe von Buechern weg, so ist man von der Unmoeglichkeit, zu wissen, ueberwaeltigt. Nichtigkeit der Nichtigkeiten, alles ist Einbildung im Reich des Wissens."

Hat man all dies gelesen - ist man beeindruckt und verwirrt zugleich. Beeindruckt, weil die Idee radikal und gut ist, verwirrt, weil der Bruch zwischen der Welt des Buches und der des in der EDV generierten und verwalteten Textes nicht wirklich als Scheidegrenze, eine Schnittstelle, eine Herausforderung, ein Paradigmenwechsel oder was auch immer dargestellt wird, sondern in diesen Zeilen scheinbar ineinander übergeht.

Immerhin, nachdem in Russland - wie auch in der DDR - die Welt vom Kopf auf die Füsse gestellt werden sollte, macht diese Idee der Buchverdrehung um 180 Grad einen ganz besonderen Sinn. Und so es ist sicherlich gut, wenn die Deutungshoheit heute nicht mehr per Parteibeschluss in ihren Grenzen festgelegt wird: Und wenn jemand wie Lisa Schmitz sich aufgemacht hat, uns die Bücher einmal "von vorne" zu zeigen.

WS.

Zeigen wir also zum "guten Schluss" ein Foto ihrer Installation, das den Herausgeber per Mail erreicht hat:

Anmerkungen

[1M.I. Rudomino, 109189 Moskau, Nikolojamskaja 1 - mit einem Link der zumindest zeitweise nicht funktioniert hat unter www.libfl.ru/exhib

[2in Zusammenarbeit mit dem Museum Moskau Haus der Photographie, der Deutschen Botschaft Moskau, dem Goethe-Institut Moskau, der
Senatsverwaltung fuer Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin, dem IFA Institut fuer Auslandsbeziehungen e.V. Stuttgart und der Internationalen Deutsche Möbelspedition GmbH & Co KG Moskau DMS


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