Am Ende der Zeit

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 26. Dezember 2006 um 16 Uhr 34 Minuten

 

I.

Was für gesegnete Tage, die Zeit zwischen den Jahren. Zumal dann, wenn die sozialen Verpflichtungen mit der Summe der Gruss- und Dank-karten nicht signalisiert hat, welche kommunikativen Verpflichtungen noch alle nach dem Versand einzuhalten seien, sondern wenn sich "danach"
plötzlich ein Zeithorizont auftut, wie er sonst nur aus dem Urlaub bekannt ist.

Während die TV-Sender voll sind mit Jahresrückblicken - die absolut ätzend langweilige Show des Herrn Schmidt am 25. Dezember 2006 um 23.Uhr [1] einmal ausgenommen, denn eine solche nicht einmal mehr freche sondern unverschämte Sendezeitschindemaschine ist ein Quotenkiller, der seinesgleichen sucht - und die Radiosender über Weihnachtsrituale in ganz Europa (BBC) oder den Reliquienhandel und -Raub im letzten Jahrtausend (Deutschlandfunk) berichten, gibt es die Chance für ein eigenes Wahrnehmungs- und Erlebnis-Programm, gespeist von all jenen Dingen, die in den Monaten und Jahren davor „zur kurz gekommen“ sind und jetzt plötzliche an die Oberfläche gespült werden.

Das ungeheuere Privileg dieser Zeit ist es, dass sich bei aufmerksamer Selbst-Beobachtung eine Reihe von Themen und „to do’s“ ansagen, die ihrer Wahrnehmung und Bearbeitung harren und nun da sind mit ihren mentalen Verfallsdatumsangaben, die es zu beachten gilt.

II.

Die ganz besondere Chance dieser Tage: nicht durch den Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden, sondern vom Ende eines Traumes, dem Aufsteigen einer Idee. Auch wenn „DaybyDay“ nun alles andere ist als ein Tagebuch und Ideen nach den Worten des verstorbenen Freundes und Lehrers Peter Palitzsch den Menschen wie Flöhe zufliegen, so sind doch jene, die dem Ende einer Nacht entstiegen und mein einen den Tag begrüsst haben, von besonderer Bedeutung.

An diesem Morgen war der Titel: „Am Ende der Zeit“ geboren. Und der erste Wege nach dem Aufstehen ging noch vor dem Anziehen an den Rechner um nachzufragen, wo in der Welt schon wer diesen Titel - zunächst im deutschsprachigen Raum - zur Veröffentlichung gebracht hatte.

Während die Suchmaschine läuft, ist der eigene Assoziationsapparat schon längst angesprungen. Dabei ist auffällig, dass die eigentlich nahe liegende Assoziation vom Ende der eigenen Zeit erst sehr spät und geradezu nachrangig als Thema aufgerufen wird. Als viel interessanter gelten vielmehr Assoziation wie die
-  mit dem Zeitstrahl von dem eigentlich kein Ende abzusehen ist,
-  vom Zeit-Raum-Kontinuum, dessen definitorische Grenzen und dem Traum seiner Aufhebung
-  mit dem Zitat „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ das ebenso beeindruckend klingt wie es widersinnig ist,
-  mit dem Sekundenzeiger, der durch seine jeweilige und fortwährende Zeitbegrenzung auf die Terminierung der Zeit aufmerksam macht aber nicht auf ihr Ende.

III.

Inzwischen hat sich auch der Rechnerstrom durch die Daten-Mäander und Netze bewegt und die folgenden Resultate beigebracht.

III.1

Zunächst einmal ein Reihe von Buchtiteln:

- Das Haus am Ende der Zeit
von Wolfgang Hohlbein

- Am Ende der Zeit von Michael Moorcock

- Am falschen Ende der Zeit von John Brunner

- Am Ende der Zeit. Moderne koreanische Erzählungen, Band 1, Anthologie, Picht / Kang (HG)

- Das Himmlische Jerusalem am Ende der Zeit von Andreas Klinksiek

- Die Stadt am Ende der Zeit von Peter Cameron

III.2

Und dann eine Reihe von Online-Autoren-Texte:

- Am Ande der Zeit -Zwischenkapitel- von Raphael Tron (Alucard) im storyparadies.de

- Am Ende der Zeit verbleibt der Rest in Stille von der Schülerin Selene im "keinverlag.de"

III.3

Und dann das Video zum Titel-Thema:
- am ende der zeit auf "MyVideo"
das sich auf das gleichnamige Album der Band "Felsenreich" aus dem Jahr 2001 bezieht: „Am Ende Der Zeit“

III.4

Und schliesslich ein aktueller Hinweis auf die Ausstellung in Darmstadt zum Thema:
- Zeit vom Christian Boltanski

IV.

Was lernen wir daraus?

- Auch die noch so schönen als originell und originär gedachten Begriffe und Sentenzen sind schon allgemein-gut

- Das Internet-"Browsen" erlaubt uns heute selbst-kritisch diese Erfahrung zu machen und den Eigensinn der Gedanken und Ideen zu verifizieren

- Die Idee, dass man mit einer so tollen Idee, Forulierung, Formel, nicht "allein auf der Welt" ist, ist kein Grund zur Enttäuschung sondern Ansporn, sich besser, vielleich auch anders in seiner eigenen "Kultur" zu verorten, zu orientieren, selbst zu bestimmen

- Es es einem gegeben ist, ist auch die Suche in anderen Kulturen, Zeiten und Sprachen eine grosse Bereicherung.

V.

So finden wir im Englischen unter ...

- The End of Time

die Biographie von David Horowitz

... und Französischen unter ...

- La Fin Du Temps

die ersten Takten aus Vocalise, pour l’Ange qui announce la fin du Temps von Ollivier Messiaen.

Hier in einer Aufnahme mit den "Houston Symphony Chamber Players" für die:

_ die schon einen 'realPlayer' auf dem Rechner haben

_ die sich erst einen solchen 'realPlayer' "downloaden" müssen

... mit der diese kleine Abhandlung abgeschlossen wird.

Anmerkungen

[1Harald Schmidt - neue Stärke im Ersten. Festlicher Jahresrückblick: Montag, 25.12., 23.00 Uhr - so die absolut unzutreffende, irreführende Ankündigung zu einem Programm, das nicht einmal den Mut hatte, einen alternativen Jahresrückblick zu betreiben und den Begriff der Festlichkeit mit dem Tragen von dunklen Anzügen, weissen Hemden und einer Fliege verwechselte. Offensichtlich war die Redaktion schon im Urlaub oder im Streik und hatte den Anchorman und seine Statisten verpflichtet, die Zeit von 45 Minuten irgendwie totzuschlagen.


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