Schlüssel-Figuren setzen uns ins Bild

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 15. Februar 2007 um 12 Uhr 37 Minuten

 

Am 12. Februar 2007 wird aus unserer In-Box die folgende Mail herausgefischt:

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Am 13. Februar 2007 fand die erste Veranstaltung zum Thema der digitalen Filmdistribution im Rahmen des neuen "Berlinale Keynote"-Formates statt.

Unter der Überschrift: "Neues zur Zukunft der Filmindustrie im Digitalen Zeitalter" hat sich das einstige Filmboard nun als Medianboard endlich und nachdrücklich dem von uns seit vielen Jahren prognostizierten Thema angenommen.

„Die Zukunft der Filmindustrie im Digitalen Zeitalter in ökonomischer wie inhaltlicher Hinsicht, das ist das Thema der Stunde. Mit den Berlinale Keynotes wollen wir die neuen Akteure und die Vordenker der Medienwelt nach Berlin holen. Wir wollen sie fragen, wie sich der Film- und Medienmarkt verändern wird und welchen Handlungsbedarf sie sehen für die klassische Filmindustrie“, so Medienboard Geschäftsführerin und Initiatorin Petra Müller zur Zielsetzung laut Presse-Erklärung vom 7. Februar 2007.

Und der Berlinale Direktor Dieter Kosslick wird darin wie folgt zitiert: „Lange lag der Schwerpunkt der Digitalisierung nur auf Produktion und Postproduktion, während die digitale Distribution vernachlässigt wurde. Diese Lücke soll durch den diesjährigen thematischen Schwerpunkt der Berlinale Keynotes geschlossen werden“.

In der Tat: schon angesichts der Übernahme der Festspiele durch ihren neuen Chef gab es sogleich im ersten Jahr ein gemeinsames langes Gespräch, in dem erstmals dieses Thema als Zukunftsthema angeregt wurde.

Der damals entwickelte Arbeitstitel hiess "VISIONS" und in der ersten Runde sollten Wim Wenders und Bill Gates auftreten [1]. Jetzt - wo diese damals prognostizierte Zukunft schon fast unsere Gegenwart geworden ist - ist das Thema des öffentlichen Interesses geworden: Endlich!

Allerdings wäre angesichts dieses denkwürdigen Ereignisses dem Festivialchef bei seinem Auftritt vor den ausgesuchten Gästen mehr Fortune zu wünschen gewesen. Die Wichtigkeit des Themas wurde offensichtlich nicht gerade durch die Sorgfalt seiner Vorbereitung unterstrichen.

Auch wenn es ihm in den in englischer Sprache gehaltenen Begrüssungsworten immer wieder hervorragend gelingt, mit bzw. trotz seinem "Aussprachefehler" die Lacher auf seine Seite zu ziehen und damit indirekt wie keck auf die Bedeutung des Themas hinzuweisen - auch wenn er die Abfolge der Worte "digital distribution was disregarded" (wohl nicht nur) in der englischen Sprache nicht zu bewältigen vermochte - warum hätte er nicht wie auch sein Mitstreiter Neumann [2] seinen kurzen Text in deutsch vorlesen und ihn dann konsekutiv übersetzen lassen?

Das eigentlich Störende an dieser Situation waren weder die Versprecher des Berlinale-Chefs noch die Lacher im Publikum - die er so noch geschickt auf seine Seite zu ziehen vermochte - das eigentlich Peinliche war zu erleben, dass es sich bei diesem Thema wahrlich nicht um eine "Herzensangelegenheit" handelt - schliesslich bedeutet die Vervielfachung des digitalen Materials und der neuen Angebote eine fast nicht mehr zu bewältigende Menge von Filmen - sondern um die Erfüllung einer Notwendigkeit, vor deren Bewältigung man schon viel zu lange die Augen verschlossen gehalten hatte. Im Schattenriss der nun auf das Thema gerichteten Scheinwerfer wurde unversehens deutlich, warum es so lange hat in der Versenkung liegen bleiben müssen.

Eben dieser Duktus war denn auch der Rede von Staatsminister Neumann anzumerken: "Ja, wir haben verstanden" - so der Tenor der Aussage: Aber, wenn schon diese Veränderungen unabweisbar und unausweichlich sind, dann bitte nach Maassgabe der von uns durch die FFA gesetzten Rahmenbedingungen.

Das Sammelsurium dieser Peinlichkeiten wurde nur noch übertroffen von der schwankenden Persönlichkeit des bilingualen Moderators - dem zu Recht eine hohe Wertschätzung in seiner wissenschaftlichen Umgebung zugewiesen wird, der es aber nicht vermochte, angesichts der politischen Autorität des Amtes "seines" Staatsministers zu bestehen: Anstatt seine "Antrittsvorlesung" von Anbeginn durchzuziehen und dadurch den verspäteten Staatsminister zu seinem höchstprivilegierten ersten Hörer zu machen, lässt er sich wie ein Automat an- und abschalten, je nach der gerade vorherrschenden zeitlichen Opportunität der Situation. [3] Warum nimmt so ein Mann nicht die Chance wahr, sogar seinem Minister erzählen zu können, "was Sache ist"?! Auf der Bühne zählt immer noch die Gunst der Stunde, die Situation, die ad hoc zu bewältigen ist. Wer diesen Moment nicht nutzt, hat verspielt.

- Eine ausführlicher Kommentierung dieser Veranstaltung wird einem späteren Zeitraum als Print-Version vorbehalten bleiben müssen, die dann unter einer Überschrift wie dieser stehen könnte: "Fortbildung für Filmförderer".

- Der hier kommentierte Verlauf der Veranstaltung kann dankenswerter Weise im Netz unter dem Link http://www.medienboard.de/WebObjects/Medienboard.woa/wa/CMSshow/1146987 als Streaming-Angebot abgerufen werden.

Zwischenbilanz: So wichtig diese Veranstaltung allein durch die nun geschaffene Tatsache war, dass sie überhaupt stattgefunden hat und so gut die Beiträge und Präsentatoren auch gewesen sein mögen. Die beiden Personen, auf die sich das Interesse von "DaybyDay" vorab konzentriert hatte / hätte: waren an diesem Tage in der Runde der Referenten nicht anwesend: Patrick Walker und Peter Molyneux.

[Sie waren zumindest da und auf der Bühne: Jamie Kantrowitz (MySpace) und Stefan Lechère (Google) im dialogue des sourdes. Dem Anspruch einer "Keynote" wurde aber keiner der beiden sympatischen Referenten gerecht.]

Vielleicht sollte man im nächsten Jahr den Fokus mehr auf die Präsentation der Positionen, Probleme und Proposals legen, denen hier in Deutschland Geltung zu verleihen ist. Und das unter ganz bewusster Einbindung auch jener Personen, denen es auch heute noch wichtig ist, sich in ihrer eigenen Sprache auszudrücken zu können [4] und unter Einbeziehung des ausgesuchten Publikums. Schliesslich konnte man nur mittels Log-In auf die Veranstaltungsseite zugreifen. Warum hat man dieses Privileg nicht genutzt, um zuvor das Interesse des Publikums abzufragen und zu kanalisieren? Die Zeit der "one-to-many"-Kommunikation ist vorbei. Das "many-to-many"-Design erfordert aber auch neue Formate - in der Konferenz-Organisation. [5]

Daher lassen wir zunächst den hier zur Vor-Ankündigung eingespielten Pressetext noch bis auf weiteres noch stehen:

So zeigen Patrick Walker, Head of Content Partnership bei Google Video, und Jamie Kantrowitz, Senior VP Marketing and Content, bei MySpace.com, deren Websites weltweit über 140 Mio. User haben, die derzeit erfolgreichsten Plattformen im Netz, deren innovative Inhalte, die Entstehung von Communities und User Generated Content.

Mit Blick auf neue Plattformen und Distributionswege spricht Warren N. Lieberfarb, („Vater der DVD“), der als Präsident von Warner Home Video der DVD zum Durchbruch verhalf, über die aktuellen Strategien der Studios in der digitalen Welt.

Wie Kino und virtuelle Realitäten der Computerspiele zusammenwachsen, neue Erzählweisen und Handlungsformen entstehen, zeigen Peter Molyneux (CEO und Gründer der Lionhead Studios und Schöpfer des revolutionären Spiels „The Movies“) und Guillaume de Fondaumière (COO/CFO von Quantic Dream, Produzent der interaktiven Computerspiele „Fahrenheit“ und „Heavy Rain“).

Unter der Leitung von Mitch Kanner (CEO 2 Degrees Ventrues, USA) diskutieren abschließend Geoff Sutton (General Manager MSN Europe, UK), Michael E. Kassan (Consultant, USA) und Warren N. Lieberfarb, die Perspektiven der Filmindustrie in den sich rasant verändernden Rahmenbedingungen.

Die Keynotes werden moderiert von Gundolf S. Freyermuth, Ph.D, Prof. für Angewandte Medienwissenschaften an der Internationalen Filmschule Köln, zu seinen Forschungs- und Lehrschwerpunkten zählen Theorie und Geschichte digitaler Medien. Er ist außerdem Autor von „Cyberland“ und zahlreichen weiteren Publikationen.

In der Presserklärung nicht erwähnt aber mit von der Partie: Denzyl Feigelson, Gründer und CEO von AWAL (Artists Without A Label). [6]

Nachtrag vom 15. Februar 2007: Auch Anderen in der "Szene" ist der hier geschilderte Umstand aufgefallen und wird inzwischen u.a. mit folgendem Titel ins Netz gestellt:
Ördschent Fjutscher Kwestschens. [7]

Anders als die fröhlichen Kommentierungen vermuten lassen, war es vor Ort nicht das Problem, dass der Staatsminister mit den englischsprachigen Ausdrücken ähnlich hätte kämpfen müssen wie sein Kollege Kosslick - dafür hatte er ja schliesslich die lautsprachlichen Umschreibungen in seinem Skript stehen - sondern dass dieses Skript so wie es war in einer für die Öffentlichkeit nicht "bereinigten" Fassung ins Netz gestellt worden ist. Dieser Lapsus wird mit Sicherheit "a.s.a.p." behoben worden sein und dann wir der Text nur noch in der Reinfassung zur Verfügung stehen.

Wir hatten ja an anderer Stelle im Verlauf des Berichtes über die DLD-Konferenz in München [8] darauf verwiesen, was es bedeutet, wenn ein Minister seinen Live-Text ohne Übersetzung nur in deutscher Sprache zum Besten gibt.

Dass hier das Referat dem Minister auch ein Aussprache-Backup mit auf den Weg gibt ist weder verwerflich noch hat es was mit der "iqual gohs itt luhss" - Arie zu tun. Ganz im Gegenteil. Der Mann bleibt bei seinen Leisten und hat sich eine eloquente Übersetzerin zur Seite stellen lassen (wie oben im Bild dokumentiert).

Das ist doch schon "ein Quantensprung in die richtige Richtung" - oder?

Anmerkungen

[1bzw. Steve Ballmer; der hatte nämlich auf der IBC in Amsterdam SoftImgage, heute XSI gekauft und seitdem gab es einen "direkten Draht", der auch zu diesem Zwecke hätte aktiviert werden können.

[2In diesem Zusammenhang echt lesenswert ist das gemeinsame Interview mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Dieser hat nicht erst zum 60. Geburtstag der Berlinale ein Grusswort versprochen, sondern auch schon aus Anlass dieser neuen Veranstaltungsreihe - auch wenn dieser Termin am 7. Februar in seinem REGIERUNGonline-TERMINE-Verzeichnis noch nicht eingetragen war.
In diesem Interview hat sich Neumann auch ganz persönlich als Nutzer der neuen Medien-Distribution "geoutet". Hatte er doch schliesslich schon in einer lauen Sommernacht von seinem Balkon aus „Casablanca“ geguckt und dabei die Vorteile der digitalen Kinoprojektion erlebt. Ganz privat und echt cool.

[3Wie bitte, lieber Kollege, soll die Wissenschaft in schwereren Zeiten als diesen als unabhängige Instanz überleben, wenn es ihr nicht einmal jetzt gelingt, sich in so kleinen Momenten wie diesen souverän zu präsentieren? Es geht hier nicht um Wortgewandheiten oder formale Eitelkeiten dieser Art, sondern um den Willen, etwas dem Publikum sagen zu wollen, was einem als Wissenschaftler wichtig ist.

[4- und mit englischen Untertiteln?!

[5Hoffentlich wird die öffentlich vorgetragene Bitte um Rückmeldungen dieser Art gehört und genutzt. Dann hätte diese Veranstaltung in 2008 ein Recht zu existieren, das über das "Recht des ersten Mals" hinausgeht.

[6Ganz genau weiss das aber - und vieles andere mehr: Frau Dr. Kathrin Steinbrenner

[7Während im Falle dieses Blogs von Stefan Niggemeier sich jeder sofort zum Kommentieren mit einschalten mag, bleibt die Urheberin auch dieses Hinweises ungenannt - ist aber dem Redaktor wohlbekannt.


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