Brockhaus 2.0 im TV-Show-Down

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 24. Januar 2013 um 22 Uhr 26 Minuten

 

0.

Auf den Presse-Seiten der Buchmesse Frankfurt - über die ja ausführlich berichtet wurde [1] - erschien auch der folgende, für heute relevante Text aus dem Hause Bertelsmann:

Brockhaus ist Partner von ZDF-Live-Sendung"

"Der neue deutsche Bildungstest – Das muss ich heute wissen!“ moderiert von Jörg Pilawa

Gütersloh, 09.10.2012 - Wie steht es um die eigene Bildung? Das können die ZDF-Zuschauer am Samstag, 24.11.2012, ab 20.15 Uhr live testen. Jörg Pilawa moderiert die Sendung „Der neue deutsche Bildungstest – Das muss ich heute wissen!“ Als Instanz für Wissen, Bildung und Lernen ist Brockhaus Partner der Sendung.

Prominente aus Show und Politik sowie das Publikum im Studio werden sich zur Prime Time 50 spannenden Fragen stellen. Parallel können die Zuschauer zuhause ihren eigenen Bildungsstand ermitteln. Sie erhalten am Ende der Sendung ein valides, wissenschaftlich fundiertes Ergebnis und können dieses nach verschiedenen Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Bundesland einordnen.

Brockhaus hat den Machern der Sendung im Vorfeld bei der Entwicklung des Fragenkatalogs beratend zur Seite gestanden. Seit drei Jahren unter dem Dach von wissenmedia in der inmediaONE] GmbH ist das Programm unter der Marke Brockhaus konsequent um Bildungs- und Lernangebote für Kinder und Erwachsene ausgebaut worden. Brockhaus-Verlagsleiter Detlef Wienecke-Janz zählt zum Experten-Team im Studio, das die Ergebnisse kommentieren und spannende Infos rund um die „Bildung“ liefern wird. Darüber hinaus stellt Brockhaus für das die Sendung begleitende Zuschauer-Gewinnspiel attraktive Buchpreise zur Verfügung. [2]

Sendungsbegleitend veröffentlicht Brockhaus ein E-Book zum Thema „Bildung“. Neben einem fundierten Einblick in das Grundlagenwissen unserer Zeit beinhaltet es die Fragen des ZDF-Bildungstests.

1.

Der Quiz kann also auch online mit- bzw. nachgespielt werden. Die URL: http://quiz.zdf.de/?quid=20121112Ac2bfdf5. Die "Frage 1 von 12":
"Welches Pflegekennzeichen weist darauf hin, dass die Wäsche in den Trockner darf?"

Ob diese Frage nun als pars pro toto für eine neue Definition von Bildung gelten kann, in der weder ein Goethe ("ist weg") noch ein Beethoven ("Mami, es tut mir leid: auch raus!) noch die griechischen Philosophen ("Aristoteles und Co.: auch raus!)" etwas zu bestellen haben, wird damit wohl noch nicht beantwortet worden sein.

Dass sich weder das BMBF noch die KMK dieser Frage öffentlich zu stellen bereit waren, das ist der eigentliche - wenn auch negative - Newswert dieser Sendung.

Dass sich in einer Sendung wie dieser ein grosses Verlagshaus und ein öffentlich-rechtlicher Sender längst wieder die Hand gereicht haben, ist der wohl beste positive Newswert dieses Abends. [3]

2.

Nun, was die Besetzung betrifft, sieht die Sache sicherlich gut aus:

Detlef Wienecke-Janz ist schon lange in dieser Branche engagiert und immer wieder mit neuen Ideen dabei, die Buchwelt über ein Quiz-Konzept interaktiver werden zu lassen und mit der Welt der Bewegt-Bilder, Töne und Farben zu verknüpfen: zuletzt mit der Entwicklung eines sprechenden Tiere Quiz’ im TING Kinder Brockhaus. [4]

Und über Jörg Pilawa schrieb Antje Hildebrandt schon am 21.12.2007 in der WELT (als er noch bei der ARD unter Vertrag war):

Nun, Pilawa ist kein normaler Mensch. Er ist ein Roboter aus dem Zukunftslabor, dem die ARD einen Sprachchip implantiert hat. Dieser stufenlos verstellbare Moderator eignet sich vorzüglich, um Wissen abzufragen, sein Datenspeicher ist so groß, dass neben dem Großen Brockhaus auch noch der kleine Knigge hineinpasst. Pilawa kann auf Knopfdruck lächeln. Pausenlos.

Auch Jürgen Overkott bereitet die WAZ-LeserInnen angemessen auf diesen Abend vor und verrät sogleich im Titel seines heute ab 7:39 Uhr auch online kostenfrei eingestellten Pilawa-Portraits:

Bildungstest-Moderator Pilawa hat Schulwissen vergessen

in dem er den zweimaligen Studienabbrecher wie folgt zitiert:

"Es wird eine Show, in der weniger Platz ist für die pure Unterhaltung. Aber der Zuschauer weiß am Ende eine Antwort auf die Frage: Wo stehe ich? Weiß ich mehr oder weniger als der Durchschnitt der Menschen in Deutschland? Das gab es in dieser Form noch nie. Aber, da gebe ich Ihnen recht, der Bildungstest ist nicht die klassische Form der Unterhaltungsshow. Genau das allerdings hat mich gereizt.

Und auf die Eingangs-Frage "Freuen Sie sich auf die Show?" von Angelika Mayr im Münchner Merkur antwortet Herr Pilawa lachend zunächst mit einem überraschenden "Üüüüberhaupt nicht", um dann positiv Bildung als einen "lebenslangen Prozess" zu beschreiben und vorzutragen, was später sein Coach, der Bertelsmann-Experte, in der Schau wiederholen wird: dass es vor allem darum gehe "Verknüpfungen herstellen zwischen dem, was man gelernt hat". [5]

Anders gesagt: Netzwerken nicht nur am Bildschirm, sondern auch auf dem bundesdeutschen Bildungsschirm.

3.

Damit wird auch die Frage nach den Formaten spannend werden, vor allem nach den Interaktionsmöglichkeiten - und danach, wie die Marke "Brockhaus" auf die jungen Zuschauer via TV noch wirkt oder in Zukunft neu wirken könnte.

Die Sendung zumindest legt schon mal einen hohen Standard vor. Die Zuschauer der Sendung sind selbst inter-aktiv in das Geschehen mit einbezogen, sowohl als Kollektiv als auch individuell.
 [6]

Und der Moderator kann alle Abstimmungsergebnisse "just in time" auf dem in seinem Stehpult eingelassenen Monitor mitverfolgen und abrufen.

Und eine persönliche Note hat das Ganze auch noch: Der Autor dieses Eintrages hatte bei der BBC 1986 - 1988 [sic!] in Koproduktion mit RegGrundy bei "Going for Gold" eine vergleichbare Rolle eingenommen, die jetzt Detlef Wienecke-Janz für diese Sendung übernommen hat. Auch aus Anlass dieser ersten Private-Public-Partnership zwischen Grundy und der BBC ging es darum, das Format dieser Serie von über 90 Sendungen neu zu gestalten.
Und dann ging es im Verlauf der gesamten Produktionszeit der insgesamt 93 Sendungen bei jeder einzelnen, frei gesprochenen - also noch nicht im multiple-choice-Verfahren vorgegebenen - Antwort darum, diese als "falsch" oder "richtig" zu bewerten. Und das noch ganz ohne Internet, ausschliesslich auf die Buchausgabe der Britischen Enzyklopädie gestützt.
Als erster "adjudicator" einer im gesamten Vereinigten Königreich und europaweit ausgestrahlten BBC-Quiz-Show, der vom "Continent" eingekauft worden war. [7]

4.

Aus der Sicht des Autors ist das Ergebnis dieses Abends eindeutig: Der Publikumsgewinner Maik ist mit seinen 94,5 Prozent richtig beantworteter Fragen zweimal besser als er selbst an diesem Abend.

Und verdient es daher, auch entsprechend gelobt zu werden. [8]

Dass der schrecklich nölende Tagessieger Tim Mälzer [9] den noch weitaus besseren Publikumssieger aus dem Publikum zur Belohnung mit einigen Bonbons abspeisen will, ist so peinlich, dass man diese "noble Geste" hoffentlich in der Live-Übertragung nicht hat miterleben müssen.
Aber er gab damit dem Moderator Veranlassung zu der Idee, den wahren Gewinner dieses Abends spontan und ohne Rücksprache mit der Rechnungsstelle des ZDF in Mälzers Restaurant nach Hamburg einzuladen - samt Fahrt- und Übernachtungskosten ... bevor er sich selbst in einem schwarzen Phaeton mit Hamburger Kennzeichen schnell nach Hause [10] kutschieren liess.

PS.

Wie die Agenturen vermelden, gab es an diesem Show-Abend im Deutschen Fernsehen die folgenden Zuschauer-Beteiligungen:
— ARD: "Verstehen Sie Spaß?" Live: 4,58 Mio. [11]
— RTL "Das Supertalent" - Aufzeichnung der dritte Vorrunde: 4,49 Mio.
— ZDF: "... Bildungstest" - Live: 3,55 Mio.
— ProSieben "TV total Turmspringen" - Live: 2,29 Mio.
Zählt man diese Zahlen zusammen - und hält sie für glaubhaft - dann haben an diesem "Show-Gipfel"-Abend knapp 15 Millionen Menschen den Samstagabend vor der Glotze verbracht.

Anmerkungen

[2

[3Von "newsaktuell" wird den Redaktionen weiteres Material mit O-Tönen zur Verfügung gestellt - kann aber als Text-Version seit dem 23. November 2012, 9:15 Uhr auch bei FOCUS ONLINE nachgelesen werden.

[4Dass dieses Engagement auch einen durchaus kommerziellen Hintergrund hat, dafür steht der hilfesuchende Eintrag eines potenziellen Kunden nach dem Besuch eines - so steht es original in seinem Text - Vertreters des Brock-Haus Verbandes.

[5

"Bildungs-Bild-Schirm-Show-Trailer" im ZDF

Dass man dann im Trailer - HIER als Making Of-Link - den Moderator eben genau durch jene Molekülkonstrukte jagt, an die er sich selbst bestenfalls nur bis zur nächsten Klassenarbeit hat erinnern können, mag der künstlerischen Freiheit des Designs geschuldet sein, ist aber sicherlich nicht das, was den "mental trigger" dieses Konzeptes ausmachen sollte. Oder?

Und dass in der Darstellung auf eben jenen Grundy-Going-for-Gold-Buzzer - samt Originalsound - zurückgegriffen wurde, kündet von Kontinuitäten, die sich bei allen Format- und Zeitenwechseln offensichtlich inzwischen etabliert haben - und damit auch schon zum Bildungskanon der TV-Generationen gehören!?

[6Hier der Text der Einladung:

Kartenbestellung zur verbindlichen und aktiven Teilnahme

[7Dieses Format wurde - ohne europäische Beteiligung und ohne den Iren Henry Kelly - ab dem 13. Oktober 2008 als "One To Win" vom Kanal FIVE - wieder aufgenommen.

[8Hier zum Vergleich aus dem Jahr 1988 ein Auszug aus dem Profi-Statement der "Going For Gold"-Gewinnerin Daphne Fowler:
Anyone who remembers Going For Gold will know that the only way to win the programme was to win the last section, which was known as the Fame Game. Clues were given, dates, etc to famous people or locations to famous places and the quicker you guessed the answer, the more points you earned towards the total of 9 needed to win the game.
I had learned from the Australians, that if you wanted a prize badly enough, you put in the necessary revision. You could give them a birth date, death date, even a birthplace and they would immediately come up with the correct person, so I decided to do the same. By this time I was walking to work to save money, so I dictated 2000 dates on to a cassette and listened to it on my Walkman going to and from work. And it worked! I earned the trip to Seoul because I knew that Robert Mitchum the actor was born in 1917 in Connecticut!

[9Dieser Mann war der eigentliche Verlierer des Abends: Ein Opfer seiner Populariät als "bester Koch Deutschlands", so Pilawa in seinem Intro. So sympathisch dieser Kerl auch sein mag, wenn man ihn nicht vor der Kamera erlebt, sondern aus der unmittelbaren und unverstellten Sicht der Publikumsränge, so kippt die Sympathie schnell in Unverständnis, in blanken Ärger darüber, wie dieser Typ nervt. Und endet zuletzt in dem hier auch vorgetragenen Impetus, ihm mehr als nur ein klärendes Gespräch anzubieten: Damit so jemand wieder auf den Boden der Welt - und zu sich selbst - zurückfindet. WS.

[10nachdem der Test das ja schon nahelegt zu fragen: auch die Schreibweise "nachhause" wäre korrekt :-)

[11... auch diese mit einem TV-Koch, Johann Lafer im Aufgebot ;-)


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