Wir sind Nobelpreis-Träger

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 15. Dezember 2012 um 21 Uhr 15 Minuten

 

Jetzt ist es an der Zeit, die schon vor Jahren in Massen verteilten EU-Fahnen-Sticker aus der Schublade zu holen und ans Rever oder an die Rockschösse zu heften: Als Ausweis der Verleihung des Friedesnobellpreises an die Europäische Gemeinschaft.
Und das sind WIR alle! [1]

 [2]

Mit diesem Hinweis auf den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz [3] macht Christoph Prössel vom NDR in seinem Bericht aus Oslo auf:

http://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio98886.html

Darauf Bezug genommen hatten bereits am Tag nach der Verleihung des Preises vom 12. Oktober 2012 einige Tageszeitungen in Deutschland

DIE WELT:

"Wer bekommt eigentlich den Preis? [...] Herr Barroso? Frau Merkel? Das Europäische Parlament und der schneidige Herr Schulz? Die Kommission, ’Brüssel’, posthum die Gründungsväter von Altiero Spinelli bis Jean Monnet? Europas Staaten und Völker, am Ende gar wir alle? Ja, das wird es sein: Wir sind Nobelpreis! Eine schöne, erhebende Entscheidung. Aber auch eine, die im Ungefähren verbleibt. Die EU gäbe es ohne ihre Bürger so wenig wie ohne ihre Macher. Was hat der Krieg, was hat das Volk, was haben Politiker, was haben die neuen europäischen Institutionen zu dem Friedenswerk beigetragen? Dazu schweigt die Entscheidung."

und die

NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG:

"Er hatte und hat alltäglich seinen Anteil daran, dass die europäische Integration zum Erfolg wurde - und so darf sich jeder Einzelne darüber freuen, als Teil der EU geehrt worden zu sein."

Und hier weitere Stellungnahmen vom 13. Oktober 2012:

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG:

"Nein, nicht alles ist gut in Europa [...] Aber es ist sehr vieles sehr viel besser als jemals zuvor. Und deswegen ist die Entscheidung des Nobelpreiskomitees richtig. Die Europäische Union hat Frieden befördert und ist selbst ein Symbol für eine bessere, gedeihlichere Art des Zusammenlebens. Im Sinne des Versprechens, das im Wort ’Union’ steckt, stehen die Europäer auch für die Zukunft in der Pflicht. Europa und seine Bürger haben diesen Nobelpreis redlich verdient."

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

"Das Nobelkomitee des norwegischen Parlaments vergibt den Friedensnobelpreis manchmal in Anerkennung zurückliegender Bemühungen und Verdienste um Frieden und Menschenrechte: So hat ihn Jimmy Carter erst 2002 bekommen, mehr als zwanzig Jahre nach seiner Abwahl als amerikanischer Präsident. Barack Obama dagegen wurde 2009 ausgezeichnet, im ersten Jahr seiner Amtszeit: Das sollte damals eine Ermutigung sein, eine Art symbolischer Vorschuss, den der amerikanische Präsident in seiner bisherigen Amtszeit allerdings nicht zurückzahlen konnte. Der Friedensnobelpreis für die Europäische Union ist beides zugleich: Gewürdigt wird die friedensstiftende Funktion der europäischen Integration. Die Preisverleihung ist aber auch eine Ermutigung, den Prozess der europäischen Einigung fortzusetzen, trotz der Schwierigkeiten, in die er gegenwärtig geraten ist."

LEIPZIGER VOLKSZEITUNG:

"Wenn das Nobelkomitee mit der Verleihung des Preises zum jetzigen Zeitpunkt eine Botschaft verbinden wollte, dann kann es nur diese sein: Ihr Europäer in den Mitgliedsstaaten und in den Staaten auf der Anwärterliste, ihr dürft nicht nachlassen mit dem großen Einigungswerk. Auch nicht unter dem Eindruck einer schweren Krise."

FREIE PRESSE [aus Chemnitz]:

"Nicht trotz, sondern wegen der gegenwärtigen Krise Europas ist nach Ansicht des Nobelkomitees der Augenblick gekommen, sich auf die friedensstiftende Leistung der Gemeinschaft zu besinnen. [...] Natürlich überschatten gerade Krisen und Streitigkeiten die europäische Integration. Der Euro könnte noch zum Spaltpilz werden, der das Friedensprojekt in seinen Grundfesten erschüttern wird. Der Nobelpreis darf daher nicht zur Selbstzufriedenheit im europäischen Haus führen. Die Defizite der Union sind zu offensichtlich, als dass sie weiter ignoriert werden könnten. Der beschwerliche Weg der europäischen Integration sollte die kurze Freude über die Anerkennung der bisherigen Leistung nicht trüben."

FRANKFURTER RUNDSCHAU:

"Von Werten wie Frieden und Demokratie sprach das Nobelkomitee in seiner Begründung. Das Friedensprojekt Europa ist weitgehend vollendet. Bleibt, die Demokratie voranzubringen. Das bedeutet: mehr Rechte für das Europäische Parlament und stärkere politische Zusammenarbeit der Staaten. Der Preis ist nicht nur eine Anerkennung, er ist auch Ermutigung, das Werk Europa voranzubringen."

DIE TAGESZEITUNG [aus Berlin]:

"Norwegen gehört der Europäischen Union nicht an, die Norweger haben sich einer Mitgliedschaft mehrfach verweigert, sie dürfen also ihre gigantischen natürlichen Ressourcen selbstbestimmt verwalten. Ergebnis: Das Land braucht sich weniger Sorgen um seine Zukunft zu machen als jedes andere in Europa. Die EU hat ohne eigenes Zutun nachhaltig Frieden geschaffen - in Norwegen."

HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEIUNG:

"Die Auszeichnung der EU hat auch für den Rest der Welt Bedeutung [...] Sie ist ein Fingerzeig für Regionen wie den Nahen Osten oder den Pazifik, wo politische Führer unterwegs sind, die auch im 21. Jahrhundert allen Ernstes einen veritablen Krieg zwischen Nationen als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln für zulässig halten und einkalkulieren. Den sonst so modernen Mächten in Asien kam es leider bis heute nicht in den Sinn, sich auf grenzüberschreitend geltende Regeln für Frieden und Zusammenarbeit zu einigen. In vielen Weltregionen fehlt dreierlei: der gemeinsame Blick nach vorn, der Mut, auf Menschen zuzugehen, die man eben noch zu seinen Feinden rechnete, und die Phantasie, konkrete Projekte zu entwerfen, die nicht nur dem einen oder anderen, sondern allen Beteiligten eine Perspektive bieten."

RHEIN-ZEITUNG:

"Auch wenn niemand ernsthaft bestreiten will, dass die Union seit ihren Anfängen in den 1950er-Jahren, basierend auf der deutsch-französischen Aussöhnung, ein Garant für den Frieden in einem durch zwei Weltkriege zerrütteten und verfeindeten Kontinent war und ist: Die Preisvergabe an eine Organisation oder Institution funktioniert eher, wenn dahinter Menschen stehen, die eine Idee leben, in die Tat umsetzen und damit im Sinne des Preisstifters Friedensarbeit leisten. Die Auszeichnungen für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen oder die Organisation ’Ärzte ohne Grenzen’ sind vor diesem Hintergrund sicher nachvollziehbarer als die aktuelle Entscheidung."

REUTLINGER GENERALANZEIGER:

"Natürlich ist es sympathischer, wenn Menschen aus Fleisch und Blut den Nobelpreis verliehen bekommen [...] die Ehrung einer riesig-amorphen, komplexen und unvollkommenen Sozial-, Polit-, Macht- und Bürokratiestruktur, die sich in einem nie endenden Entwicklungsprozess befindet, berührt viele Menschen womöglich negativ. Und doch muss man feststellen, dass nur wenige Preisträger in den vergangenen Jahren diese Auszeichnung derart verdient haben wie die EU. In Wahrheit ist doch im täglichen Leben kaum jemandem bewusst, dass Frieden, Freiheit, Demokratie, sozialer Ausgleich und Sicherheit überhaupt keine Selbstverständlichkeit sind."

KÖLNER STADT-ANZEIGER:

"Die EU-Kommission würde den Nobel-Gedanken am besten mit Leben erfüllen, wenn sie zur Preisverleihung einen einfachen Bürger aus jedem Mitgliedsland entsendet. Lassen die üblichen Verdächtigen sich einmal mehr feiern, verkehrt eine solche Auszeichnung sich leicht in ihr Gegenteil und vergrößert den Abstand zum Bürger noch einmal. Das ist zu vermeiden. Denn jetzt wäre die Zeit gekommen innezuhalten und zu sagen: Dieses Europa kann eigentlich auch ein wunderbares Gebilde sein."

Dazu die folgenden internationalen Pressestimmen vom 10. Dezember:

Aus Malmö in Schweden die Zeitung SYDSVENSKA DAGBLADET

"Die EU als Plattform für Frieden, Toleranz und Demokratie wird heute mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das hat sie verdient. Die Auszeichnung kann als notwendige Ermunterung verstanden werden, den Fokus weiter auf das Wesentliche zu richten und den Einsatz für Menschenrechte, Freihandel und Rechtsstaatlichkeit fortzusetzen. Die sanfte Macht der EU ist eine Kraft, mit der nach wie vor zu rechnen ist. Sie erreicht den Übergang von Diktaturen zu Demokratien und übt eine moralische Autorität in neueren Mitgliedsländern wie Rumänien aus. Die EU ist nicht fertig, sie ist ein Prozess - und ihre Bedeutung als Friedensprojekt darf nicht unterschätzt werden"

Aus London im Vereinigten Königreich die Zeitung THE TELEGRAPH:

"Frühere Preisträger haben diese lächerliche Preisverleihung schon bloßgestellt, weil die EU niemals der größte Friedensbringer für den Kontinent war. Eine Sicht, die auf dem Balkan geteilt werden dürfte, wo Zehntausende nach dem Zerfall Jugoslawiens gestorben sind - auch, weil die EU nicht geeint darauf reagiert hat. Und der Euro, das große Europa-vereinende Projekt, hat wie kein anderes für Feindseligkeiten zwischen den EU-Mitgliedsstaaten gesorgt. All das wird aber von den Wichtigtuern aus Brüssel übersehen werden: Für sie ist der Preis ein verdienter. Wieder einmal zeigt sich der Spalt zwischen der regierenden Klasse in Brüssel und den 500 Millionen EU-Bürgern"

Und jene, dIe am Morgen des 11. Dezember 2012 vorlagen:

Aus Prag in Tschechien die Zeitung LIDOVE NOVINY:

"In Europa herrscht zwar tatsächlich Frieden - und dafür können wir dankbar sein. Aber die Geschichte, die sich die EU zurecht gelegt hat, ist lückenhaft: Die Rolle der USA kommt darin nicht vor. Es ist durchaus fraglich, inwieweit für die Friedenssicherung in Europa heute ein immer höheres Maß an Integration und Zentralisierung nötig ist. Dieses Argument wird von der Union gerne herangezogen, wenn es um die Durchsetzung Brüsseler Beschlüsse geht. Frieden gab es in Europa aber auch schon vor dem Euro - und sogar vor Maastricht. Etwas mehr Demut bei der Entgegennahme des Preises hätte der EU gut zu Gesicht gestanden"

Aus Belgrad in Serbien die Zeitung POLITIKA:

"Die Preisverleihung erfolgt in einer Zeit, in der die EU eine der schwersten Krisen seit ihrer Gründung erlebt; in der Einigkeit und Solidarität auf eine schwere Probe gestellt werden. Denn jedes Mitgliedsland verfolgt lediglich
eigene Interessen"

Aus Strassburg in Frankreich die Zeitung: DERNIÉRES NOUVELLES D’ALSACE

"Europa zeigt sich blass angesichts der neuen Akteure auf der internationalen Bühne. Es ähnelt zu sehr diesen alten Kämpfern, die ihren Blick mehr auf ihre Medaillen richten als auf die Herausforderungen. Europa muss sich erneuern - aber ohne zu vergessen, dass allein die Solidarität zwischen den einzelnen Staaten vor dem kollektiven Verfall schützt"

Aus Hong Kong, nun in der VR China, die Zeitung XIN BAO: [4]

"Wer soll das verstehen, da wird eine Staatengemeinschaft geehrt, deren Rüstungsausgaben und Waffenexporte nach den USA weltweit an zweiter Stelle stehen. In Norwegen, wo der
Preis vergeben wurde, haben die Menschen ein anderes Verständnis von Gerechtigkeit und Frieden. 60 Prozent der Bevölkerung sind gegen den Beitritt in die EU. Neben den wirtschaftlichen Aspekten wollen sie vor allem ihre eigene Identität bewahren. Sie wollen sich nicht von den großen Nationen in Europa, allen voran Deutschland und Frankreich, ihre Politik diktieren lassen."