Das waren noch Zukünfte...

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 5. August 2013 um 11 Uhr 21 Minuten

 

Das Schärfste dieses Tagesprogramms auf der Veranstaltung zum Thema
"Zukunft gewinnen durch Nachhaltige Entwicklung statt Wachstumswahn"

Tagesprogramm "Zukunft gewinnen..."


in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen beim Bund kam am Ende.

Nachdem auch in der Abschlussdiskussion dem Publikum kaum Zeit gelassen worden war, sich mit eigenen Beiträgen und Fragen zu Wort zu melden, wurde dem Veranstalter das Wort erteilt.

Dieser betritt die Bühne, stellt sich hinter das Podium, bedankt sich artig erfreut und berichtet, unter welchen Herausforderungen des ganze Projekt - insbesondere die letztendlich dann doch gelungenen Zusammenarbeit mit der Robert-Jungk-Oberschule zu Berlin - gestartet sei: Als sie erstmals diese Schule besucht und mit den SchülerInnen geredet hätten, habe es unter all den Angesprochenen nur eine einzige Person gegeben, die etwas über den Namensgeber ihrer integrierten Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe hätte sagen können. [1]

Ja, so ist im weiteren Verlauf seiner Ausführungen zu hören, er sei entsetzt, wie wenige Namen einer ganzen Generation von wagemutigen Männern und Frauen für diese Jugendlichen in dieser Umgebung überhaupt noch eine Bedeutung hätten.

Schliesslich würde ja auch keiner diese Jugendlichen mehr die Zeitung lesen: Nicht, dass es in der FAZ oder in der Süddeutschen nicht auch gute Texte geben würden, aber diese SchülerInnen würden ja nur noch das Internet nutzen und dort gäbe es ja für die Vermittlung all dieser Inhalte nur noch untaugliche "Journalistenschnipsel". [2]

Wäre dieses nicht das ultimative Schlusswort eines langen Tages gewesen, hätte es so als öffentliche Aussage nicht unwidersprochen stehen bleiben dürfen. [3]


So unpassend dieser Schluss war - trotz all der notwendigen und angebrachten Danksagungen - so schwierig war es schon zuvor, über diesen (Nachmit-)Tag überhaupt etwas zu schreiben (zumal am Vormittag die Teilnahme an dieser Veranstaltung nicht möglich war) [4] [5].

Anknüpfend an den Geburtstag von Robert Jungk sollte über die Bedeutung seines Denkens und Wirkens in der aktuellen Zeit öffentlich nachgedacht werden.

Das Thema lautete ZUKUNFT GEWINNEN und war Gegenstand dieser Tagung des Berliner Zukunftsgesprächs aus Anlass des 100. Geburtstages von Robert Jungk.

Hier ein Einblick in das vorab veröffentlichte Programm:

10.00 - 10.15 Musikalische Eröffnung
Chor der Robert-Jungk-Oberschule Berlin
Leitung: Herr Łagodziński

10.15 - 10.30 Begrüßung
— Peter Stiller, Heinrich-Böll-Stiftung
— Prof. Dr. Rolf Kreibich, World Future Council

10.30 - 10.45 Film
„Ich bin ein Agitator fürs Überleben“
(Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm über Robert Jungk)

10.45 - 11.30 Freunde von Robert Jungk gratulieren
zum 100.
Franz Alt, Reiner Braun, Peter Stephan Jungk, Helmut Klages, Rolf
Kreibich, Peter Mettler, Peter Owsianowski, Dietger
Pforte, Eva Quistorp,
Olaf Schwencke, Philipp Sonntag, Walter Spielmann,
Christian Wend.

12.00 - 13.00 Zukunftsforscher und Zukunftsgestalter im Dialog mit Schülerinnen und
Schülern der Robert-Jungk-Oberschule und der Landes
Schülerinnen-Vertretung und des Landesschülerausschusses
Diskussionsrunde:
— Prof. Dr. Josef Huber, Rektor Thomas Knaack, Prof.
Dr. Rolf Kreibich,
— Werner Mittelstaedt,
— Prof. Dr. Reinhold Popp, Prof.
— Dr. Holger Rogall,
— Prof. Dr. Gesine Schwan,
— Dr. Karlheinz Steinmüller,
Lehrerin
— Ilse
Willbrand, Lehrer
— Werner Ziegler,
— Berliner Schülerinnen und Schüler
Moderation: Dr. Franz Alt

14.00 - 14.20 Begrüßung
Dr. Angelica Schwall-Düren, Ministerin für Bundesangelegenheiten,
Europa und
Medien und Bevollmächtigte des Landes NRW beim Bund
Tanzgruppe der Robert-Jungk-Oberschule
„Sich entfaltende Friedenstaube“
Leitung: Ilse Willbrand

14.20 - 15.40 Gesprächsrunde und Plenum
Mehr Demokratie und bürgerschaftliches Engagement
Diskussionsrunde
:
— Prof. Dr. Helmut Klages, Soziologe und Zukunftsforscher
 [6]
— Manfred Ronzheimer, Wissenschaftsjournalist
— Reinhard Sellnow, Projekte Zukunftswerkstätten
— Hans-Jörg Sippel, Vorsitzender Stiftung Mitarbeit
— Ulrike von Wiesenau, Vorsitzende Berliner Wassertisch
— Vertreter des Landesschülerausschusses
Moderation
: Lea Rosh

Die eigene Teilnahme war erst im Verlauf dieser hier zitierten Diskussionsrunde möglich.

Dabei mag die Nicht-Teilnahme am bis dahin erfolgten Programm möglicherweise für eine Schieflage bei der eigenen Betrachtung gesorgt haben, auf jeden Fall kam das Gefühl auf, wohl durch das Zuspätkommen versäumt zu haben, in diesem Veteranentreffen richtig "eingemeindet" oder zumindest eingestimmt worden zu sein.

Hinzu kam, dass die Moderation der aus Film, Funk und Fernsehen bekannten Journalistin auch nicht gerade einen Anschub dazu hätte geben können, sich schnell in die laufenden Gesprächsrunden und ihre Inhalte einklinken zu können.

Da wurden Meinungen vorgetragen, die eher der Selbstbestätigung als der Aufklärung dienten, wie diese:

- heute gingen in Berlin mehr als zehntausend Lobbyisten mit einem eigenen Ausweis im Bundestag ein und aus, während der Bürger nur auf Einladung Zugang in diese Räumlichkeiten erhalten würde

- heute würden mit "PPP-Verträgen" Verabredungen zwischen Wirtschaft und Verwaltungen getroffen, die den Abgeordneten nicht wirklich zur Kenntnis gebracht werden und die ihnen bei ihren Abstimmungen auch nicht bekanntgemacht worden wären

- heute bräuchten wir mehr denn je mündige und selbstbewusste Bürger, denen gegenüber die Beweispflicht der Politik umzukehren sei

- "die Politik ist blöd, die Bürger sind toll" - diese Vereinfachung des Weltbildes sei alles andere als angemessen. Das Element der direkten Bürgerbeteiligung habe eine Kraft, die beide Ebenen nützen könne

- Beteiligungsverfahren funktionierten, wenn ja, vor allem im Rahmen der eh’ privilegierten Mittelschichten. Aber was sei mit "den Anderen"?

Und dann ginge es erneut gegen "die Medien": Es sei schwierig, überhaupt noch in den traditionellen Medien unterzukommen. Daher sei es notwendig, Partnerschaften mit Medienschaffenden zu schliessen, jenseits der herkömmlichen Verteilungskanälen.

16.15 - 16.35 Gestern ist heute: Heinz Haber und Robert Jungk im Disput um die
Zukunft (aufgezeichnet und moderiert von Wolfram Huncke)
Es lesen: Prof. Dr. Dietger Pforte und Prof. Dr. Olaf Schwencke

16.35 - 17.50 Gesprächsrunde und Plenum
Menschengerechte Technik und Wirtschaft
Diskussionsrunde:
— Prof. Dr. Ulrich Bartosch, Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW)

Die Vereinigung sei 1959 gegründet worden, zwei Jahren nach der Göttinger Erklärung von 1957. Ehemals sei auch die friedliche Nutzung der Atomenergie noch eine Perspektive gewesen, heute gewiss nicht mehr.
— Ulla Burchardt, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Forschung,
Technologie und Technikfolgenabschätzung
 [7]
— Dr. Hermann Ott, MdB und Mitglied der Enquete- Kommission des DBT
„Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“
 [8]
— Prof. Dr. Dr. Martina Schäfer, Zentrum für Mensch und Technik der TU
Berlin und Stellv. Vorsitzende des Rats für Nachhaltigkeit des Landes
Brandenburg

"Solange Nachhaltigkeit draufsteht, kommen mehr Frauen" und das gelte auch für das Thema Umwelttechnik.
— Dr. Uwe Thomas, ehem. Minister für Wirtschaft, Technik und Verkehr
des Landes Schleswig-H und Staatssekretär im Bundesministerium für
Bildung und Forschung

Menschengerechte Technik, was ist das? Er zitiert die Antwort von RJ. Und danach den Altkanzler Schmidt, der für Atomkraftwerke plädiert hatte, damit ab 2010 die Batterieautos betrieben werden könn(t)en.
Er fordert, "die richtigen Leute nach Brüssel zu schicken" und macht darauf aufmerksam, dass die Bundesrepublik nach wie vor einer DER Waffenexporteure auf der Welt sei.
— Prof. Dr. Josef Huber, Halle
Kommt aus dem Netzwerk Selbsthilfe in Berlin und bemüht sich um eine andere Art von Finanzierungsmodellen. Seine Forderung: Statt Giralgeld: Vollgeld, das nicht mehr dem Wachstumszwang unterliegt.
Moderation: Dr. Ute Scheub, Autorin und Journalistin


Am Ende diese Diskussion dann das oben schon angesprochene Schlusswort. Und doch will kein richtig heftiger Beifall mehr aufkommen. Alles schon zu spät?

Oder zu spät für die Spätgeborenen?

Von all den vielen und vielfältigen Äusserungen gibt es zumindest diese eine, die die Halbwertszeit des aufmerksamen Zuhörens wirklich überstanden und überwunden hat.

Und das ist der Hinweis, dass mit Bob Jungk eine Generation von der Bühne abgetreten sei, die zu jenen gehört habe, die allesamt gewusst hätten, dass sie "noch einmal davongekommen seien".

Diese Menschen hätten ein Gefühl dafür gehabt, dass Ihnen als Überlebende vor allem Zeit geschenkt worden sei, die sie alsdann durchaus bewusst und verantwortungsvoll für das eigene Wirken genutzt hätten.

Sie hätten sich dafür allemal in der Verantwortung gesehen. Und das Wertvollste, was sie samt ihrer Erfahrungen weiterzugeben (gehabt) hätten, das sei die Zeit, ihre Zeit, gewesen.


Wer sich ein objektiveres Bild zu diesem Thema machen will, der/die tut vielleicht gut daran, sich (stattdessen) den Mitschnitt der Berliner Zukunftsgespräche am Sonntag, den 26. Mai 2013 zu Ohren kommen zu lassen; jeweils um 11:05, 16:05 oder 21:05 Uhr.

Moderiert von Ute Holzhey, Leiterin der rbb-Inforadio Wirtschaftsredaktion, werden zu hören sein:
— Dr. Gerd Billen, Vorsitzender der Verbraucherzentrale Bundesverband
— Andreas Jung, MdB, Parlamentarischer Beirat für Nachhaltige Entwicklung des Deutschen Bundestages
(angefragt)
— Prof. Dr. Rolf Kreibich, IZT Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung
Berlin, Mitglied des Weltzukunftsrates (WFC World Future Council)
— Prof. Dr. Dr. h.c. Udo E. Simonis, ehem. Direktor am Wissenschaftszentrum Berlin für
Wirtschafts- und Umweltpolitik, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des IZT
— Sebastian von Waldow, BJU Verband der jungen Unternehmer, ERW
Industrieverwaltung GmbH


Nachtrag vom 5. August 2013

in einem Beitrag von Frank Grotelüschen aus Anlass der Unterzeichnung des Vertrages über die Einstellung der - überirdischen - Kernwaffenversuche vor 50 Jahren in Moskau: Ein Abkommen gegen den Atomkrieg im KALENDERBLATT des Deutschlandfunks ab 9:05 Uhr ist zu Beginn die Stimme von Robert Jungk zu hören, aus dem Jahr 1953, als er als Korrespondent in der Nähe von Las Vegas an einem "Atomtest" teilnehmen kann.

"Ich stehe vor der City Hall von Las Vegas. Es ist 1:20 Uhr nachts."
"Davor steht eine dunkle Masse von Menschen. Meine Kollegen sind alle sehr, sehr warm eingepackt."
"Man hat ihnen so viele Fragebogen vorgelegt, in denen sie ausdrücklich jede Verantwortung für eventuelle Schädigungen, die ihnen aus der Teilnahme an dem Atomtest entstehen könnten, auf sich nehmen."

Anmerkungen

[1Am gleichen Abend ist kurz vor acht Uhr im Programm des Deutschlandradios ein Professor zu hören, der in seinen Proseminaren mit Studenten der Politikwissenschaft eine anonyme Umfrage durchgeführt und so erfahren hat, dass gerade mal jede(r) Zehnte von diesen je ein Parteiprogramm gelesen habe.

[2Passend zu diesem Beitrag die Tatsache, dass in dem Veranstaltungssaal die einstündige Nutzung einer Internetverbindung von einem privaten Betreiber mit einem Preis von € 6,49 berechnet wird.

[3Wie gut, dass zuvor sich zumindest einer der Teilnehmer getraut hatte, dem anstehenden Schlusswort vorzugreifen und zu fordern, endlich damit anzufangen, im Jahr einhundertundeins nach Robert Jungk konkret darüber nachzudenken, welche Aktionen als praktische Folge seines Denkens und Vorlebens hier in Berlin unternommen werden könnten.

[4Aus einem wahrlich guten Grunde, der an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden kann, aber durchaus mit dem zu tun hatte, was am Schluss gefordert worden war, die Region Berlin-Brandenburg im Bereich der Medien auch weiterhin zukunftsfähig bleiben zu lassen.

[5Es wurde vom Veranstalter eine Bereitstellung des Mitschnitts in Aussicht gestellt, worauf dann zu einem späteren Zeitpunkt Bezug genommen werden kann.

[6nicht anwesend

[7kann nicht teilnehmen

[8kann nicht teilnehmen


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