Ein-Blicke in die Multi-Media-Manufaktur

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 21. Mai 2013 um 23 Uhr 36 Minuten

 

Ungeheuer faszinierend. Und faszinierende Ungeheuerlichkeiten. Zu sehen in der Ausstellung Brueghel – Gemälde von Jan Brueghel d. Ä. in der Zeit vom 22.März bis zum 16. Juni 2013 in der Alten Pinakothek in München.

Die Annäherung

Wer den Mut hat, mal alle Vorurteile gegenüber einem Museum im Allgemeinen und den Werken der „Alten Meister“ beiseite zu räumen, kann derzeit in München wahre Wunder erleben.

Mitten aus der gleissenden Helligkeit des Tages eintretend in die hohen Gewölbe der bayerischen Staatsgemäldesammlung, kann er sich zwischen drei Raumszenarien entscheiden, die durch schwere, hohe Türen versperrt sind, die nur mit viel Aufwand geöffnet werden können.

Sobald man sich bei den Türstehern – aber eben nicht Türöffnern [1] – ausgewiesen hat, wird einem sofort klar, dass man sich hier auf ein Abenteuer der besonderen Art eingelassen hat.
In einem bis aufs Schummrigste abgedunkelten Raum treten dem Eintretenden hell erleuchtete Rahmen entgegen und laden dazu ein, ihnen nahezutreten. Nicht zu nahe natürlich, sonst beginnt sofort ein Alarmton die unbotmässige Neugier des Besuchers, der Besucherin zu signalisieren. Und doch: trotz Mindestabstandsgebot und Museumsverglasung ist es möglich, einem Bild direkt in seine Augen zu schauen.

Da geschieht etwas ganz Einfaches. Da hängt ein Bild und Du entscheidest Dich, vor ihm stehenzubleiben, dich vor ihm aufzustellen, zu verweilen, zu blicken und abzuschweifen, den Atem stocken zu lassen und wieder neu Luft zu holen, die Körperhaltung zu ändern und von einem Bein auf das andere zu treten … und doch stehen zu bleiben. Und zu warten, was mit einem selbst und was mit dem Bild vor einem passiert.

Und dann geschehen Entdeckungen, die, so scheint es, einem ganz alleine gehören. Inmitten all des Publikums um einen herum und jenseits von all den vielleicht noch vorhandenen Vorkenntnissen oder Reflektionen anderer zu diesem Thema, diesem Bild, diesem Motiv.

Diese Ausstellung, so gross und magnifizent sie sein mag, erlaubt es, einen ganz besonderen, individuellen Blick auf das Geschehen der Bilder zu nehmen. Und zu entfalten. Und sich selbst mit dieser Entfaltung in einen Dialog zu begeben, der ganz und gar persönlicher, ja fast intimer Natur ist.

Die Beobachtung

All das, was wir auf dieser Ausstellungsreise ins Jenseits zu sehen bekommen, ist uns fremd. Und doch ist vieles von dem, was wir sehen, bis ins Detail bekannt – soweit wir uns noch auskennen in der Flora und Fauna, ein Jaguar nicht nur ein Auto symbolisiert und ein Hirsch nicht nur eine Getränkemarke.
Auch wenn diese Ausstellung zu Pfingsten besucht wird: Kennen wir sie wirklich (noch), die Motive aus den biblischen Geschichten? Und wenn nicht, können wir uns überhaupt (noch) vorstellen, wie sich ein Leben per Pedes und zu Pferde damals zugetragen hat, wie es in einem Gasthaus am Rande einer belebten Strasse am Ende eines Waldes zugegangen ist? Und warum uns in vielen Bildern Szenen mit Gestalten in den Bann ziehen, die in das Reich der Mythologie, der Phantasie, der Propädeutik gehören?

Kein Wunder, dass etwa bei den jungen Gamern – sobald sie den Schritt in diese Räume einmal gemacht haben – gerade diese Darstellung von Gewalt und Gefühlen, von Grusel und Grausamkeiten voll ankommen. Und schon heute in ihre Spiele-Welten Eingang gefunden haben.

Das, was diese Ausstellung in ebenso grosser Dichte wie Tiefe vorführt, sind die Ergebnisse einer riesigen, multimedialen Realisierung von Augenblicken mit Ewigkeitswerten: collaborativ working at it’s best. Jeder macht, was er am besten kann: der eine die Putten, der andere die Landschaften, der eine die Jagdszenen, der andere die Himmelsfarben. Und die Hintergründe: ob Schloss oder Burg, Schoner oder Barkasse, auf Bestellung.

Detail und das Ganze

All diese Details wirken so gut und so faszinierend, wie sie uns bekannt sind, ja weil sie uns mit Blicken auf das Wesentliche konfrontieren, das sich in der minimalistischen Strichführung offenbart.

Um das zu lernen, wird kopiert - und immer wieder kopiert. Der Sohn arbeitet sich am Vater ab, und dieser wiederum hat sich an dessem grossen Vorbild vom Schlage eines Dürers abgearbeitet. Eine gute Kopie ist nicht ein schlechtes Plagiat, sondern eine gelungene Auseinandersetzung mit dem Erbe, mit den Vor-Bildern.

Und so kann es kommen, dass Motive aus Antwerpen und aus Rom in der gleichen Hafen-Landschaft auftauchen. Die Wimpel auf den Masten der Boote lassen die Brise des Nordens erleben. Und dahinter die Kuppel des Petersdoms mit zwei hellsilbern schimmernden Streifen, die mit ihrer Reflektionsgüte die ganze im Hintergrund abgestimmte Farbsprache zu Erfindung des Bild-Raumes durchbrechen und das Gebäude als einzigartig erscheinen lassen.

Das ganz Kleine und das ganz Grosse als eine Einheit erlebbar zu machen, die sich aus der Spannung dieser Darstellungsdetails entwickelt, das ist Lebens-Kunst.

Wenn der Sohn Jan sich die Darstellung der Predigt von Johannes dem Täufer zu eigen macht, dann weitet der den Blick, vergrössert den Blickrahmen, und setzt zugleich das Bild in einen im Vergleich zur Vorlage vergleichbar kleinen Rahmen. Er entledigt sich der An-Massung des väterlichen Bildes und weitet dennoch zugleich in seiner Darstellung das Blickfeld, gewissermassen den „inneren Rahmen“ seines Blicks auf die Szenerie.

Und diese ist – und bleibt – faszinierend. Inmitten der Zuhörerschaft – offensichtlich aus aller Herren Länder - haben sich auch Menschen von dem Redner abgewandt. Einer von diesen lässt sich von einem Wahrsager aus der Hand lesen. Gegen Geld? Ein anderer steht mit einer langen Lanze an einen den linken Vordergrund dominierenden Baum gelehnt und schaut aus dem Bild heraus: direkt auf mich, den Betrachter der gesamten Szenerie.

Wenn dieser Text geschrieben sein wird, wird mit grosser Neugier endlich auch der Katalog geöffnet und zu Rate gezogen wird, der gleich seinen ersten Beitrag mit der Überschrift „Vom Zauber des Details“ – ab S. 21 – auszeichnet.
Bereits im dritten Beitrag wird dann – ab S. 47 – von der „Kunst der Zusammenarbeit“ die Rede sein. Auch dieser Text wird mit Spannung gelesen werden. Sobald das ureigene Empfinden beim Betrachten all dieser Werke zu Papier gebracht bzw. auf dem Bildschirm preisgegeben worden ist.

Dieses - hier nur sehr unzureichend als Zitat wiedergegebene - Bild von Brueghel und Rubens ist nicht im Internet, sondern in seiner ganzen Anschaulichkeit nur im Prado in Madrid zu sehen.
Es gelten die Regeln des Urheberrechts all rights reserved

Das Schlüsselbild hierzu ist nicht Teil der Ausstellung. Es lautet „Der Gesichtssinn“ stammt aus dem Jahr 1617, und zeigt als Bilder im Bild Brueghels und Rubens’ eigene Werke als Teil eines herzöglichen Arsenals.

DAS Detail: das kleine Äffchen am unteren Rand der Bildmitte beim Betrachten eines „Seestück“ mit einer Brille (sic!) in der einen „Hand“.
Und DAS grosse Ganze: Der Globus in der vorderen Mitte rechts am Boden stehend und die Satellitenbahnen, die um den Mittelpunkt – der Erde oder der Sonne? – in güldenem Messing ihre Bahnen ziehen, links über der Kommode aufgestellt. Darunter und davor wieder die Details: Und das sind all die Gerätschaften, die notwendig sind, um zur Vermessung der Welt beizutragen.

Kunst und Wissenschaft im Dialog – im Trialog mit der Freude an der Erkenntnis: Wer genau hinsieht, wird entdecken, dass dem Äffchen mit Brille von hinten im Bilde von einem Artgenossen eine weitere Seh-Hilfe angeboten wird: ein Fernrohr. [2]

PS.

Gewiss, dieser Text ist nur eine kurze, spontane Reaktion auf all das an den beiden Pfingsttagen in den Räumen der Münchner Alten Pinakothek Erlebte. Und er will sich weder messen noch bemessen lassen an all dem, was die „Grosse Kritik“ und der „Grosse Kataolog“ anzubieten in der Lage sein werden.

Er ist vielmehr ein kleines Abbild, entstanden wie all die Beobachtungen all jener anderen Zufälligkeiten, die sich rund um dieses an zwei Tagen aufgesuchte Gebäude darstellen: von der Ankündigung der Schau „Auf nach Rom“ in der Neuen Pinakothek bis hin zu einer leerstehenden Pinakothek der Moderne, ein Neubau, der geschlossen ist, weil dort angeblich die Decke von der Wand zu fallen droht.
Und von zwei sogleich daneben sich ereignenden Strassenbildern, als pars pro toto:
die Neuinszenierung der Oberfläche einer Klinker-Wand gleich vor dem Areal... ... und die Warteschlange vor einer benachbarten Eisdiele. Würde man auf diese Wohltat verzichten und die Schlange anderen überlassen, könnte man für das so eingesparte Geld schon fast den Besuch der BRUEGHEL-Ausstellung finanzieren. [3]

Anmerkungen

[1… wie toll wäre es, wenn einem wirklich jemand die Türe öffnen und sich an(er)bieten würden, bei Fragen ansprechbar zu sein – oder auch nur um die Begeisterung des Gesehenen mit-teilen zu können…

[2Der Pavian als "Prosument": Nicht länger nur die Seestücke inspizierend, sondern selber die sieben Weltmeere entdeckend ;-)

[3Und: als Publizist hat man das Privileg, beides zum gleichen Preis tun zu können: Die Ausstellung zu sehen, ein Eis zu essen - und dafür dann im Gegenzug diesen Text zu schreiben: free of charge.


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