Vom Personal Computer zum Implantat

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 4. Juni 2013 um 16 Uhr 48 Minuten

 

Gestern, am 31. Mai 2013, war im Deutschlandfunk unter der Frage "Wer hat die richtige Online-Strategie?" die Rede über die Folgen des Wandels von der papierträgergebundenen zur netzgebundenen Übermittlung und Vermittlung von journalistischen Inhalten.

Heute geht die Diskussion in eine Richtung weiter, die in diesen Aufzeichnungen und Notaten schon mehrfach Gegenstand der Darstellung und Auseinandersetzung waren.

Der Arbeitstitel dieser Gedanken-"Spiele" war die Frage nach dem Verschwinden des allgegenwärtigen Computers.

In der Sendung Breitband vom 1. Juni 2013 [1] stellt der Moderator Philip Banse die Frage:

"Wovor haben die Menschen Angst, wenn sie davon hören, dass Computer immer kleiner werden, immer mehr an uns heranrücken, immer unmerklicher vor sich hinwerkeln, auch in unsere Körper eindringen?"

Dazu Gesche Jooost [2]:

"Ich glaube, es war kontrollierbarer, zunmindest vom Bild her, wenn man die Technik als ein Gegenüber, als etwas Fremdes, als das Andere gesehen hat. Die Maschine war etwas, was gross war, was viele Knöpfe hatte, was technisch aussah.
Und plötzlich haben wir dieses Gegenüber nicht mehr. Wir haben nicht einmal mehr den Computer, der uns gegenüber ist und den wir kontrollieren über die Tastatur. Dieses Kontrollelement ist plötzlich weg, weil - wenn es in meinem Körper drin ist - dann habe ich auch nicht mehr diese Distanz. Dies Angst vor Kontrollverlust, dieses Invasive [...] dass so meine Natur plötzlich unterwandert wird von Technik - dieses Fremde, Maschinelle ist da plötzlich in meinem Körper: Das ist eine Vorstellung, die vielen Leuten Angst macht."

Auch wenn man dieser Sendung vorwerfen mag, mehr Fragen gestellt als Antworten bereitgestellt zu haben, die Fragen selbst sind schon ein Teil dieser Antworten - und es ist gut, dass sie öffentlich gestellt werden:

— mit der Verbreitung allgegenwärtiger Sensoren [...] ist damit die Kontrolle des Menschen nicht mehr gegeben?

— können in Zukunft Antworten auf neue Anforderungen noch individuell und pro Fall gegeben werden, oder zunehmend pauschal?

— kann ich noch darauf Einfluss haben, wer wann was über mich weiss?

— kann mein Wunsch, mehr über andere wissen zu wollen, nicht eben die Angst bestätigen, dass andere zu viel über mich wissen?

— wenn Computer nicht mehr sichtbar sind, weiss man dann noch, wie man sein Gegenüber zuzuordnen hat?

— Wie verändert sich Intimität im digitalen Zeitalter, was ist (noch) meine Privatsphäre?

— Wie menschenähnlich kann / soll ein Computer sein können, und (ab) wann ist ein Computer zu menschlich?

— Wie "sympathisch" können Maschinen für einen werden, bevor sie als "zu lebendig" geradezu brüsk abgelehnt werden?

— Ist die Urangst, dass die Maschinen die Macht übernehmen, heute noch gerechtfertigt?

— was ist, seitdem Parkinson oder Epilepsie mittels solcher Interventionen per Computer "geheilt" werden können?

— Inwiefern verändert das Digitale, wenn es so in uns hineinwandert, uns als Menschen?

— Ist die Vision von der Künstlichen Intelligenz abgelöst worden durch den Traum vom Ubiquitous Computing, vom verteilten Rechnen, das mehr über mich weiss, als ich selber?

— Kann sich der Mensch als Mangelwesen nicht durch die IT "aufrüsten"?

— Ist es nicht legitim, auf diesem Wege Defizite ausgleichen und / oder leistungsfähiger sein zu wollen?

— Was wäre, wenn ein Nachtdienst in Zukunft auch mit Infrarot-Licht nachts (besser) sehen könnte?

— Gibt es irgendwann den Moment, an dem wir merken, wir sind einen Schritt zu weit gegangen?

— Ist es nicht eine Illusion zu glauben, dass aller Fortschritt per se für den Menschen von Vorteil sei?

— Was sind unsere grundsätzlichen Sicherheiten, Annahmen und Werte in einer Gesellschaft, und inwieweit werden diese durch neue technologische Entwicklungen überschrieben?

— Welche Werkzeuge aus der Technikfolgen-Abschätzungs-Kiste können denn jetzt auf die digitale Welt angewandt werden?

— Sind RFID-Tags für Demenzkranke eine "Hilfe"? Sollte man wirklich Rabatte bei der Altenpflege gewähren, wann man sich solche Chips einpflanzen lässt?

— Was ist das Menschenbild bei Google und Apple?

— Der Mensch als Datenquelle? Und die Angst nicht vor dem einzelnen Menschen, sondern vor der Aggregation seiner Daten?

— Was sind die Langzeitfolgen unseres Mobilitätsverhaltens, denken wir nicht viel zu spät darüber nach?

— Laufen lassen oder verbieten - gibt es zu diesen extremen Alternativen wirklich eine Alternative?

— Die vielen neuen Freiheiten und Möglichkeiten "des Internet", bedürfen Sie nicht der Regulierung, des (Daten-)Schutzes?

— Ist Transparenz wirklich eine so wichtige Forderung, wie sie aktuell immer wieder aufflackert?

— Sind wir wirklich die informierten Konsumenten, die wir heute eigentlich sein könnten?


- Ein Kommentar?

Nicht wirklich [3] - ausser, dass an dieser Stelle nochmals auf zwei Bilder aufmerksam gemacht wird:

Das eine zeigt die drei Akteure im Studio während der Sendung (zumindest das "Ruhe"-Licht ist eingeschaltet):

Wie wir sehen, ein "altes" Studio mit einem Glastisch und viel neuem Gerät, das, so die These der Sendung, in Zukunft auch wieder mehr und mehr in der Hintergrund gedrängt werden wird.
Bei allen Vorteilen eines solchen "Selbstfahrer-Studios": Wäre es nicht auch ganz schön, sich bei seinem Dialog mit den InterviewpartnerInnen wieder voll auf diese konzentrieren zu können?

Die hier besprochene Sendung zeigt, dass dieses auch mit dieser neuen Technik geht und sie einem Dialog nicht wirklich im Wege steht.
Und doch kommt bei diesem Foto eine Art Wehmut auf im Andenken an jene runden, mit grünem Filz ausgelegten Studiotische, die auf eine seltsame Art und Weise eine Intimität des Dialoges ermöglichten, die dann auch in der Sendung und durch sie hindurch herauszuhören war.

Das andere ist das einer bionischen Protese von Hugh Herr von iWalk - nicht zu verwechseln mit dem iWALK-Apple-Zubehör - aus dem arte-Film Welt ohne Menschen?.

Dieser Beitrag macht etwas ebenso Simples wie Beeindruckendes: er zeigt - wie so in der Branche üblich - den Interviewpartner zunächst mit einem Gang durchs Bild.
Hier geht er, eine Treppe hinunter, ins Bild. Und sein Ab-Gang ist von einer leichten Unsicherheit geprägt, die man zunächst nicht richtig zu interpretieren weiss, die dann aber mit der hier zitierten Darstellung zutreffend belegt und erklärt wird.
Damit wird eines der typischen TV-Bild-Klischees endlich mal gegen den Strich gebürstet und die erzeugte Irritation zur Beförderung einer produktiven Erkenntnis genutzt.

In der Sendung wurde über das Uncanny Valley - Phänomen gesprochen. Hier ist das Ganze mal "von der anderen Seite aus" zu erleben. Spannend.

- Ein Nachtrag:

In der Morgenandacht im Deutschlandfunk vom 03. 06. 2013 (be-)schreibt Pfarrerin Angelika Obert aus Berlin unter dem Titel "
Was denn, wir sind doch keine Schafe!" folgendes:

" An einem schönen Nachmittag im Mai finde ich mich zusammen mit 50 Anderen auf einer kleinen Grünfläche
in Berlin-Kreuzberg ein. Alle haben wir Kopfhörer auf den Ohren. Ein Knopfdruck und es heißt: »Noch bist du
in der Warteschleife. Bitte um einen Augenblick Geduld.« Aber dann geht’s los. Eine superfreundliche
Frauenstimme stellt sich als Julia vor. Sie sagt: »Ich bin programmiert, dich zu verstehen. Du brauchst jetzt
keine andere Stimme neben mir.« Sie sei kein Mensch, erklärt Julia, sondern aus 2500 Stunden
Frauenstimmen zusammengesetzt. Ihr Lippen könne ich also nicht küssen, aber sonst sei sie ganz für mich
da. Julia macht mich darauf aufmerksam, dass ich mich zusammen mit den andern in einem Schwarm
befinde. Bald wird sie uns in Horden aufteilen und unser Hordenverhalten beobachten. Sie schickt uns durch
Türen, an Zäune, auf Spielplätze. Sie lässt uns U-Bahn und Fahrstuhl fahren. Sie weist uns darauf hin, wo
überall in der Stadt wir ferngesteuerten Programmierungen folgen. An jeder Ampel zum Beispiel. Und
zugleich folgen wir ihr: Wir bücken uns alle, wenn sie jedem Einzelnen ins Ohr sagt: »Und jetzt bückst du
dich«, wir fotografieren auf ihr Signal hin, wie rennen um die Wette, wenn sie es will – ja, wir beten sogar auf
ihr Kommando. »Tu so, als würdest du beten«, sagt Julia jedenfalls.
[...]"

Anmerkungen

[1kann hier nachgehört werden, zumindest solange der "Sender" den Zugang zu diesem Link autorisiert hat.

[2"Gesche Joost ist Designforscherin und leitet das Design Research Lab der Universität der Künste in Berlin und wurde nicht nur bekannt durch ihren TED-Talk. Bei Wikipedia und im Wahlkampfteam des SPD-Kanzlerkandidaten Steinbrück gilt Gesche Joost als Internet-Expertin, sie selbst bezeichnet sich jedoch bei Twitter als Forscherin zu Mensch-Maschine-Interaktion".

[3... womit wir Teil der offensichtlich schweigenden Mehrheit der Zu-HörerInnen sind, die sich in den ersten 24 Stunden nach der Sendung zu diesem brisanten Thema gerade mal mit einem Kommentar zurückgemeldet haben (sic!).
Und über die Twitter-Follow-ups gibt der DRK-Link keine wirkliche Auskunft.


 An dieser Stelle wird der Text von 9349 Zeichen mit folgender VG Wort Zählmarke erfasst:
55a77a4a9b744c628fba2afb096354f1