(Tor-)Tour de CeBIT 2014

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 9. März 2014 um 19 Uhr 41 Minuten

 

Ab dem 4. Juni 2013 war zu lesen, dass die diesjährige CeBIT in der Zeit vom 10. bis 14. März in Hannover stattfinden werde - also von einem Montag bis zu dem nachfolgenden Freitag.

Viele der Pressekonferenzen und die Eröffnung sind auf den morgigen Sonntag vorverlegt, die sogenannte "High-Light-Tour" und das "Chill-in" für die Presse findet an diesem Samstag statt.

Die Wochenend-Besucher-Tage des nachfolgenden Wochenendes sind gestrichen. Wie der Heise Newsticker brav laut Messe-Text-Nachricht berichtet, macht die CeBIT in diesem Jahr "nur noch in Business".

Schulklasse, Gamerfreaks, Nerds und Beutelratten sind raus. Auch der hightech-begeisterte Prosumer, 2010 noch als "ein unverzichtbarer Bestandteil inmitten der Wertschöpfungskette" als Teil des CeBIT-Publikumssprektrums umworben, ist raus und damit gibt es auch kein "CeBIT life"-Konzept mehr. Und kein "4-Säulen-Modell" mehr.

Twitter-Kommentar von Kai Hattendorf "in charge of Corporate Comms, Marketing, and Digital Business at Messe Frankfurt": "Wenn die #cebit zur reinen B2B-Fachmesse wird, dann wird es schwer, die Aufmerksamkeit der Medien zu halten. Drücke den Kollegen die Daumen." [1]

Die Tages-Ticketpreise werden fast verdoppelt: von 39,- auf 60,- Euro. Die Laufzeit der Messe dagegen verknappt - auch wenn in der offiziellen Sprachregelung davon die Rede ist, man habe mit dem Montag als erstem Öffnungstag die CeBIT um einen Tag verlängert.

Aber dann ist der der Meldung vom 4: Juni auch der Satz zu lesen, dass es dem Veranstalter nach wie vor um den Kontakt mit dem Nachwuchs gehe und deshalb übernähme man das "Konzept TectoYou", in dem Schüler und Studenten an die IT-Unternehmen herangeführt werden sollen von der Hannover Messe.

Mehr noch, nicht nur Schüler und Studenten sollen weiter gefördert werden: für das "Code-n", das „Code of the new”-Projekt, das die GFT nun im dritten Jahr noch weiter ausgebaut habe, würden vor allem junge Start-up-Unternehmen aus der ganzen Welt in einem Wettbewerb für die Teilnahme an der CeBIT ausgesucht und zur Teilnahme eingeladen werden.

Und diesem Punkt zu unterstreichen, werden in diesem Jahr auch alle Presse-Teilnehmer, die sich für die "High-Light-Touren" angesagt haben, nicht im Pressezentrum angesprochen, sondern von der eigens für dieses Projekt in der Halle 16 aufgebaute Bühne, wo die einleitenden Worte von Seiten des Pressesprechers, des CeBIT-Messe-Vorstandes, vom Stand-Designer und vom GFT-Chef gesprochen werden.

CODE_n wird als die europäisch bedeutendste internationale Plattform für digitale Pioniere, Innovatoren und wegweisende Start-ups herausgestellt, lädt nach der Tour zu einer eigenen PK ein und danach zu einer "geilen Party".

Das Ziel: auf der CeBIT der Öffentlichkeit unter dem Banner „Driving the Data Revolution” die Big-Data-Avantgarde vorzustellen.

Nach dieser Vorstellungsrunde werden wir in zwei Gruppen durch das Messegelänge gelotst, teilweise auch per Shuttle-Bus gefahren, besuchen unterschiedliche Stände [2] und am Schluss treffen sich beide Gruppen wieder am noch im Aufbau befindlichen Areal des Partnerlands UK.

Und so schlimm, wie dieses letzte Station, war es nicht einmal bei den anderen zuvor. Als DER Schluss- und Angelpunkt für das gemeinsame Wiedereinfinden beider Gruppen vorgesehen, war auf der Stand-Baustelle nichts, aber auch gar nichts vorbereitet, um die so fröhlich behauptete Gastfreundschaft unter Beweis zu stellen.

Nicht nur, dass dieses wahrlich kein Ort war, der auch nur länger als irgend möglich zum Verweilen eingeladen hätte, es gab keinerlei Personal, keine Pressemappen, keine giveaways... der Abteilungsleiter der Botschaft hatte im Anschluss an seine Begrüssungsworte -für die nicht einmal eine Mikro samt Lautsprecher und Verstärker bereitstanden - auch keine Visitenkarten übrig.

Sorry, Sir, aber bei allem Stolz auf die 300jährige Geschichte der Beziehungen zwischen den Königshäusern von England und in Hannover und bei allem Respekt, dass versucht wurde, uns in deutscher Sprache zu begrüssen und vor der Kamera die eigenen Positionen zu erläutern, sowas, sowas geht einfach nicht. [3]

Während sich in Ermangelung des Mikros die Fragen sehr schnell auf die Postion von Einzelgesprächen zurückgeführt wurden wurde die schon in Auflösung befindliche Gruppe noch schnell verabschiedet...

... es waren gerade mal gut zwei Stunden vergangen. Jeder der Aussteller hatte versucht, mit einem Affenzahn seine Botschaft rüberzubringen, sich auf eine Anwendung zu beschränken und für eine Presse-Story aufzuhübschen und dann war es gerade erst drei Uhr vorbei. Und noch zwei Stunden Warte-Zeit bis zur angekündigten GFT-PK und noch drei bis zur Eröffnung der Party.... also hatte man - um es irgendwie noch ins gute Licht zu rücken - jetzt viel Zeit, seinen Bericht aufzusetzen - und auf der Internet-Seite der GOV.UK nachzusehen, wie denn nun der korrekte Name und Rang ihres Stellvertreters vor Ort gewesen sein mag.

Wenn man sich also nochmals diese kurzen Standpräsentationen an sich vorbeiziehen lässt, dass wird schnell deutlich, dass an keinem einzigen dieser Orte auch nur annähernd der Versuch unternommen worden wäre, einem überhaupt die Firma "als Ganze" mit ihrem Spektrum und ihren Möglichkeiten zu präsentieren.

Vielmehr was es so, dass sich jeder - mehr oder weniger - eine Geschichte herausgesucht hatte, die exemplarisch für die ganze Firma sprechen sollte.

Vodafone präsentiert die "Revolution des bargeldlosen Bezahlens an einem Hotelempfangstresen, Claas präsentiert einen Mähdrescher der Superlative, der auf 2 cm genau IT-gesteuert seinen Job macht und dokumentiert, Intel präsentiert sich der DER valable Partner im Zusammenhang mit dem Thema Energiemanagement, IBM präsentiert ein Forschungsprojekt um den Schlaf des Menschen zu beobachten und zu verbessern, Microsoft eine komplexe Anwendung zur Verbesserung des Shop-Systes, und die Telekom einen intelligenten Koffer, der auch ohne das Zutun seines Eigners zu reisen in der Lage ist.

Ganz klar: hier sollen Geschichten für die Kamera erzählt, Positionen im Aufmerksamkeitswettbewerb besetzt und die JournalistInnen für einen zweiten Besuch gewonnen werden. Das alles wurde von vielen Veranstaltern auch besser vorbereitet und durchgeführt als das, was wir da zum Schluss haben über uns ergehen lassen müssen. Und es sicherlich gut so für all die, die knackige Stories und gute O-Töne brauchen.

Erwartungen wie die, auf dieser Tour wirklich informiert zu werden, qualifizierte GesprächspartnerInnnen für einen Hintergrund zu finden oder auch nur einen Gastgeber, mit dem man einen Termin hätte ausmachen können, hätte man lieber gleich zu hause lassen sollen: nachdem auf der CeBIT ja nur noch Business-to-Business-Geschäft angesagt sein solle, sind offensichtlich die Berichterstatter die Leidtragenden, um noch als die letzte Elite der Prosumer-Welt mit den werbenden Angeboten vertraut gemacht werden zu können.

Für all diese gibt es aber schon heute eine Alternative- in den USA: die South-by-South Interactive in Austin, Texas.

Und dies, im Vorgriff auf die morgige Rede der Bundeskanzlerin Dr. Merkel "über die Selbstbehauptung des Menschen kurz vor seiner Überflüssigmachung" auf der Eröffnungsveranstaltung der CeBIT 2014:
"Der Fortschritt ist leicht messbar und doch schwer verstehbar".

Anmerkungen

[1Diesem Kommentar war im Zusammenhang mit dem Messtreff-Thema der AUMA ein Dialog zum Thema WLAN vorausgegangen. Danach soll es ab 2014 auf dem gesamten CeBIT Messegelände ein kostenloses WLAN-Angebot geben; das gäbe es, so Hattendorf, in Frankfurt schon seit drei Jahren...

[2Die "blaue Tour": Samsung Electronics GmbH, Unify, Secusmart GmbH, Roboy, Fraunhofer Institut, Bundesdruckerei
Die "rote Tour": Vodafone, Claas, Intel, IBM, Microsoft, Telekom

[3Oder, anders gesagt, man bekommt ganz klar signalisiert, dass nicht die PressevertrtererInnen von Bedeutung sind, sondern die Gäste, die am Tage danach auf der Eröffnungsveranstaltung zu erwarten sein werden.


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