the afterglow of the afterglow

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 3. Februar 2014 um 21 Uhr 28 Minuten

 

I.

Was zählt, das ist der Augenblick.

Die Kunst ist, die richtigen Fragen zu stellen.

Nichts ist fertig.

Dabei ist alles wunderbar vorbereitet. Und mit hohem Grad an Professionalität. Selbst für jene Teilnehmer, die "nur" online der einen oder anderen Veranstaltung beiwohnen wollen, ist gesorgt. [1] Man redet nicht nur über Vernetzung, sondern hat sich vernetzt. Mit den Besuchern im Netz ebenso wie mit jenen, die vor Ort angekommen sind. Und das aus aller "Herren Länder".

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Aber: Die Exponate der diesjährigen Ausstellung werden erst in einem 48-Stunden-Marathon vor Ort hervorgebracht. Und dann so ausgestellt. [2]

Und: Als Kristoffer Gansing als der künstlerische Leiter am Endes der viertägigen Kongressveranstaltung um einige "closing remarks" gebeten wird, gibt er zur Antwort:

Damit ist er ehrlich: Er verstehe sich nicht als Chef, sondern als primus inter pares. Und damit teilt er das nunmehr Offenkundige mit, was die meisten auf den Bühnen und Podien nicht mitzuteilen in der Lage waren: Was den Kern der Veranstaltung ausgemacht hat.

Es gibt keinen Kern, die ganze Reihe von Ereignissen und Ergebnissen anlysieren zu wollen, würde enden wie das Ende von Peer Gynt bei Auseinandernehmen der Zwiebel: Ein Schicht wird nach der anderen abgetrennt. Es kommen die Tränen. Und im Innersten der Zwiebel ... ist Nichts zu finden. [3]

II.

Ja, vielleicht ist es in der Tat nicht ratsam, über diese Veranstaltung ein abschliessendes Resümee zu ziehen. Zumal es nicht möglich war, sich wirklich einen Überblick zu verschaffen, in dem alle Facetten und Beiträge wirklich berücksichtigt werden könnten. [4] [5]

Und doch. Diese Veranstaltung ist beendet. Und es reicht nicht zu sagen, dass man sich ja wiedersehen, die Diskussion weiterführen und auch neue Menschen wie Positionen in Zukunft mit einbeziehen werde.

Er wird wichtig sein, rundherum abzufragen, wie die Eindrücke gewesen sind. Und das nicht nur auf der Basis der Analyse der publizierten, gesendeten und geposteten Reaktionen und Beiträge, sondern auch dadurch, dass jede(r) nochmals das Erlebte versucht, für sich und für die anderen nachzuvollziehen und auf den Punkt zu bringen.
Was hiermit geschehen soll - im Selbstversuch. [6]

III.

Vielleicht mag es daran liegen, dass der Rezensent selber über viele Jahre bei der (Aus-)Gestaltung dieser Veranstaltung aktiv involviert war, aber das am häufigsten vernommene buzzword dieser Tage war "DIY", was für Do It Yourself steht. Ein Begriff, der schon vor gut einem Jahrzehnt als Motto einer ganzen Jahresveranstaltung hat herhalten müssen.

Jetzt taucht dieser Begriff wieder auf. Und zwar vor allem im Zusammenhang des aktuelln Sprechens und Schreibens über etwas, das "post-digital" genannt wird: Die am deutlichsten in diesem vielstimmigen Chor der Meinungen und Methodologien zu vernehmende Stimmen fragen immer wieder danach, wie man denn nach diesem Paradigmenwechsel in die digitale Welt, dieser "dinner party" werde weiterleben können.

"Jammern auf höchstem Niveau"? Ja, die Flamme der Erneuerung habe ihre Wirkung gezeigt, aber heute seien die Freudenfeuer über die Befreiung der Welt durch das Internet ausgebrannt. Was bliebe, das sei die Hoffnung, dass sich in dieser Art von "afterglow" noch ein blaues Licht finden liesse, das Anlass gäbe, trotz alledem neue Hoffnung schöpfen zu können.

IV.

Die ungeheuerliche Herausforderung dieser Veranstaltung war es, sich einem Phänomen zu stellen, das aus einer Position diskutiert wird, die vorgibt, dass die Digitalisierung schon stattgefunden habe. Mit grosser Verve und einem Blick, der sich auch über die Grenzen Zentraleuropas hinweg bemüht, nach einem neuen Weltbild zu suchen.

Aber vergisst man nicht dabei, dass wir alle in einem "Auto" sitzen, das sich immer noch wie ein motorisierter Kutschkasten benimmt, wie eine Droschke, der die Pferde durchgegangen sind und die sich wie durch ein Wunder dennoch zu bewegen scheint?

Das Spannende - aber auch verdammt Gefährliche - dieser Veranstaltung ist ihr Versuch, die aktuellen Phänomene aus einer ex-post-Position zu betrachten, die aber eine Chimäre ist, die bislang weder zeitlich noch erkenntnistheoretisch wirklich hätte definiert werden können.

Der Versuch, auf diesem Wege Abstand zu gewinnen und Distanz, von der aus die Reflektionen über die "modern times" einfacher sein könnten, ist legitim. Die Einsicht, daran derzeit noch scheitern zu müssen, auch.

Gerade diese noch unfertige Aufgabenstellung macht aber auch den Reiz der Veranstaltung aus und begründet auch die Notwendigkeit ihrer weiteren Finanzierung: So, wie es eines Labors bedarf, das Grundlagenforschung betreibt, und zugleich in der Lage und bereit ist, uns immer wieder neu mit den aktuellen Statusanalysen und deren Ergebnissen zu konfrontieren.

V.

Es hat bis zum Verfassen dieser - erst am Sonntag abgeschlossenen, aber schon heute, für Samstag publizierten - Zeilen die ganze Zeit dieser Veranstaltung gebraucht, um wirklich verstehen, in seiner Dimension erfassen zu können, was mit dem apokryphen Begriff des "Nachglühens" gemeint ist. Sei es das metaphorische Verglimmen der Feuerstelle oder die Zeit nach dem Sonnenuntergang:

"The digital revolution was a dinner party but its afterglow is not." So lautet der erste Satz, in dem zwar noch nicht auf den Untergang der Welt, wohl aber auf und über den Untergang der Sonne reflektiert wird. "The afterglow is an intense red glow of the atmosphere long after sunset (or long before sunrise), when most twilight colors should have disappeared."

Nein, hier wird nicht die "Morgenröte" und mit ihr ein neuer Tag begrüsst; gleich dieses erste Bild aus dem Intro des diesjährigen Trailers führt zu seltsam hybriden Assoziationen, aufgereiht zwischen einem Blick auf die kalifornischen Küste und Freaks in Feierlaune, zwischen FKK und KDF, zwischen Sonnenanbetern und Ballermännern (und -frauen).

Aber warum alles so schwarz sehen, auch wenn wir uns jetzt schon angeblich in der Zeit nach dem Sonnenuntergang befinden? Dann vielleicht doch lieber auf den "Internet-Schwarzmarkt" gehen, von dem in der NETZWELT von SPIEGELOnline zum Ende des Festivals wie folgt berichtet wird: "Der Schwarzmarkt fällt auf dem sonst so ernsten und düsteren Festival auf: Zwischen den Ständen drängen sich die Besucher, es ist laut und vor allem sehr, sehr bunt."

VI.

Wie schön, dass es doch auch zu Performances wie die von Lucky Dragons kommt, in denen das Spiel mit Sonne und Schatten als konstitutives Element eine grosse Bedeutung gewinnt. Auch hier im Prinzip eine ganz einfache Versuchsanordnung, die auf der Bühne erläutert und zugleich sowohl sinn-optisch als auch musikalisch in Szene gesetzt wird.

Oder zum Abschluss die in der Keynote DoRadical Futures vorgeführten Erfahrungen, mit dem das jeweils Andere, das scheinbar Unvereinbare zum Gegenstand der wissenschaftlichen Erkundung - aber eben auch der ureigendsten Inszenierung - gemacht wird: Der Wunsch, als junger Mann die Erfahrung der Menstruation so sinn-fällig als möglich nach- ja miterleben zu können. Oder der Wunsch, anstatt mit Menschen mit den Vögeln in einen Dialog treten zu können.

In solchen Momenten wird klar, dass trotz all dieser unendlich vielen verbalen Schleifen [7] die Kunst nicht an die Seite gedrängt wurde, sondern vielmehr ein konstitutives Element dieses Dialoges ist, die Brücken baut, Horizonte aufreisst, Perspektiven eröffnet, die der Logik, der Intelligenz, der Semantik verborgen bleiben müssen, selbst wenn sie sich um die Entdeckung eben dieser Brücken, Horizonte, Perspektiven verbal bemühen.

VII.

Indem alle mit Apple-Rechnern auf die Bühne kommen, die oftmals an ihrer Stirnseite anstatt des Apfels alle Arten von Stickern und Bandarolen präsentieren, die Werbung machen für die eigenen Einstellungen, Vorlieben und plakativ umgesetzten Haltungen, die alles auf unterschiedlichste Art und Weise etwas Ähnliches sagen:

"Wir sind in, weil wir out sind."

"out" im Sinne von "outing", "outlaws", "outbreaks", "outstanding", ...
"in", weil wir es allesamt geschafft haben, uns hier auf der transmediale zu begegnen

Ohne dass das in Berlin überhaupt gesehen, geschweige denn verstanden wird, haben nur wenige Veranstaltungen dieser Art einen so hohen Grad an "out"-reach, weil nur wenige so "in"ternational sind.

VIII.

Es ist beeindruckend, wie viel und wie gut Englisch gesprochen und offensichtlich auch in Englisch gedacht wird. Und in welch grossem Umfang die Lektüre über den nationalen Kanon hinaus in englischer Sprache publiziert und kommentiert wird.

Das Programm ist so deutlich und so nachhaltig von und in dieser Sprache geprägt, dass es insbesondere die aus den USA kommenden Gästen dazu verleitet, auf der Bühne hier in Berlin so zu reden, als ob sie auf dem home turf seien.

Nicht nur, dass es ihnen nicht daran gelegen ist wahrzunehmen, dass "ihre" Sprache nicht unsere Muttersprache ist. Noch ärger ist es, dass auch ihre Begrifflichkeiten und Referenzen als allgemein gültig, nachvollziehbar und damit als verständlich und verstanden vorausgesetzten werden.

In der Diskussion zum Thema der "whistle-blower" wurde dieses sogar explizit gesagt: Dadurch, dass wir heute alle jenen Bedrohungen unterliegen, die nun weltweit von den Aktivitäten der NSA-Behörde ausgehen, seien wir irgendwo und irgendwie alle Betroffene und damit alle Amerikaner... [8]

IX.

Kunst als Mittel der Analyse und zugleich als Treibriemen zur Vermittlung derselben. Und immer wieder mit dem Anspruch: Wir machen uns unsere Welt selber. Wir bilden uns in unsere Welt selber. Wir erklären uns die Welt nach unseren Erfahrungen.

Und all das wohlwissend, dass die eigenen Systeme lange nicht so gut sind wie die Smartphones heute sein können und nicht so performant wie die grossen kommerziellen Streaming-Angebote. Hier aber geht es um Alternativen, die auch dann noch arbeiten können, wenn die Grossen und Mächtigen dieser Welt uns nicht mehr an den Futtertrögen ihrer Technolgieangebote partizipieren lassen.

Um im Bilde zu bleiben: Die Notstromversorgung zum Beispiel, die bislang den leitungsgebundenen Telefonen immer noch gratis und funktionsfähig für den "Fall der Fälle" mit ins Haus geliefert wird, muss in Zukunft im Umfeld einer auf der Basis der IP-Protokolls definierten Welt, wieder neu als not-wendigkeit entdeckt und implementiert werden. [9]

Auf einer der Veranstaltungen war sogar die Rede von den alten US-amerikanischen CeFAX-Streams oder Teletext-Sendefrequenzen, die heute wieder aktiviert und dann als Mashnetworks für neue Anwendungen zur Geltung gebracht werden. All das als Versuch, eine Antwort zu finden auf die Frage: Wie funktionieren social networks, wenn das Internet abgeschaltet sein wird?

X.

Trash or Treasure - selbst aus diesen Gegensatzpaaren wird eine neue Einheit gebildet: Trashure. Die Alliteration reicht nicht (mehr): es geht um die Suche nach einer neuen Einheit, nach einem - wenn schon nicht grossen - Ganzen!

Oder unter der Überschrift Hashes or Ashes wird die Frage gestellt:
"Can we imagine a sustainable way to act in the digital info-sphere?"

Am Ende seiner Schlussbemerkung hatte sich Kristoffer Gansing bei all den Mitwirkenden auf und hinter der Bühne und Podien bedankt, sprach ein letztes Mal davon, dass die Diskussionen weitergehen würden und von einem "afterglow of the afterglow" ... also einer Art "Morgenröte 2.0"?

PS.

Zu guter Letzt noch der Hinweis, dass es doch Dinge gibt, die in der Zwischenzeit fertig geworden sind. So die Promotion: "Transversal Media Practices: Media Archaelogy, Art and Technological Development", die am 17. Mai 2013 erfolgreich in der Abteilung K3, media and communication studies an der Universität Malmö verteidigt wurde.

Dabei, so die Überschrift in den Pressmitteilungen der Universität, sei es aber nicht um ein "Nachglühen" in der Folge der digitalen Praxis gegangen, sondern um "new light", das auf diese Entwicklungen geworfen werde.

Wer sich das Titelbild genau betrachtet, wird eine interessante Übereinstimmung mit den Bildern aus der oben beschriebenen Performance vorfinden. Nur ein Zufall oder ein weiteres Beispiel von "Serendipity" - dem buzzword für die transmediale 2015?

http://dspace.mah.se/bitstream/handle/2043/15246/Gansing%20KS%20muep_ny.pdf?sequence=2

Anmerkungen

[1Das Online-Signals ist in HD, die Tonqualität liegt bei 96000. Die Mikros sind zur Unterscheidung alle farbig für die Tonregie abgesetzt.

[2Eine der Beteiligten, die am Sonntag das Schlusswort zum Thema des "Techno-Schamanismus" spricht, beschreibt, dass sie es bedauere, dass dieser extrem herausfordernde Entstehungsprozess in ihrem Exponat überhaupt nicht mehr in Erscheinung treten würde.

[3(Nimmt eine Zwiebel und pflückt Haut um Haut ab.)
Da liegt die äußre, zerfetzte Schicht; -
Der Gescheiterte, der um sein Leben ficht.
[...]
Das hört ja nicht auf! Immer Schicht noch um Schicht!
Kommt denn der Kern nun nicht endlich ans Licht?!
(Zerpflückt die ganze Zwiebel.)
Bis zum innersten Innern, – da schau’ mir einer! -
Bloß Häute, – nur immer kleiner und kleiner. -
Die Natur ist witzig!
(Wirft den Rest fort.)

[4Und wenn dieses schon als Gast nicht möglich ist, wie soll das dann erst dem Gastgeber möglich sein.

[5Hinzu kommt eine Reihe von Veranstaltungen "jenseits" der transmediale. Von der Begegnung der Macher der Webseite zur Europeana1914-1918 bis in zum Green Me Film Festival.

[6Und hier ausdrücklich eingeschränkt auf jene Veranstaltungen, die auch als Livestream mitverfolgt werden konnten und damit auch hoffentlich nach dem Ende erneut bereitgestellte werden.

[7Siehe den Bericht vom vergangenen Jahr: "tm 2013: talk, talk, talk..."

[8Wie gut, dass zumindest eine der Referentinnen am Sonntag auf eben diesem Podium erklärte, dass die klassischen Masterminds in diesem Gewerbe aus dem Vereinigten Königreich kämen - sehr wohl anerkennend, dass die USA inzwischen viel dazugelernt habe...

[9Schauen wir uns doch nur um, und sehen das, was in New York bei dem letzten Zusammenbruch der Stromversorgung geschehen ist: Die Menschen pilgerten nicht länger nur an die Tankstellen, sondern auch zu den Steckdosen in jenen Bezirken, in denen noch Strom hat angeliefert werden können.


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