Vor dem Neunten November

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 16. November 2014 um 19 Uhr 07 Minuten

 

Dieser Tag - und dieser Text - steht genau zwischen der Erinnerungsfeier im Deutschen Bundestag vom 7. November und dem Tag, an dem "die Mauer fiel", morgen, vor 25 Jahren: der Neunte November 1989.


Gestern war zur Feierstunden in den Bundestag Wolf Biermann eingeladen. Zum Singen. Nachdem er gesprochen hat. Gegen die, die für ihn heute noch in der Nachfolge dieses Regimes Politik machen - dürfen.

Und während er vom Präsidenten des Hauses daran erinnert wird, dass er in diesem hohen Hause nur dann sprechen dürfe, wenn er in eben dieses gewählt worden sei, wählt Wolf Biermann einen anderen Weg, bevor er zu singen beginnt.

Und da geschieht etwas Seltsames, was der Zufall kaum besser auf den Punkt hätte bringen können. Als sich Biermann vom Präsidenten und dessen Wort abwendet, und noch bevor er selber das Wort ergreift, fällt eine Klappe - die Klappe seines Gitarrenkoffers - zu.

Die Gitarre als Knarre? Jetzt ist sie draussen. Und wird bespielt. Und das Lied wird dann auch noch gesungen.

Und dann kommen sie und loben ihn. Der Vizekanzler nimmt ihn in den Arm. Und die Kanzlerin lobt ihn mit einem Schulterklopfen.

Wolf: hättest Du Dir das jemals auch nur träumen lassen - dass das, was Du Dir erträumt hat, so "enden" wird?


Antworten wird es - vielleicht - heute am Abend im Berliner Ensemble geben wo es ab 20 Uhr heisst: Grosses Festkonzert zum 25.Jahrestag des Mauerfalls: WOLF BIERMANN & DAS ZENTRALQUARTETT. Günter Baby Sommer, Ernst-Ludwig Petrowsky , Konrad Bauer, Ulrich Gumpert. "Nehmt euch die Freiheit,sonst kommt sie nie!"

Dort, wo der Autor einst selbst ein- und ausgegangen ist, werden an diesem Abend einige aus den Reihen der Bürgerrechtsbewegung mit dabei sein, aber auch der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, und, erneut, Norbert Lammert und: Angela Merkel und ihr Mann Joachim Sauer.


In der Berliner Zeitung berichtet darüber Daniela Vates, die die Kanzlerin mit diesem Satz aus ihrem Grusswort zitiert, der Wolf Biermann zu einem der "der größten Dichter und Liedermacher unserer Zeit“ macht.

An diesem Tag aber ist Wolf Biermann mit einem ganz anderen Lied zu hören: Gleich zur Eröffnung von Ulrich Gieneigers WOCHENENDJOURNAL-Sendung über eine neue "Wo sie ruhen" - App, herausgegeben von der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg, finanziert vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und auf den Weg gebracht vom hamburger Bundestagsabgeordneten Rüdiger Kruse... mit dem Lied über den Hugenottenfriedhof in der Chausseestrasse:

Und hier, im Vergleich dazu, eben dieses Lied aus dem Kölner Konzert aus dem Jahr 1976:

PS.

Biermann über Brecht(s Tod): "Mein vertrauter Arzt in Ostberlin, der Internist Georg Tsouloukidse, betrieb eine die Praxis am Schiffbauerdamm. Dieser zuverlässige Freund „Goggi“ hatte den Brecht gelegentlich ambulant medizinisch betreut. Und er behauptete später steif und fest, daß der Brecht, bei korrekter medizinischer Behandlung und Pflege, leicht noch 20 Jahre auf Erden hätte weitermachen können. [...] Die Nachrichten über den GULag waren ein Schock für Kommunisten in aller Welt. Und genau im Spätsommer dieses Schicksalsjahres hat unser Brecht sich davon gemacht in den Tod. Er war im allerbesten Sinne demoralisiert. Unser Menschheitsretter hatte seine Rolle als Weltweiser für die kommunistische Endlösung wahrscheinlich selber satt. Der erschöpfte Brecht wollte in das private Paradies auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in der Chausseestraße einziehen."


3534 Zeichen