TABORI’s Geburtstag

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 19. Dezember 2004 um 11 Uhr 40 Minuten

 

Der Aufmacher des "Berliner Kuriers" vom 24. Mai 2004 von Norbert Klaucke
George Tabori lässt sich von Fans feiern. GEBURTSTAG. Zum 90. eine Lesung im BE.
Eigentlich soll es Unglück bringen, wenn man jemand vorzeitig zum Geburtstag gratuliert. Doch George Tabori scheint dies kaum zu stören. Der große Theater-Mann, der heute 90 Jahre alt wird, ließ sich gestern im Berliner Ensemble von seinen Fans feiern.
Anlass war eine Sonntags-Matinée in dem Theater am Schiffbauerdamm (Mitte). Die Schauspieler Senta Berger, Leslie Malton und Felix von Manteuffel lasen aus dem Buch "Der Spielmacher - George Tabori im Gespräch". Heute gratuliert das BE seinem Haus-Regisseur mit einer Gala. Als Gäste werden Hanna Schygulla, Hilmar Thate, Otto Sander, Johannes Rau und Wolf Biermann erwartet.

Zu George Tabori’s 90.Geburtstag werde ich nicht in Berlin sein, sondern in Hannover. Eigentlich hätte ich auch in Bremen sein können, oder in Köln. An all diesen Orten wird die Einführung des digitalen Fernsehens gefeiert. Und wir Berliner feiern mit. Weil wir sehen wollen, dass dieses weltweit erstmals umgesetzte Projekt Folgen hat und damit die Chance gewahrt wird, insgesamt zu einem Erfolg zu führen.

Meine Feier findet mit ihm im "Intimen" statt: mit mehr als hundert anderen Gästen und Freunden, die sich am Sonntagmorgen im Berliner Ensemble eingefunden hatten - und dass hier überhaupt andeutungsweise in diesen Zeilen davon die Rede sein wird, ist eine wunderbare Ausnahme von der Regel dieser Internet-Publikationen, nichts allzu Persönliches zu publizieren.

Eigentlich hatte mich von Tabori als Freund schon Jahren verabschiedet, als ich das Theater verlassen hatte bzw. mir das Ende der 70er Jahre angebotene Engagement am Berliner Ensemble - einmal mehr durch die Politik - vermasselt wurde.

Und jetzt sitze ich doch wieder da in jenem Hause, wo ich mich angesichts der um mich Versammelten durchaus immer noch "zu Hause" fühle, neben Menschen, die der Zufall mir wieder in meine Nähe gespielt hat.
Rechts neben mir zwei theaterbegeisterte ehemalige Nachbarn, mit denen ich viele Jahre lang eine Büroetage im Wedding geteilt hatte, auf der anderen Seite zwei Verlegerinnen, die sich nun "ihren" Tabori zwischen Bühne und Belletristik respektvoll teilen,
vor mir der Pianist und Komponist Stanley Walden, den ich über 30 Jahre lang nicht mehr gesehen und gehört hatte und der die Matinee ausgerechnet mit einem Lied aus unserem "Pinkville" eröffnete (das auch in dieser Besetzung in Bukow nur dadurch zustande gekommen ist, da es damals dem Schiller-Theater aus politischen Gründen verwehrt wurde, seine Schauspieler wie in den "Kannibalen" wieder dafür zur Verfügung zu stellen),
links an der Wand Péter Esterházy der seine unglaublich gute, mutige und bewegende Laudationes vor sich her memoriert (sie wird hier in der Nachfolge nochmals in voller Länge in der Fassung des Tagesspiegels zitiert) und von seinem Podest "Gyuri, Gott" anspricht:
George himself, den Agnostiker, der die Bibel liest und sie zitiert als beredtes Beispiel von Geschichten eines "immer besseren Scheiterns".

George war für mich nie ein Vorbild, gewiss aber ein Meister der kollektiven Überwindungen des Scheiterns und zeitweise ein Freund. Vor allem lernte ich damals durch ihn, dass es keine Schande sein und keine Schmach verursachen muss, wenn man in jungen Jahren noch nicht seinen Lebens-Plan erkannt hat.

Sein Respekt vor sich selbst und zugleich die darin begründete Bereitschaft, seine Arbeit in Frage stellen zu lassen, machte es den Menschen um ihn herum umso leichter, nach dem Kern ihres innersten Ichs zu fragen und diesen mit in (s)ein "Bukower Ensemble", so wie ich es erlebt hatte oder in (s)ein "Bremer Ensemble" mit einzubringen. Mitglied zu sein im Pinkville-Ensemble in der der Kirche von Bukow, das war besser als Kirche und für George war es mehr, als er selbst als Einzelner vermocht hätte.

Und jetzt sitzt er da, in der ersten Reihe, zusammen mit seinen Freundinnen und Freunden und selbst dem alten mir wohlbekannten Schumacher an der Seite. Viele von denen, die ich "damals" gut gekannt hatte, würden mich heute nicht mehr wiedererkennen, wenn ich sie nicht anspräche.
Und ich habe mich entschlossen, sie nicht anzusprechen.

Dabei ist es wirklich der auch von George so gern herbeigerufene Zufall gewesen, der mich wieder in diese "Gemeinde" hineingeführt hat.

- Am Freitag zuvor, den 21. Mai, traf ich die mir hochgeschätze Verlegerin auf der Mitgliederversammlung der VG Wort im Hotel Maritim in der Friedrichstrasse in Berlin (sie hatte Tabori schon seit Ende der 60er Jahre unter Vertrag hat und lange für ihn sorgen müssen, bevor er/sie mit seinen "Erfolgsstücken" in den 90er Jahren erstes Geld einzuspielen konnte). In einem anschliessenden kurzen Gespräch berichtet sie mir - so ganz "nebenbei" - von den bevorstehenden Feierlichkeiten für "ihren" Autor.

- Am Sonnabend, den 22. Mai nehme ich erneut Kontakt auf mit den Mitarbeiterinnen des Berliner Ensembles, die ich schon zu Beginn des Jahres angesprochen hatte, nach meiner ebenfalls zufälligen Begegnung mit Tabori und Tross in der Kantine des BE’s [1]

- Am Sonntag, den 23. Mai bin ich dann auf "Warteschleifenposition" für mein Ticket im Eingang des BE’s. Beim Warten kommt mir jene Tabori-Kritik in den Sinn, die von den wenigen Staats-Theater-Aufführungen eines Stückes spricht, die Flugzeugen gleich in ihren Warteschleifen vom Publikum entfremdet "in der Luft" hängen.
Neben mir steht ein Dreiergespann junger Frauen, die für das BE, für den Theater- und den Buchverlag die Ticket-Ausgabe zu betreuen haben. Echt kein einfaches Spiel. Aus meiner Sicht des Beobachters schon fast eine kleine Inszenierung des "Theaters der Wirklichkeit" für sich, in der jede(r) der Ankommenden für sich auf seine Weise in Anspruch nimmt, nun auf jeden Fall zu jenen dazugehören zu müssen, die auf jeden Fall mit einer Eintrittsgenehmigun zu bedenken sind. Dramaturgischer Höhe- oder Tiefpunkt ist der auf der Einladungskarte der Akademie der Künste aufgedruckte Text, der so manchem nahelegt, sich auch dann eingeladen zu fühlen, obwohl er sein Kommen nicht bestätigt hatte. Privater Kommentar von einer der "Dreien" zu den beiden anderen von solchen Verwicklungen leicht genervten Kolleginnen: "ich hoffe nicht, dass ich je einmal 90 Jahre alt werden müsse..."

Heute wird George seinen 90sten Geburtstag feiern. Und sie werden kommen. Alle werden sie kommen. Und ich, der ich schon dar war und doch "à la cantonade" bleiben wollte, hatte schon am Sonntag beschlossen, trotz aller "Zugehörigkeitsgefühle" mich keiner dieser "Gemeinden" mehr anzuschliessen.
In dem Wort "Zugehörigkeit" steckt auch "Hörigkeit". Und George hatte am Schluss der Veranstaltung mit seinen eigenen Worten darauf aufmerksam gemacht, dass Theater-Lesungen vor allem in Deutschland gut ankommen, während anderswo eher die Rezeption eines Dialoges frei vom Blatt vorgezogen würde.

George war für mich ein wahrlich guter Lehrer. Ich freue mich heute an ihm, aber sich sehne mich nicht nach einem Zeichen seiner Zuneigung. Wenn er, der Agnostiker, sich Gott als seinen Kollegen erwählt hat und wenn wir als "Bukower Ensemble" dem Programmheft von damals eine Jesusfigur mit Kreuz, Nägeln und einem roten "Blut"näpfchen beigelegt und das Ganze "do it yourself" betitelt haben, dann gibt es auch ein Ergebnis dieser kunst-tauglichen Katharsis: die Aufforderung, "Hörigkeit" in Hellhörigkeit zu verwandeln.
Und das gelingt, für mich zumindest, eben nicht dadurch, dass wir uns alle und allzu viel nach jener "Liebe" sehnen, die wir mit George immer noch (er)leben können - und die er doch nie gepredigt hat.

So war ich am Sonntag mit dieser Erkenntnis wieder ein Stück weit im BE zu Hause - und dann doch wieder allein. Es ist mein Los, meine Aufgabe und mehr und mehr auch meine Qualität geworden, immer wieder in neue Gemeinschaften geworfen zu werden und mich dort soweit zu qualifizieren, bis dass ich ersucht werde, ihr/ihnen mit Rat und Tat bei der Aufbauarbeit zur Seite zu stehen. Meistens gelingen diese Aufgaben und ich erledige meinen Job, bis dass die "Kuh vom Eis" ist. Dann aber habe ich meine Schuldigkeit getan, kann meine Schulden bezahlen - und gehen.

Der Preis für solche Berufungen ist hoch: "Man" ist nie wirklich zu Hause, auch wenn man Großes geleistet hat. So ermutigend es auch heisst "wofür leistet man etwas, dafür, dass man sich etwas leistet": Jeder Job ist das im Detail, was das Leben im Ganzen ist, ein Durchgangsstadium. Wie gut, wenn man dabei auf einen Gott verzichten und sich dafür ein kleines Stückchen weit selbst "vergöttern" lassen kann. Eine solche Zuwendung, für manche der Vorhof zur Ewigkeit, sichert im besten Falle auch die Existenz.

WS.

Lobrede auf George Tabori
Von Péter Esterházy

Kedves Gyuri,

Igyekszem majd most halkan beszélni, alig érthetöen az orrom alatt dünnyögni, hogy ne sokat hallj a laudációból (Übersetzung siehe Fußnoten am Ende des Textes, d. R.), jetzt versuche ich leise und kaum verständlich zu reden, zu brummeln, zu nuscheln, damit das Objekt dieser Laudatio, der ein bedeutender Brummler ist, wenn nicht sogar einer der größten Brummler, ja, der ernsthafteste, entschiedenster Brummler der Gegenwart, ein kosmischer Brummler, und nun könnte sich zu diesem Weltenbrummeln besonderen Formates mein bescheidenes Nuscheln gesellen, das eher ein Sprachfehler denn Weltanschauung ist, eher eine szenische Unvollkommenheit als die gewählte Form - damit also das Objekt dieser Laudatio möglichst wenig von dem hier Gesprochenen vernimmt, wird mir jetzt die Natur beistehen, die das ehrenvolle Verstreichen der Zeit in Form von fortschreitender Taubheit zeigt (ist es unhöflich, so etwas zu erwähnen?, nein, das ist geschmacklos, - apropos geschmacklos: Einmal sagte er mir, als er gerade Schokoladenmousse mit Austern aß: Mir geht es gut, ich fühle mich ausgezeichnet, ich sehe nicht mehr, höre nicht mehr, oh, wenn ich endlich noch einmal impotent wäre!), denn solange ich annehmen muss, dass er mich hören könnte, müsste ich mir überlegen, dass sich der Arme langweilt - angyalom, látom a szemeden, hogy nagyon is jól hallod, mindegy most már, mondjuk a végén azt, hogy nem hallottad, ez nem színdarab, hogy nem lehet hazudni! (2) - , und jemanden, dessen ganzes Leben, wie ich meine, ein Feldzug gegen die Langweile gewesen ist, ein Feldzug gegen die wichtige, bedeutende, moralische, humane, gut gemeinte Langeweile, einen solchen Menschen meinerseits zu langweilen, wäre unfair, er wäre dem Terror einer runden Zahl, also einer durch zwei und fünf dividierbaren Zahl, ausgeliefert, ohne die Möglichkeit zu haben, nach Belieben aufzustehen und zum Fenster hinauszufliegen. (Vielleicht gibt es in den Theaterhäusern deshalb keine Fenster ...)

* * *

1968 stand ein Mann, der grad so viele Jahre zählte wie ich jetzt, also jemand, den man nicht mehr für jung halten würde, höchstens bei der eventuellen Erwägung eventueller Hüftprothesen - kleine autobiographische Nebenbemerkung -, er stand also hier in diesem Theater auf dieser Bühne, vielleicht gerade an dieser Stelle, und musste etwas zu Ehren von Bertolt Brecht sagen (in seiner Formulierung: um BB seinen Tribut zu erweisen), und der damals nicht mehr wirklich junge Mann stand hier fünf Minuten wortlos, dann brach er in Tränen aus.

Das ist interessant. Ich habe mir überlegt, so etwas zu versuchen. (Kleine Pause) Fünf Minuten auf der Bühne sind sehr lang. Vom Fußballplatz her kenne ich die Gedenkminute. Die ist sehr lang. Ein weiser Schiedsrichter wird die volle Minute nie abwarten, beobachten Sie das einmal, nach zwanzig, dreißig Sekunden wird er sie abbrechen. Als meine Mutter gestorben war, gab es auch eine Gedenkminute, die dauerte, wie ich mich erinnere, so an die fünf Minuten. Da hätte ich auch weinen können ...

Soll ich jetzt Tabori übel nehmen, dass er lebt und daher die ideale Form einer Laudatio, meiner Laudatio verhindert? Na endlich, das ist jetzt mit Sicherheit geschmacklos, geschmacklos, dem Geist Taboris jedoch nicht fremd. Die hier feiernde Gesellschaft wird leicht erraten können, von wem der folgende Satz stammt: „Ja, nun, Bertolt Brecht hätte gesagt, manchmal muss man sich eben entscheiden, ein Mensch zu sein oder guten Geschmack zu haben.“

Wir müssen hier grundsätzlich mit viel Kompensation arbeiten, weil Tabori - ursprünglich Tábori, die Betonung liegt auf der ersten Silbe, die Ungarn betonen alles so, und im Übrigen ist es eine interessante Erfahrung, offensichtlich eine Bühnenerfahrung, dass eine Betonung, eine einzige Betonung einen Menschen zum Verschwinden bringen kann, sie macht ihn unsichtbar; Tábori, wer ist das?, nie gehört; übrigens bedeutet Tábori auf Ungarisch „Mann aus dem Lager“, nomen est schlechtes omen - also George löst bei jedem sofort und überall auf der Welt eine wilde Liebesgeständniswut aus, bei Männern, Frauen, Kindergartenkindern, Rentnern, Zivilisten, Sozialdemokraten, Theatermenschen, Hunden, sofort knien wir uns alle nieder, küssen ihm die Hand und machen Geständnisse. Diesem Welttrend zu widerstehen, ist nicht empfehlenswert. Der häufigste Satz auf der Welt ist nach gewissen Statistiken „George, I love you“, allerdings sind in dieser Statistik auch die Liebhaber von Mr. Washington enthalten.

Kafkas Zeitgenossen erzählen, dass bei Kafkas Lesungen die Zuhörer, Hasek und die anderen, sich vor Lachen bogen. Kafka habe vorweg gelacht. Mit einem solchen Lachen arbeitet Tabori, mit diesem so genannten Post-festum-Lachen. Tabori lacht auch über das Lachen, womit ich keinesfalls sagen will, dass er über alles lacht. Aber über beinahe alles. Die beiden Dinge zusammen, das „Alles“ und das „Beinahe“, machen seine besondere Größe aus.

In seinem Lachen meinen ungarische Ohren den speziellen Budapester Humor mitzuhören. Ein zu diesem Humor gehörendes Budapest hatte es in den fünfziger Jahren noch gegeben, dieses nächtliche, lässige, leichte Budapest, mit umwerfenden Jazzern und umwerfenden Gestalten, jene Nächte mit Zigarettenrauch und Cognacgeruch waren aber grimmig kalt, und in der mit Entsetzen erfüllten Stille draußen huschten schwarze Wagen mit zugezogenen Vorhängen vorbei, die Wagen der Ávó, der ungarischen Stasi.

* * *

Um eine Lieblingswendung meines Vaters zu gebrauchen: Tabori ist etwas zu viel. Wenn sich jemand in der Schule verspätet und dann sagt, die Straßenbahn sei entgleist, ist das in Ordnung. Aber dass die arme entgleiste Straßenbahn von einer Tigerhorde überfallen wurde, das ist etwas zu viel.

Ein ungarischer Jude mit englischem Pass, der amerikanisch schreibt, in Deutschland arbeitet und nicht sagen kann, in welcher Sprache er träumt, das ist zu viel. Offensichtlich hat er, wie auch Puschkin, eine farbige, schwarz-farbige Großmutter. Wir scheinen alles über ihn zu wissen, kennen seine Attribute, „er ist ein humaner, witziger, frecher, ehrlicher, rotziger, aggressiver Mensch“, Zitat Ende, wir kennen seine genialen, erstickenden Anekdoten, „nach Ihnen, Herr Mandelbaum“, kennen seine wirklich wichtigen und gut zitierbaren Sätze: „Was nach Auschwitz unmöglich geworden ist, ist weniger das Gedicht als vielmehr Sentimentalität oder auch Pietät.“

* * *

Einmal konnte ich hier, in diesem Haus, bei den Proben der Brecht- Akten sein. „Das geschriebene Wort, und wenn es noch so großartig ist, ist ein Stück Lehm, das auf den Atemhauch wartet“, schreibt Tabori. Ich, Wortmensch, habe mein ganzes Leben mit diesem Lehm zu tun, daher bin ich vom funktionierenden Atemhauch immer wie ein Kind überwältigt.

Bei den Proben war ein Stuhl zufällig umgefallen, das wirkte auf der Bühne so aggressiv, dass sich die ursprünglich stille Szene in ein Geschrei und in Schlägerei verwandelte, die Schauspieler fielen übereinander her und hatten innerhalb von Sekunden die Bühne auseinander geschlagen, da flogen Sachen durch die Gegend und zerbrachen, und mit offenem Mund betrachtete ich das Theaterwunder, wie die Welt durch Zufälle generiert wurde, Goethe und Chaostheorie, begeistert und hingerissen starrte ich die Schauspieler an, die begeistert und hingerissen Tabori anstarrten und auf die verdiente Anerkennung warteten. Ja, es war sehr schön, was ihr gemacht habt, brummelte der Regisseur und richtete seinen Blick weit in die Ferne, die Schauspieler begannen zu lächeln, ich begann ebenfalls zu lächeln, ich war bewegt, die Geburt eines wahrhaftigen Theaterwunders miterlebt zu haben, dann fuhr George folgendermaßen freundlich fort: Es war schön, und es wäre auch sehr schön gewesen, wenn ihr das alles nicht gemacht hättet. Vielleicht hat Herr Peymann in diesem Zusammenhang gesagt: Tabori ist eine absolute Sau bei seiner Arbeit. Der gibt in nichts nach, ein Tyrann erster Güte.

In der Probenpause war ein Schauspieler, ein junger Mann, zu mir gekommen, und kopfschüttelnd fragte er: Sagen Sie, sind alle Ungarn so, so rätselhaft? Ich errötete ein wenig und hätte gerne lügend zugestimmt.

* * *

Einmal habe ich in einem Buch gelesen, in meinem Buch, dass Hölderlin in einem seiner Briefe das Folgende geschrieben habe: „Ein ruhiger Ehemann ist eine schöne Sache.“ Nebenbei bemerkt, hatte Hölderlin den Brief seiner Mutter geschrieben. Das Objekt dieser Laudatio ist zwar fortwährend Ehemann, aber vielleicht doch kein Ehemann par excellence, jedenfalls ist er ein ruhiger Mensch, einer, der die Ruhe vorweist, Ruhe ausstrahlt. Frigyes Karinthy, der geniale ungarische Schriftsteller - den man hier schnell so charakterisieren könnte, dass er es ist, von dem Márai wirklich nichts gelernt hatte und der George längst schon als seinen Sohn adoptiert hätte - Karinthy hatte eine schöne Frage im Zusammenhang mit betont bescheidenen, in Wirklichkeit schein-bescheidenen Personen: Sagen Sie, worauf sind Sie so bescheiden? Wenn wir Tabori fragen, worauf er so ruhig ist, wird er nicht zu lügen beginnen. Das ist die Schönheit seiner Ruhe. Ein ruhiger Mensch ist eine schöne Sache.

Tabori sieht nicht Menschen, sondern Schauspieler. Nur betrachtet er Schauspieler dann unerwartet als Menschen. Jedenfalls gibt es immer Rollenverteilungen. Zum Beispiel meint George, dass Gott von Buster Keaton gespielt werden müsse. Dieses unbewegte, ausgelieferte, steife, entsetzte und zum Lachen reizende Gesicht sollten wir unbedingt vor Augen haben, wenn wir ihm jetzt sagen: drága Gyuri, Isten éltessen, George, Gott erhalte dich.

Übersetzt aus dem Ungarischen von der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse.

Anmerkung: Die Anrede bedeutet: Lieber George. Die ungarischen Passagen wurden bei der Laudatio ungarisch gesprochen. Die Bedeutung:

1. Ich versuche, jetzt leise zu reden, kaum verständlich, ich werde nuscheln, damit du nicht zu viel von der Laudatio verstehst.

2. Mein Lieber, ich sehe an deinen Augen, dass du sehr gut hörst, aber jetzt ist das egal, wir werden am Ende behaupten, dass du nichts gehört hast, das ist hier kein Theaterstück, so dass man auch lügen kann!

3. Teurer Gyuri, Gott erhalte Dich.