Mut zur Demokratie

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 28. Juni 2004 um 15 Uhr 58 Minuten

 

Wenige Tage nach den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Gründung des Privaten Rundfunks trifft sich in Berlin ein Schaar "Aufrechter", die an jenen Teil der rundfunkpolitischen Neuordnung erinnert, die bei den Feierlichkeiten zu Mainz nicht ein einziges Mal zur Sprache gekommen ist: die Einrichtung der "Offenen Kanäle".

Von Adenau bis Zweibrücken sind heute fast 70 Produktions- und Sende-Einrichtungen etabliert und finanziert, in denen jeder Bundesbürger in eigener Verantwortung und Freiheit sein Programm herstellen und regional versenden kann.

Die Festveranstaltung "20 Jahre Offene Kanäle - Mut zu Demokratie" wurde wurde aufgezeichnet und kann nochmals im Offenen Kanal Berlin, OKB am 01.08.04 und am 04.09.04, jeweils ab 22:00 Uhr nachverfolgt werden. Daher wird auch dieser Beitrag als Kopie nochmals an diesen Tag ins Netz gestellt.

Die Redner, in der Reihenfolge ihres Auftretens:

- Jürgen Linke
_Vorsitzender des Bundesverbandes Offene Kanäle e.V.

- Dr. Hans Hege
_Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg

- Prof. Wolfgang Thaenert
_Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten

- Thomas Krüger
_Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung

- Cornelia Schmalz-Jacobsen
_Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Ausländer a.A.

- Klaus Uwe Benneter
_Generalsekretär der SPD

- Karin Junker
_Mitglied des Europäischen Parlaments

- Prof. Dr. Bernhard Vogel
_Ministerpräsident a.D.

Schauen Sie selber nochmals hin. Aus meiner Sicht war der am wenigsten überzeugende Beitrag der des SPD-Generalsekretärs Klaus Uwe Benneter. Gerade er, dessen 68’er Vergangenheit nochmals genüsslich vom Moderator Werner Lauff in die Erinnerung zurückgerufen wurde, war es, der am wenigsten aus der Konfrontation dieser Positionen mit den christdemokratischen Gegenpositionen von damals Schlüsse für die Medienpolitik von heute und für morgen zur Diskussion stellte. Seine heute vorgetragene Haltung kam zumindest mir so was von "altväterlich" und "betulich" vor, dass auch der darauf begründete und verkündete Wille zur Verteidigung dieser Einrichtung wenig überzeugend ankam.

So habe ich es mir nicht nehmen lassen, ihn persönlich "im Nachgang" daraufhin anzusprechen. Er nahm meine Karte und sagte, er werde "das an die dafür Zuständigen" weiterleiten - genau das also, was man von einem General-Sekretär eben auch erwarten kann.

Nachfolgend seien ihm zumindest einige programmatischen Hinweise mit auf den Weg geben, die ich hier "standesgemäß" in ein 10. Punkte Programm umgemünzt habe.

1. Alle historischen Verweise auf die Leistungen der Vergangenheit - von den Arbeitervereinen über Benjamin bis hin zum Artikel 5 des Grundgesetzes - bleiben ahistorisches Treibgut in einer von den Festrednern ausgemalten Welt unverbindlicher Verbindlichkeiten. Das Bewahren einer Tradition entwickelt sich nur in der Tradition des Beerbens des Verwahrten. Und dieses ist nach wie vor ein oft recht beschwerlicher wie ungemütlicher Vorgang. Und wenn das Ganze dann noch gut gewollt, aber nicht gekonnt wurde, dann kann wird in dem Gutgewollten eben solche Tradition nicht aufgehoben, sondern aufgegeben.

2. Dabei gibt es durchaus gute Bemühungen, dieses "Gutgewollte" auch so gut rüberzubringen, dass es den medial vermittelnden Menschen durchaus gerecht wird ohne sie durch den Bick auf die Tradition in Abseits der Medienkritik zu stellen. Ein durchaus gelungenes Beispiel dafür ist der in diesem Jahr an der HFF in Potsdam fertiggestellten Film von Matthias Luthardt und seinem Team über die Arbeit der Offenen Kanäle. Er ist 60 Minuten lang, auf Mini-DV gedreht und kann als Sichtkopie dort abgerufen werden. Sein Titel: MENSCHEN BRAUCHEN HOBBIES.

3. Der berliner Innovationskongress der SPD vom 11. Mai 2004 hatte es vor allem im Vortrag des noch relativ neuen Fraunhofer-Chefs Hans-Jörg Bullinger deutlich auf den Punkt gebracht: "wir" sind gut in der technischen Entwicklung aber schlecht in der Mehrwertgewinnung, die sich jeweils dieser neuen Technologien bedient. Das gilt auch für den Mediensektor: denn die TV-Formate vom Videotext bis zum sogenannten "Transaktionsfernsehen" zeigen, dass auch inter-mediale Aktionen seit langem durchaus angenommen werden und mit "Kaufkraft" versehen sind.

4. Es kann keiner politische Kraft, auch nicht der SPD, zum Vorwurf gemacht werden, wenn das Volk nicht so will, wie es sich die Volkspartei vielleicht wünscht - allein, in der aktuellen Darstellung kann kaum noch nachvollzogen werden, w a s sie sich wünscht, allenfalls, was sie n i c h t will. Aber in diesem Jahr 2004 hat es aber die Partei meines Erachtens versäumt, aus der Schlappe von 1984 für sich selber ein zukunftsträchtigeres Profil abzuleiten, das sich heute "verkaufen" liesse.

5. Die Mühen der Ebenen: sie machen das Leben sicherlich nicht leichter. Aber wenn es ab und zu gelungen ist, diesen Mühen etwas Gutes abzugewinnen, warum wird es dann nicht auch über den Ort, an dem es gewürdigt wurde, hinaus weitergetragen? Oft genug werden bereits die Ergebnisse als "Erfolg" gefeiert und nicht der Prozess, der dadurch ausgelöst wurde (was sicherlich auch weitaus schwieriger darstellbar ist).

6. Eine Frage als Beispiel: wo waren/sind die Medien-Vorhaben aus dem STEP 21 Projekt ["Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule im brandenburgischen Freienwalde produzierten eine Radiosendung gegen die drohende Schul-Schließung"] auch in den Medien zu hören? [Im "Offenen Kanal" in Brandenburg sicherlich nicht].

7. Keiner von uns sieht regelmässig in den "Offenen Kanal". Und die, die ihn am meisten sehen, sie sprechen oft nicht Deutsch als Muttersprache, oder sind im Rentenalter, oder, oder, oder, ... und dann findet man plötzlich heraus, das mit diesen zur Zeit 69 Einrichtungen bundesweit medienpolitisch einiges von dem wieder "gut gemacht" wurde, was die SPD zu Beginn der 80er Jahre als nicht akzeptabel verdammt hatte.

8. Medienvielfalt schützt nicht vor vervielfachter Einfältigkeit in den Medien. Auch und schon gar nicht in den offenen Kanälen. Der Offene Kanal hat in einer multimedialen Dimension vorweggenommen, was die Web-Logs im Internet heute allüberall fortschreiben: ein individuelles Bürger-Medium zu sein für Alle.

9. Die erste Sendung, die 1984 in Lugwigshafen über die Kreuzschine [so nennt man die Verteilanlage der Ton- und Videosignale] lief, war die aus dem Offenen Kanal. Laut Hans-Uwe Daumann hieß sie "ELOK" und das sollte für "Erste und Letzte OK-sendung" stehen. Protest als Produktivkraft. Sowohl wir vom "Bürgerservice" aber auch der Kollege Jürgen Doetz und Konsorten kamen est danach auf Sendung.

10. Sowohl der ARD als auch dem ZDF hatten ein Angebot erhalten, gemeinsam mit den Privaten ein audiovisuelles "Familienalbum" zu gestalten. Arbeitstitel: 20 KÖPFE - 20 JAHRE". Jede(r) der Angesprochenen hätte nichts anderes tun sollen, als eine Gegebenheit zu erzählen und / oder einen Gegenstand zu besprechen, der sich ihm (ihr) in diesen 20 Jahren des privaten Rundfunks besonders eingeprägt hat.
Aber: keine der Programmdirektionen bei den Öffentlich-Rechtlichen hat darauf positiv reagiert.
Ich hätte also damit zum offenen Kanal gehen sollen - oder?

WS.


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