Himmels-Blitze: en gros & en detail

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 18. Juli 2004 um 12 Uhr 28 Minuten

 

Eigentlich war das kurz nach Mitternacht über dem Filmpark von Babelsberg vom künstlichen Vulkan aus abgebrannte "Höhenfeuerwerk" als krönender Abschluss der "Nacht der Nächte" schon eine Veranstaltung der besonderen Sorte.
Es ist wieder einmal beeindruckend zu erleben, in wie vielen Facetten sich heute die Feuerlichter am Himmel entfalten können. Und das dabei versursachte Böllergedonner ist auch nicht zu verachten.

Wenn nur die Organisation am Boden nicht so schleppend verlaufen würde - die Schlangen an der Kasse wie an der Ausfahrt signalisieren immer noch eine durchaus anrührende Eins-zu-Eins-Kommunikation - und solange nicht nach Aussen deutlich wird, wie wenig all die Beteiligten noch an die Zukunft dessen glaubten, was sie soeben dem staunenden, lachenden Publikum für 17 Euro per Person vorgeführt haben: es ist wirklich beeidruckend zu erleben, wie dieser Erlebnispark funktioniert - und warum.

Das Wichtigste an dieser Veranstaltung ist - nach meinem Empfinden beim Besuch am Sonnabend - das Hier-sind-wir-zuhause-Gefühl. Es ist der gegen Eintrittsgeld wohlorganisierte Eindruck, dass hier der eigene Lebensraum und die "grosse weite Welt" jenseits davon irgendwie noch miteinander in Übereinstimmung zu bringen sind und dass man dies Bestätigung mit eigenen Augen und Ohren und all den anderen Sinnen erfahren kann.
Es hat gerade zu den Eindruck, dass das eigenliche Film-Thema dafür "nur" eine gute Kulisse ist. Man besucht diesen Ort um mit- und nacherleben zu können, dass das Leben eben kein Film ist. Und dass man, so sehr man all diese Erlebniswelten auch für einen Abend in sich einverleibt, mit und nach diesem Studiotrip auch wieder eine Selbstbestätigung dafür findet, in sein eigenes Studio, die eigene Wohnung, in sein eigenes Zuhause zurückzukehren.
Das ist keinesfalls geringschätzig gemeint und soll auch nicht dem Abbruch tun, was da über die Jahre aufgebaut und von dem Publikum schliesslich auch angenommen wurde. Wurde hier doch einer jener Orte geschaffen, an dem sich Vergangenheit und die Gegenwart ohne mentale "Medienbrüche" miteinander begegnen zu scheinen, wo der der Gast in der Lage ist, Erlebtes auf der Folie des im Film Erlebten als sein authentisches Erleben wiedererleben zu können - und zwar vor der Wende-Zeit genauso wie im Verlauf dieser.
Der Filmparkt wird erfahren als einer dejenigen Orte, an denen die eigene Lebensgeschichte wieder angeeignet werden kann, gespiegelt an den herausgehobenen Ereignissen eines gemeinsamen Film-Erlebens.

Wenn dann, wie an diesem Sonnabend, das erste Mal in diesem Jahr überhaupt auch tatsächlich der Sommer eingekehrt ist und allen Anwesenden wie Akteuren eine laue lange Sommernacht beschert - und dann noch ein allen gemeinsam aufleuchtendes Höhenfeuerwerk - dann ist das Herz wieder einen Moment lang für diese Welt entflammt.


PS. Die unendlichen Warteschlangen bei der Ausfahrt vom Parkplatz haben mich dazu veranlasst, noch eine Weile im Garten der Burgschänke innerhalb des Geländes zu verbleiben und jenen zuzuhören, die zum Feierabend aus ihrer aktiven Rolle als Teil der Inszenierung aussteigen, nun selbst ein Stück weit "abhängen" und das zuvor vom Publikum überlaufene Gelände wieder zu dem ihren werden lassen. Um das Mitzuerleben bedurfte es nur des Stillesitzens und des Zuhörens, keines Lauschangriffs und keiner Indiskretion. Das was jetzt zu erleben und zu erfahren war wird sicherlich nicht Gegenstand dieses Notats sein und war doch von grosser Wichtigkeit für die hier vorgetragene "innere Verortung" des Themas.

PPS. Als ich dann schliesslich den Parkplatz verlassen konnte - vorbeirangierend an einem Wagen vor mir, der für Minuten einmal mehr die Schranke blokierte, da weder Fahrer noch Mitfahrer eine Parkmarke bereit hatten und diese auch beim bereitstehenden jungen freundlichen Wachmann nicht mehr nachträglich erwerben konnten - und der Wagen mich mit geöffnetem Verdeck wieder in Richtung Berlin zurückfuhr, war bereits allerorten am Horizont heftiges Wetterleuchten zu entdecken: welche ein Supplement-Programm zu dem vorangegangenen Feuerwerk!
Angesichts dieser Naturgewalten en gros, die sich in der späteren Nacht mit Feuer und schwerem Regen über dem eigenen Zuhause entfalten sollten, wirkte das grossartige Höhenfeuerwerk trotz seiner gelungenen Inszenierung nur noch wie ein schönes Stückchen Feuerkultur en detail.
Und so steht plötzlich wieder das eigene Leben im Vordergrund. Und das Erleben der Grossen und Kleinen Leute im Film kehrt zurück in jenes Licht- und Schattenkabinett, das gegen Gebühr einen Abend lang zum Spiegel seines eigenen Stückes Lebensgeschichte geworden ist.

WS.





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