Bremen - Bundespräsident - Benefizkonzert

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 18. Juni 2020 um 20 Uhr 07 Minutenzum Post-Scriptum

 

20.00 Uhr

Bremen, Konzerthaus Glocke

Benefizkonzert des Bundespräsidenten zu Gunsten der „Haifa Arts Foundation“ und des Vereins „Erinnern für die Zukunft e. V.“

05:00 Uhr

Dass dieser Text zu diesem frühen Zeitpunkt und an einem solch zugigen Ort entstehen würde, war so nicht vorgesehen.

Auf einer metallenen Bank am Gleis 1 des Bremer Hauptbahnhofs sitzend, wird die Wartezeit mit Schreiben vertrieben.

Rechtzeitig um 5 Uhr morgens eingetroffen, sollte der erste und direkte ICE 841 von Bremen nach Berlin um 5:12 den Bahnhof verlassen.

Stattdessen wird eine Verspätung beim Eintreffen des Zuges angekündigt. Erst sind es 20 Minuten, jetzt sind es schon 45 Minuten:

Es ist nicht nur früh, es ist auch kalt. Gegenüber der Sitzbank ist eine Doppelglastür, die ins Bahnhofsgebäude führt. Darüber gibt es ein blaues Schild mit der weissen Aufschrift: Warteraum / Lounge. Und auf einer der beiden Flügeltüren ist zu lesen „Eingang“, mit einem Pfeil daneben.

Aber an dem Griff, auf den der Pfeil zeigt, kann man zwar Rütteln, aber damit die Tür nicht bewegen. Vorne am Gleis stehen mehrere Bahnbedienstete, aber keiner von diesen kommt auf die Idee, diese Tür für die frierenden Gäste zu öffnen.

Darauf angesprochen, meinte eine adrett gekleidete junge Dame mit rotem Käppi: „tut mir leid, aber der Warteraum wird erst um halb Sieben geöffnet.“

II.

Umso erstaunlicher, dass unten in der Bahnhofshalle bereits mehrere Geschäfte geöffnet hatten. LeCroBag und das back WERK. Die Entscheidung fürs Letztere war die falsche. Der dort erworbene Kaffee – mittlere Grösse für 1Euro50 - mit dem versucht wird, die Wartezeit auf der zugigen Bank zu überbrücken, hat als einzigen Vorteil, dass er zumindest – beim Einfüllen aus dem Automaten in den Pappbecher – noch warm war. Jetzt ist das Ganze nur noch eine lauwarme Plörre. Auf dem Becher ist kurz vor dessen „Entsorgung“ (was für ein schreckliches neudeutsches Wort) zu lesen: „DEIN Gute Laue BECHER.“

Es gibt in der Folge dieser Darstellung eigentlich anderes zu berichten. Und wir wollen uns hier mit diesem Bahn-Transport-Thema nicht länger als unbedingt notwendig aufhalten. Aber während an den Nachbargleisen per Lautsprecher schon der Ausfall weiterer Züge wegen einer Stellwerksstörung angesagt wird, bleibt hier für’s Protokoll nur noch festzuhalten, dass auch die beiden am Tag zuvor von Berlin in Richtung Hamburg und Bremen genutzten Züge nicht pünktlich waren – die Anschlüsse aber letztendlich dann doch noch aufgrund der sich überlappenden Verzögerungen erreicht werden konnten.

Inzwischen ist eine Stunde Wartezeit vergangen. Ein Reihe von Regionalzügen sind inzwischen ein- und wieder ausgefahren. Der Berufspendelverkehr ist in vollem Gange. Während schon jetzt feststeht, dass der erste für Berlin geplante Termin nur noch per Videostream wird wahrgenommen werden können trifft ein IC in Richtung Leipzig ein.

Die Empfehlung, diesen zu nehmen und nicht länger auf den ICE zu warten, erhalten nur jene, die die ganze Stunde frierend am Bahnsteig ausgehalten haben. Dort ist es möglich, mit dem nun zusteigenden Zugpersonal zu vereinbaren, dass die für die Fahrkarte geltende Zugbindung nunmehr aufgehoben ist.
Zusteigen ist also erlaubt. Im zweigeschossigen Zug ist noch Platz im Kinderbereich. Hier ist es hell und warm. In der „Reiterstadt Verden“ wird es dann richtig voll. Fast alle Mitfahrenden sind mit Smartphones und/oder Tablets ausgestattet – und lesen sich gegenseitig die neuesten Störungsmeldungen vor, die die Bahn-App so zu bieten hat…

III.

Was die klammen Finger aber dennoch aufzuzeichnen zustande bringen, war der Friererei dennoch wert. Denn dieser vorabendliche Besuch im Rathaus und im Konzerthaus „Die Glocke“ ist es wahrlich wert darüber berichtet zu werden.
Es gab an diesem Abend ein volles Haus, ein zahlendes Publikum, das sich mit seinem Beitrag der Förderung von gleich zwei Projekten annahm, die mit der Geschichte und Gegenwart unseres Volkes verbunden sind, und ein wahrlich aufgewecktes Orchester, das sich mit hohem Engagement, grosser Präzision und noch mehr Spielfreude seiner Aufgabe angenommen hatte.

Das Ganze ist live auf Bremen 2 im Radio gesendet worden – und wir werden später prüfen, ob diese Aufzeichnung auch noch im nach herein zur Verfügung steht. Das Reinhören / Nachhören lohnt sich. Das Publikum im Saal verlangte im Verlauf des Abends mit lautem Applaus, heftigem Getrampel und – schliesslich stehend – mit rhythmischen Klatschen nach Zugaben – vom Solisten wie vom Orchester. Und wurde damit von beiden reichlich belohnt.

IV.

Die Zusammensetzung des Publikums war wie folgt: Jene, die sich eine Karte gekauft hatten, jene, die sich zusammen mit der Karte auch den Zugang zu einer geschlossenen Gesellschaft erkauft hatten, die sich schon vor Konzertbeginn im Nachbarsaal einfinden durfte und wir Presseleute, denen der Zugang zu diesen Mitgliedern dieser Gesellschaft nachdrücklich verwehrt wurde.

Gut, es wäre wahrscheinlich ein Leichtes gewesen, sich in Gegenwart und im Schlepptau einiger dieser persönlich bekannten Gäste mit einschleusen zu lassen. Aber das Ziel, mit für diesen Abend interessanten Persönlichkeiten Interviews zu führen, hätte auf diesem Wege aber auch nicht erreicht werden können.

V.

Dass es dann doch zu diesen beiden nachfolgend hier vorgestellten Interviews gekommen ist, ist im zweiten Fall einem immer wieder nachhaltigen Fragen, Drängen und Warten zu verdanken, und im ersten Fall dem Zufall – und der Entscheidung, nach dem Verlassen der Veranstaltung kurz vor Mitternacht nicht die Taxe, sondern noch einen Bus der Linie 24 zu nehmen. Hier also zu hören sind:

 Annette Rüggeberg, "Botschafterin Zukunftslabor"

 Dr. Marcus Meyer, Vorstand "Erinnern an die Zukunft e.V.":

VI.

Jetzt gibt es doch nochmals einen Zwischenbericht aus dem Zug, der inzwischen Nienburg verlassen hat - und sogleich wieder zum Halt kommt. Und wieder losfährt, und erneut zum Halten kommt... schliesslich berichtet ein Zugbegleiter über die Lautsprecheranlage, dass der Zugführer vor jedem auf der Strecke liegenden Bahnübergang zu halten und diesen persönlich abzusichern habe, bevor er diesen dann mit dem Zug überfahren und dann weiterfahren könne.

VII.

Dieser Abend stand im Schatten des Todes von Christian Weber. dem langjährige Präsidenten der Bremer Bürgerschaft, zu dessen Andenken wir uns alle für eine Schweigeminute von den Sitzen erhoben hatten.

Hier der Nachruf aus "butenunbinnen": Bürgerschaftspräsident Christian Weber: Leben und Karriere. Darin u.a. zu sehen bei einem Bombenalarm bei seinem Besuch in Haifa im Jahr 2006.

Gibt man auf der Webseite das Stichwort "Haifa" ein, dann findet sich dort als letzter Beitrag der Bericht: Junge Bremer in Israel, der erstmals am 14. Mai 2018 online ging - und daher über den hier zitierten Link noch bis zum 14. Mai 2019 einsehbar ist.

VIII.

Stattdessen finden sich unter dem Stichwort "Haifa" gleich drei Einträge zum 18. Februar 2019, aber zwei davon sind identisch und der dritte verweist auf das Konzert. Ein Gespräch mit der Bürgermeisterin von Haifa findet sich dort auch nicht. Stattdessen allein diese Unterhaltung mit dem Bundespräsidenten [1]:Steinmeier zu Gast im Bremen zum Benefizkonzert in der Glocke

P.S.

Anfang März traf ein Schreiben vom 28.02.2019 aus dem "Servicecenter Fahrgastrechte" ein. Darin wird mitgeteilt, dass es einen Anspruch auf Erstattung von 25% der Fahrtkosten gäbe, da eine Verspätung von über 60 Minuten anerkannt werde.

Zu Beginn des Schreibens heisst es:

Sehr geehrter Herr Dr. Wolf
vielen Dank für Ihre Mitteilung.
Für die Beeinträchtigung auf der Fahrt von Bremen Hbf nach Berlin Hbf entschuldigen wir uns im Auftrag der DB Fernverkehr AG. Zugausfälle sowie Verspätungen können aufgrund der Komplexität des Eisenbahnbetriebes leider nicht immer vermieden werden.
Wir bedauern die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten.

Anmerkungen

[1Dem ist nichts weiter hinzuzufügen. Ausser, dass einmal mehr die Platzhirschen sich im klaren Bewusstsein ihrer Privilegien den ihnen zugewiesenen Time-Slots erfreuen konnten. Uns wurde beim Pool im Rathaus für Interviews am Pressepunkt der Termin 19:15 Uhr in der Glocke genannt. Dort pünktlich eingetroffen, war aber keine(r) der möglichen Interview-PartnerInnen mehr zu sehen. Das hier gezeigte Interview mit dem Bundespräsidenten war bereits zuvor gelaufen und auch der Wunsch, die neue Bürgermeisterin von Haifa Frau Dr. Einat Kalisch Rotem sprechen zu können, erfüllte sich nicht (später stand sie mit anderen Menschen zusammen, die Ivrit miteinander sprachen, aber es wäre unhöflich gewesen, in diesem Moment zu unterbrechen).
Was blieb, war eine persönliche Geste: Am Ende des Empfangs inmitten der Sicherheitsleute zum Abschied noch diese Erinnerung an den Besuch der Glocke und des Bremer Doms zu überreichen:


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