Wolf spricht mit Siegert

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 17. September 2004 um 00 Uhr 11 Minuten

 

"Mit Bernhard Siegert sprach Burkhardt Wolf."

Foto aus: "uni-weimar.de"
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Mit dieser Schlusszeile endet ein Interview mit dem [in Bremen geborenen - sic!] Germanisten, Philosoph und Historiker Dr.phil.habil. Bernhard Siegert, Inhaber der Gerd Bucerius-Stiftungsprofessur für «Geschichte und Theorie der Kulturtechniken» an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar in der von uns abonierten "Netzeitung", im Zusammenhang mit dem Brand in der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek, erschienen unter dem Titel:

Ein Medium der Epochen

Netzeitung: Wie groß ist der Verlust, der durch den Brand in der Anna-Amalia Bibliothek entstanden ist, für die praktische Arbeit der Weimarer Wissenschaftler?

Siegert: Film- und Fernsehwissenschaftler trifft es natürlich nicht so hart. Für unsere Forschung aber, die ja die Geschichte der Kulturtechniken betrifft, ist die Anna-Amalia neben der Universitätsbibliothek immer die zentrale Anlaufstation gewesen. Die Geschichte der Kulturtechniken umfasst ja die Geschichte des Lesens und Schreibens und die der Ordnungs- und Repräsentationssysteme von Wissen, Kunst und Natur. Dazu war die Bibliothek mit ihrer sehr speziellen Sammlung ein wichtiges Forschungsinstrument.

Netzeitung: Neben dem materiellen ist ja auch ein archivarischer Verlust zu beklagen. Also einer, der das Bibliothekswesen, die ja auch eine Kulturtechnik ist, selbst betrifft.

Siegert:Die Anna-Amalia war ja nicht nur so wichtig wegen ihrer Sammlung der klassischen und romantischen deutschen Literatur. Wichtig war sie auch, weil sie zur Hochzeit der Weimarer Klassik von den hiesigen Größen mitverwaltet wurde, beispielsweise von Goethe. Der hatte von 1797 an die Oberaufsicht über die Bibliothek und gehörte zur selben Zeit zu einem ihrer wichtigsten Nutzer. So sind zum Beispiel die Ausleihverzeichnisse, die es hier gibt, eine ganz großartige Forschungsquelle. Nicht nur, weil sie Aufschluss über das Leseverhalten von Goethe oder Herder geben, sondern auch, weil sie rekonstruieren lassen, wie die allgemeine Lesekultur zu dieser Zeit funktionierte. Wer wann was gelesen hat, lässt sich anhand dieser Verzeichnisse gut nachvollziehen.

Ähnliches gilt für die Benutzungsspuren, die die Bücher zum Teil enthalten. Etwa handschriftliche Anstriche, die zeigen, was an Wissen und Kunst gelesen, tradiert und weitergeschrieben wurde und auf welche Gebiete sich die größte Aufmerksamkeit richtete. Goethe war übrigens auch verantwortlich für die Einführung des Leihscheins und einer Ausleihordnung. Dabei war er selbst derjenige, der sich am wenigsten an diese Regeln gehalten hat. Nur wagte es niemand, ihn zur Ordnung zu rufen.

Was ich an der Anna-Amalia so interessant finde, ist, dass man an ihr in ganz typischer Weise den Werdegang einer öffentlichen Fürstenbibliothek ablesen kann. Denn solche Bibliotheken waren ja zunächst nicht öffentlich oder doch nur für einen sehr beschränkten Personenkreis da, etwa die Besucher des Herzogs. Äußerlich wird das daran deutlich, dass die Fürstenbibliothek eigentlich strukturell noch zum Kunstschatz gehört. Sie ist also nicht einfach nur eine Sammlung von Wissen, sondern muss auch äußerlich sichtbar sein. Sie gehört zu den verschiedenen Repräsentationsweisen des Fürsten. Das betrifft die Architektur des Gebäudes und auch die Aufstellung der Bücher, die selbst als ästhetisches Phänomen zu bewundern sein sollen.

Im Rokkokosaal war diese Idee ganz wunderbar realisiert. Bücher sind hier gleichzeitig sowohl Datenspeicher, als auch Bestandteil eines Schauraumes. Deshalb stehen sie immer neben Gemälden oder Büsten. Und deshalb gehören zu einer solchen Bibliothek ganz selbstverständlich auch Sammlungen von Karten, Kupferstichen und Medaillen. Architektur, Kunst und Wissen gehen eine Schaubeziehung ein und erzeugen eine ästhetische Beziehung zu demjenigen, der sich in das Gebäude hineinbewegt.

Netzeitung: Von Goethe angeregt, wurde ja später eine Verbindung geschaffen zwischen dem alten Schlösschen und dem nebenstehenden Stadtturm.

Siegert: Ja, und das ist deshalb interessant, weil hier - historisch früh - eine grundsätzliche Neuerung eingeführt wurde. Das Schlösschen aus dem 16. Jahrhundert funktionierte ja noch als Schauraum im beschriebenen Sinn. Die Angliederung des Turmes aber ergänzte diese Situation durch ein reines Magazin. Dort nämlich lagerten seit 1821 Bücher, die dem Bibliothekar zugänglich, dem Blick des Besuchers aber entzogen waren. Die Verbindung von Sichtbar- und Unsichtbarkeit, zwischen denen ein historischer Epochenwechsel verläuft, ist in der Anna-Amalia zu Beginn des 19. Jahrhunderts also geradezu modellhaft realisiert worden. Die Bibliothek ist also auch als Gebäude von großer historischer Bedeutung.

Netzeitung: Im zwanzigsten Jahrhundert ist die Bibliothek dann stark vernachlässigt worden.

Siegert: Nachdem die Bibliothek in der Goethezeit durch Zukäufe stark gewachsen war, zählte sie im 19. Jahrhundert zu den zwölf wichtigsten Bibliotheken Deutschlands. Vor allem in der Weimarer Republik wurde sie dann aber in der Tat stark vernachlässigt. In den zwanziger Jahren gab es so gut wie keine Mittel mehr für Zukäufe. Den Zweiten Weltkrieg hat die Bibliothek aber nahezu unversehrt beschädigt überstanden, und zwar Gebäude und Bücher gleichermaßen. Der Berliner Staatsbibliothek etwa hatte ja die Auslagerung der Bücher noch mehr geschadet als die Bomben, die das Gebäude getroffen hatten. Denn die Bücher, die irrsinnigerweise in Eisenbahnwaggons in den Osten transportiert worden waren, kamen zum Großteil nicht wieder zurück. Ein solches Schicksaal blieb der Anna-Amalia erspart. Weil sie aber seit den zwanziger Jahren nicht mehr systematisch aufgebaut worden war, wurde sie nun eine Spezialbibliothek für schöne Literatur mit dem Schwerpunkt auf deutscher Klassik und Romantik.

Netzeitung: Es kam nun im Anschluss an den Brand wieder der Vorschlag auf, sämtliche Bibliotheksbestände zu digitalisieren. Welche Risiken und Chancen hätte das?

Siegert: Benutzung nutzt bekanntlich ab. Daher liegen die Vorteile einer Digitalisierung vor allem aus Sicht des Konservators auf der Hand: Die Originale müssen nicht mehr herausgegeben und können daher viel besser geschützt werden. Aber jeder, der einmal mit digitalisierten Quellen gearbeitet hat, weiß, dass so auch etwas Wesentliches verloren geht. Auch wenn sie als Grafiken dargestellt werden, fehlt ihnen die Unmittelbarkeit, die diesen Dingen auch als Spur zukommt.

Netzeitung: Gibt es nicht auch eine digitale Spurensicherung, die etwa die Gebrauchsspuren in einem Buch sichtbar macht?

Siegert: Sicherlich. Aber allein, dass solche Spuren durch digitale Verfahren auch wieder bearbeitet werden können, nimmt ihnen ihren eigentlichen Charakter. Das Indexikalische, oder wenn man so will, das Auratische einer Spur geht im Zustand ihrer Digitalisierung endgültig verloren. Wenn man Tintenflecke auch genauso gut wegrechnen kann, dann ist die Spur eigentlich nicht mehr als eine Bildstörung.

Netzeitung: Welche Bedeutung wird der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek für das kulturelle und geistesgeschichtliche Erbe haben?

Siegert: Für die Kulturstadt Weimar war die Bibliothek eine herausragende Stätte, und sie ist auch ein Ort, an dem sich Geschichte organisiert hat. Immerhin sind wir es gewohnt, die Zeit so einzuteilen, wie sie durch Weimar hindurchgegangen ist - wenn wir zum Beispiel von der Goethezeit sprechen. Die Epocheneinteilung der kulturgeschichtlichen Zeit lässt sich gerade in Weimar gut nachvollziehen, insbesondere an der Bibliothek. Die repräsentiert nämlich nicht nur diese einzelnen Epochen, sondern ist gewissermaßen die Möglichkeit dafür war, dass von Weimar ausgehend ein gewisses geschichtskulturelles Bewusstsein entstanden ist. Die Bibliothek ist also ein Medium kulturgeschichtlicher Vergangenheitswahrnehmung.

Netzeitung: Wie steht es um die Aura des Ortes nach dem Brand? Ist seine ganze Bedeutung vielleicht erst jetzt wieder in die öffentliche Wahrnehmung gerückt?

Siegert: Vielen ist die Bedeutung der Bibliothek bestimmt erst durch den Brand neu zu Bewusstsein gekommen. Und sicherlich ist dieser Ort durch seinen zumindest teilweisen Verlust auch auratisch aufgeladen worden. Aber das gehört wohl zum dialektischen Wesen der Aura dazu. Erst, wenn das, was in der Nähe befindlich ist, sich als Erscheinung einer einmaligen Ferne zeigt, dann wird es auratisch. In diesem Fall ist es leider mit dem Ereignis eines Verlustes verbunden.

Nachtrag: in der ARD-Sendung "Für immer verloren?" vom 16.September 2004 spricht der Leiter der Bibliothek, Michael Knoche, von dem Satz, dass das Wort "Bibliothek" ein anderes Wort für "Heimat" sei.
Jetzt ist die Bibliothek abgebrannt. Fast. Und soll bis 2007 wieder aufgebaut werden. Ganz.


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