Transformation_Tod_& Wiederauferstehung des_Analogen

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 18. März 2021 um 10 Uhr 49 Minutenzum Post-Scriptum

 

Transformation.
Der Tod und die Wiederauferstehung des Analogen.

I.

Ja: es hat Jahre gedauert, bis dieser Titel plötzlich da war. Urplötzlich, nach einer Doppelstunde mit körperlicher Ertüchtigung in einem Physiotherapie-Studio, beim Anziehen. Am Ende eines solchen Trainings steht der erschöpfte Körper im Mittelpunkt. Allein dadurch, dass er erschöpft ist. Und er dennoch keine Last ist, denn diese Art des ’ausgepowert’-Seins wurde bewusst unter Anleitung und Beobachtung herbeigeführt.

Wie gut ist es da, sich danach nach einem gepflegten Abendessen und viel - alkoholfreier - Flüssigkeit wieder an seinen Arbeitsplatz setzen zu können, den immer noch erschöpften Beinen die ihnen zustehende Ruhe zu ermöglichen. aber dem Kopf die Möglichkeit zu geben, durch die tippenden Finger diesen Text in diesem elektronischen Umfeld einfliessen zu lassen...

... und bei all den Erschwernissen und Ärgernissen, mit der uns die elektrische Datenverarbeitung mitsamt all ihren Aus-Wirkungen immer wieder im Wege steht: wenn alles klappt und die Form des Schreibens nicht von der Funktion des Rechners bestimmt wird, dann ist es eine wahrlich grosse Freude, auf diese Weise nicht nur vor sich hin fabulieren zu können, sondern an Nachrichten zu arbeiten, die alsbald nach ihrer Entstehung, weltweit eingesehen werden könn(t)en.

II.

"Transformation. Der Tod und die Wiederauferstehung des Analogen."

Auch dieser Titel hatte noch viele Schwestern und Brüder, kürzere als auch längere Varianten, die nunmehr alle in den Hintergrund getreten sind. Und er hatte viele weiterführende Unter-Titel wie:

"Über Lebens Geschichten aus der digitalen Welt. "

Aber es ist eine sich schon vielfach wiederholende Erfahrung, dass es - nach einer sooooooo(...) langen Zeit der Beschäftigung mit einem so komplexen wie herausfordernden Stoff - irgendwann einen klitzekleinen, einen besonderen Moment gibt, in dem all das zuvor Gedachte, Gesagte, Erspürte in den Hintergrund tritt - und stattdessen die Essenz all dessen in Form eines sich neu entfaltenden Titels in Erscheinung tritt.

III.

Der Verlag hat das letzte Wort: Ja, das stimmt; zumindest was die Entscheidung über den Titel eines neuen Buches betrifft. Auch wenn dann in Verträgen in der einen oder anderen Formulierung darauf abgehoben wird, dass diese Entscheidung, wenn irgend möglich, in Abstimmung, bestenfalls mit der expliziten Zustimmung der Autorin / des Autoren getroffen werden sollte.

Aber das geht in Ordnung. Wichtig ist in diesem Moment zunächst einmal, nach so vielen Jahren mit der Beschäftigung (s)eines Themas in so wenigen Worten einen Kulminationspunkt erreicht zu haben, von dem sich all das bisher Erlittene, Erkämpfte, immer wieder von neuem Geprüfte, in eine vermittelbare Aussage verwandelt. Komprimiert in Sätze und Setzungen, dies so in dieser Zusammensetzung bislang noch nicht zu hören / zu lesen gegeben hat.

IV.

Dabei ist der Ausgangspunkt wenig originell, aber dafür umso schneller im Spiegel der eigenen Lebens-Geschichte nachvollziehbar: Die noch voll und ganz im Anlogen eingebettete Jugend. Die Stimulation der Schaffenskraft durch das Arrangement von handschriftlich selbst erstellten Karteikarten, durch das Schaffen der Metteure an den Setzmaschinen und durch die Arbeit neben den Entwicklungs- und Fixierbädern in der Dunkelkammer.

Dann aber verschmolzen gesellschaftlicher und technischer Aufbruch immer mehr: Mit den Schreibmaschinen neuen Typs wurden nicht mehr Texte eingelesen, sondern Lochkarten ausgestanzt. Und die Bewegtbilder aus den ersten elektronischen schwarz-weiß-Kameras (die man auf keinen Fall in das Sonnenlicht halten durfte um sogenannte "Einbrenner" zu vermeiden) konnten auf Zwei-Zoll, Ein-Zoll und schliesslich mobilen Portapack-Halbzoll-Bändern aufgezeichnet werden.

Und dann, und dann, und dann... Geschichten wie diese sind schon vielmals erzählt, bebildert und vertont worden. Und doch werden auch in diesem Buch eine "gewisse Rolle" spielen. Und das jenseits von Nostalgie- und Legacy-Anwandlungen. Sondern als Ankerpunkt für eine Entwicklung, in der zunehmend das Gegenständliche durch das Virtuelle ersetzt wird. Wer hat damals schon ahnen oder vorhersagen können, dass die Ablösung des Wahlscheiben-Telefons durch das Tasten-Telefon erst die Zukunft einer rein virtuellen Tastaturbedienung auf einer Glasscheibe den Weg geebnet haben würde?

V.

Damit kommen wir an den Kern des hier in diese Überschrift apodiktisch zusammengefassten Themas: Die Auflösung der gegenständlichen Welt in der virtuellen. Genauer gesagt, die Transformation des Gegenständlichen in die Welt der Binärwaren. Ein ebenso gigantischer wie dramatischer Prozess. Der nicht nur die Gegenstände unsichtbar macht, mit denen einst gewisse Funktionen ausgeführt und bewerkstelligt werden konnten. Sondern, der darüber hinaus in seiner Dynamik selbst kaum noch nachvollziehbar ist.

Was ist schon ein Apple iPhone als Ersatz für ein W48 der Firma Krone im Vergleich zu einem Ford T-Modell als Ersatz für die Pferdedroschke? Die hohe Maschinenkraft der Autos wird immer noch gerne in PS, in Pferdestärken, herausgestellt. Die Leistungsgüte eines Telefonsignals aber schon lange nicht mehr durch einen Oszillografen, sondern durch die Datendichte und -geschwindigkeit des Internet-Protokolls. Dass ein iPhone gerade mal ein Jahrzehnt gebraucht hat, um die Anwendungen mobiler Kommunikation neu zu definieren. Und zurzeit erleben wir mit Anwendungen wie TikTok oder Clubhouse, wie die Beschleunigung von Veränderungsprozessen immer noch weiter voranschreitet.

Auch in diesem Buch wird an ausgewählten Beispielen über die Phänomenologie solcher Entwicklungen und ihrer Beschleunigung die Rede sein, entscheidend aber ist bei alledem etwas ganz anderes: Dass vor allem jene, die an diesem Transformationsprozess aktiv mitgewirkt, ihn ausgelöst und ausgestaltet haben, dass wir, die EntwicklerInnen und MacherInnen in der Geschichte der Technikentwicklung die erste Generation sind, die innerhalb des eigenen zeitlichen Lebenszyklus’ auch die Verantwortung für das übernehmen sol(t)en für das, was wir dereinst selbst auf den Weg und in den Markt gebracht haben.

VI.

Die Folgen der Virtualisierung und der Beschleunigung zu untersuchen, zu beschreiben und daraus Folgen für die Theorie u n d die Praxis abzuleiten, das bedeutet mehr, als die Spekulation über die Zukunft von 3D-Projektionen und einer Technikfolgenabschätzung. Baut aber gerne auch auf der Beobachtung und Analyse solcher Phänomene auf. Und kommt zu interessanten Ergebnissen, die eigentlich auf der Hand liegen sollten.

Für diese beiden konkreten Fälle bedeutet das zu untersuchen, ob die (Wieder-)Entdeckung von Phänomene wie 3 D und VR etwas mit der Sehnsucht nach dem im Verlauf der Digitalisierung verloren gegangenen Raum-Zeit-Kontinuum zu tun hat. Und, um auf den zweiten Punkt einzugehen, ob die Folgewirkungen des Einsatzes solcher Technologien nachhaltige soziale, psychische und vielleicht sogar politische Auswirkungen mit sich bringen werden.

VII.

Und so nähern wir uns immer mehr an "des Pudels Kern"- Goethes Faust arbeitet an einer Übersetzung des Johannesevangeliums und sucht nach einem aus seiner Sicht adäquaten Begriff für das Wort "λόγος", Logos. Ein Begriff, der sich ja in seinem vielfältigen Kontexten sehr unterschiedlich interpretieren / zur Anwendung bringen lässt, von der Logik bis hin zur Analogie. Bei Goethe entscheidet sich der Gelehrte und Meister bei der seiner Konnotationsdefinition aber nicht für "das Wort", den "Sinn" oder die "Kraft", sondern für "die Tat". Und danach: stellt er den ihm scheinbar nur zugelaufenen Pudel mit Zaubersprüchen zur Rede und erkennt hinter der Maske des Tieres... den Teufel.

Der Verweis auf des "Pudels Kern" und der mit diesem Begriff assoziierten Geisteswelt ist mehr als nur ein Cliffhänger - wenngleich er das sicherlich auch ist.
Er bezieht sich auf jene, die (den Autor mit einbezogen) in ihrer Lebens-Geschichte nicht wie gestern das Tier (Pferd) in eine Maschine (Auto) verwandelt haben, sondern im Hier und Jetzt das Analoge in das Digitale.

Der Verweis auf den exemplarisch bei Goethe vorgeführten Widerstreit von Wissenschaft und Magie, Aufklärung und Religion, von Neugier und Gier, ist so abseitig nicht, wie es zunächst den Anschein haben mag. Die Parameter für die Abtrennung des Göttlichen von dem Weltlichen wurden erstmals schon vor gut dreihundert Jahren von Leibniz in seinen dualen Systemkategorien definiert. Die "1" repräsentierte das Göttliche, die "O" das Nichts ("Omnibus ex nihilo ducendis sufficit unum") und zugleich in diesem Zeit-Raum, 1682, die Formel zur näherungsweisen Berechnung der Kreiszahl Pi: Und damit eine mathematische Formulierung der Unendlichkeit.

VIII.

Beider Namen sind heute grossen Institutionen geweiht, in denen die Rückblicke auf die Geschichte gekoppelt werden an die weltweite Erkundung der Frage nach der Zukunft in der Digitalen Welt. In den Goethe-Instituten [1] ebenso wie in den Instituten der Leibniz-Gemeinschaft [2]. In der Untersuchung und kritischen Analyse ihrer Ziele und Umsetzungsstrategien werden wir exemplarisch erkunden, wie dort die Frage nach der Transformation der analogen Welt in die digitale gestellt und beantwortet wird. Wie sich Technik-Kultur und Kultur-Technik aufeinander beziehen, sich durchdringen oder auch von neuem abgrenzen, ja ausgrenzen.

IX.

Wir werden die "Gralshüter des Analogen" konfrontieren mit den "Digital Residents". In diesem ’clash of cultures’ wird erneut die Frage gestellt, was aus der analogen Welt in die digitale zu "retten" oder zumindest zu überführen sei. Dieser Position wird eine heute immer noch radikal klingende These gegenübergestellt, wonach ein solches Bemühen der Verwahrung und Bewahrung zum Scheitern verurteilt sein werde. Und dann werden wir jene Phänomene aufspüren, und ihnen nachspüren, die derzeit bei den Jugendlichen immer deutlicher spürbar werden: mit dem immer noch weiter anwachsenden Grad an digital definierten Referenzen und virtualisierten Welten wird immer intensiver nach Werten gesucht, die einst in den noch analog definierten Referenzclustern Gang und Gäbe war: von Anmut und Anstand ... bis Vertrauen und Verbindlichkeit. Das entscheidende an diesem Prozess ist, dass diese nicht mehr durch die Reaktivierung des Vergangenen ausgegraben werden, sondern durch ihre für sie neue Erfindung, Entdeckung und Erprobung.

X.

Erst, wenn es um die Wiederauferstehung solcher Werte gegangen sein wird, erst wenn sie sich in einer neuen ’Gestalt’ als das ’Leitmotiv’ in der virtuell digital vernetzen Welt als ’real existierende’ Wert offenbart und in der Praxis bewährt haben, erst dann wird der Zeitpunkt gekommen sein, um Brücken zu bauen in das Reich des Hades. Wir, die letzten bis dahin noch verbliebenen Fährleute ("Charonen") zwischen den Ufern der analogen und der digitalen Welt werden bestenfalls die Architekten jener Brücken geworden sein, über die nun ein neuer permanenter Transfer zwischen der digitalen Wirklichkeit und der analogen Unterwelt möglich geworden sein wird.

In der Kultur-Geschichte der analogen Welt müssen selbst die Toten an den Gestaden der Lebenden verweilen, bis sie die Passage mit einem Obolus bezahlen können. Auf der Brücke zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten wird dafür eine Mautstation eingerichtet worden sein. Den ort zu entrichtenden Obulus sparen sich die Lebenden in ihrer digitalen Welt an, indem sie sich im Diesseits danach sehnen, möglichst viele kleine Todeserfahrungen ("petits morts") anzusammeln. Und in der analogen Welt der Toten werden von diesem Geld VR-Brillen gekauft um sehen zu können, was auf der anderen Seite der Brücke geschieht.

Warum diese Allegorie? Weil es sein könnte, dass die "Digital Residents" auf ihren Ausflügen über die Brücke zwar interessiert gewesen wären, mit den im Jenseits noch lebenden Toten zu sprechen, um etwas über deren (und damit auch ihre Vor-) Geschichte zu erfahren. Dann aber unverrichteter Dinge wieder den Rückweg antreten mussten, weil diese ihre Besucher gar nicht haben wahrnehmen können, da ihre Augen hinter den VR-Brillen verborgen blieben... JPEG

P.S.

zu II.:
Die Genese dieses Stoffs geht zurück auf eine Reihe von Umfragen, die bereits vor mehr als einem Jahrzehnt begonnen und die 2020 in diesem Film exemplarisch dokumentiert wurden: "DIGITALISIERUNG Was kommt danach?" Abnahme:

DIGITALISIERUNG Was kommt danach?
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zu IV
Zu diesem Punkt traf diese Lese-Empfehlung ein: Matthew B. Crawford: Shop Class as Soulcraft. An Inquiry into the Value of Work. The Penguin Press New York 2009, 246 p. In der Einleitung ist gleich auf Seite 2 zu lesen:

In this book I would like to speak up for an ideal that is timeless but finds little accommodation today: manual competence, and the stance it entails toward the built, material world.

zu IX.
In den ZEITFRAGEN auf Deutschlandfunk Kultur vom 15. März 2021 fragt Andre Zantow: Digitalisierung. Brauchen wir ein Recht auf analoges Leben?

Digitalisierung - Brauchen wir ein Recht auf analoges Leben? (Magazin)

zu X.:
Es mag sein, dass das Ende dieses Buches auch ganz anders aussehen wird. Die Essenz dieser Mahnung aber wird bleiben: Dass einige jener "Gralshüter des Analogen" sich darum bemühen werden, doch noch an jenen digitalen Welten Anschluss zu finden, die ihnen nicht in die Wiege gelegt worden waren. Und die dann der Gefahr unterliegen, diese Welt nicht in dem Wesen erkennen zu können, das sie "im Innersten zusammenhält", sondern sich ebenso tapfer wie vergeblich an ihren Erscheinungen abarbeiten - auf der Suche nach "des Pudels Kern".


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