SYSTEMS blühende digitale Medien-Landschaften: verbrannt

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 25. Oktober 2004 um 14 Uhr 35 Minuten

 

Es ist offensichtlich wahr. Wer seine Prognosen nicht teuer genug verkauft, sollte sie beim Notar auf Halde legen. Und warten, bis die, die den guten Rat nicht teuer einkaufen wollten, sich kräftig genug bei der Umsetzung ihrer Vorstellungen die Finger verbrannt haben.

Dabei geht es nicht einmal darum nachzuweisen, wie recht man damit gehabt hat - oder, im Negativfall auch, um für seine Irrtümer einzustehen - sondern es geht darum, dass oftmals zu hohe öffentlich gemachte An- und Aussprüche bei Nichterfüllung gegen die Glaubwürdigkeit ihres Urhebers zurückschlagen.

Bereits im letzten Jahr haben wir die Ankündigung der Neuen Messe München, die „SYSTEMS“ zu „Europas erste(r) Informationsquelle für die Konvergenz von Informationstechnologie, Telekommunikation und Medienindustrie“ zu machen, als eine allzu vollmundige Vor-Ankündigung in Frage gestellt. Dass man sich jedoch jetzt angesichts der eingegangenen Zu- und Absagen erdreistet hat - mit einem durchaus klug und kompetent geschriebenen Text [1] - im Tagungsheft der „MEDIENTAGE MÜNCHEN“ als eine „in Europa einzigartige Plattform für die Präsentation aktueller und zukünftiger multimedialer Techniken“ darzustellen, ist mehr als fragwürdig.

Wer sich die Mühe macht, auf den Spuren dieser Ankündigungen genau weiter zu lesen wird erkennen, dass es sich bei den drei dort skizzierten Szenarien um so genannte „Show-Cases“ handelt, in denen ein „Ausblick auf die kommende Unterhaltungs-Elektronik für den Privatverbraucher“ („One Man Television Zukunftsszenario“), ein Praxisbeispiel für den Besucher („Digitales Fernseh- und Radiostudio“) und eine („Digital Management“) live Demonstration gegeben wird. Dieser Text ist insoweit stimmig, als dass er unterstreicht, was auch der Eindruck beim Messebesuch insgesamt zu sein scheint: eine Messe zu sein für eine Publikumsgruppe zwischen Endverbraucher und Fachhandel, nicht aber für die Systemhäuser und deren Kunden.

Die SYSTEMS, so wird abschliessend ernsthaft behauptet, würde sich als „Vorreiter und Impulsgeber“ für einen bedeutenden Zukunftsmarkt, den der Medienkonvergenz, verstehen. Zugleich aber zeigt das Gezänk um und das Nebeneinander von beiden Veranstaltungen, wie weit der Weg noch ist, um dieses Konzept auch produktiv werden zu lassen. Solange solche - öffentlich natürlich nicht kommunizierten - Peinlichkeiten passieren, dass der Messeveranstalter dem Medienveranstalter die von ihm genutzten Räumlichkeiten teilweise erst einen Stunde vor Beginn der öffentlichen Nutzung zur Nutzung zur Verfügung stellt, ist klar, dass es unter solchem Vorzeichen noch ein weiter Weg sein wird, das Thema Konvergenz vernünftig und produktiv zur Geltung zu bringen.

Trotz all dem Bemühen und den konzeptionell nachvollziehbaren Ansätzen hat sich der Ausrichter der Messe mit der Erweiterung des thematischen Angebotsspektrums in Richtung "Medien" keinen Gefallen getan, der konvergenzermüdeten Industrie noch weniger und dem Geldgeber, dem Freistaat Bayern und dessen „Europas IT- und Medien-Hauptstadt“ München
 [2]
am allerwenigsten.

Hier war nur wenig zu sehen von den blühenden digitalen Medien-Landschaften: was bleibt, das ist die Erinnerung an verbranntes Terrain.

WS.

Anmerkungen

[1und gelungenen Grafiken wie dieser

[2An diesem Punkt sind sich die sonst eher feindlich gesinnten Veranstalter verdächtig nahe: der Chef der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien, Wolf-Dieter Ring, preist München als den „wichtigsten deutschen Medienstandort“. Und das städtische Wirtschaftsreferat hat sich in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer diese These mit dem Umstand zu belegen bemüht, dass in München Medien und IuK (Informations- und Kommunikationsunternehmen) immer mehr zusammenwachsen.


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