Reise Report I

VON Dr. Wolf SiegertZUM Samstag Letzte Bearbeitung: 8. Juni 2021 um 21 Uhr 18 Minuten

 

I.

Endlich ist es gleich so weit, denkst Du. Endlich kannst Du Dich gleich von den ganzen Irrungen und Wirrungen der durch die EDV und in den Netzwerken aufgetretenen Problemen verabschieden. Jetzt nur noch schnell die mobile SSD vom Rechner getrennt - und das vorschriftsmäßig - und danach die für die Studierenden ausgerechneten Zensuren in die neue Plattform eingegeben, die von der Uni bereitgestellt wurde.
Und dann das: Das Eintragen der Zensuren auf der Online-Plattform der Uni sollte die letzte noch zu erfüllende Leistung sein. Aber ebendiese Plattform erklärt Dir nach der Eingabe von URL und der persönlichen Kennung, dass Du als Dozent dazu gar keine Berechtigung hättest, um auf dieser nun auch die Werte einzutragen. Und das, obwohl Du zu Beginn der Woche im Rahmen einer Schulung eben dieses Prozedere in einem Testlauf erfolgreich durchgespielt hattest.

II.

Stunden später - viel Zeit ist für den Schlaf nicht mehr übrig geblieben – sitzt Du im Flieger. Und klappst Deinen Laptop auf. Und steckst die SSD an. Und hörst den Erkennungston, dass das neue Endgerät im System akzeptiert wurde. Aber: Im Explorer wird dieses neue Laufwerk nicht angezeigt. Ums verrecken nicht. Du kannst probieren, neu starten, tun, was Du willst. Nach vier Versuchen gibt’s Du auf.
Also wird der Gerätemanager geöffnet, dass darin auch verzeichnete Laufwerk gesucht, gefunden. Und dann geprüft, was das Systemprotokoll dazu sagt; das kann man in der folgenden Anmerkung nachlesen [1]

III.

Bevor wir auf die Logik und Bedeutung dieser Aussagen eingehen, wird rückblickend deutlich, dass die in dem Bericht von den Reisevorbereitungen vom vorangegangenen Freitag dargestellten Verwerfungen der EDV und der Netzwerke nicht nur eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ darstellen, sondern Ausdruck einer darüber hinausreichenden Herausforderung sind: Es geht um die zunehmende Abhängigkeit von elektronischen Systemen, ohne die Du Deine Arbeit nicht mehr ausführen, ja, Dein Leben nicht mehr fristen kannst.
Was das bedeutet? Nein hier sollen nicht einmal mehr ‚Eulen‘ in das nunmehr auch schon digitalisierte ‚Athen‘ getragen werden. Es geht eher darum, so etwa wie eine Technikfolgenabschätzung auf den Weg zu bringen, die sich auch ganz konkret auf die eigenen Befindlichkeiten bezieht.

IV.

Ein solcher Ansatz lässt sich in dem Moment der Arbeit an diesem Text wie folgt auf den Punkt bringen. Es stellt sich die Frage, ob es geboten sei, diesen Vorgang als Anlass nehmen, um die nun beginnende Urlaubszeit mit der Umsetzung der Periode eines „Digital Detox“ zu beginnen. Oder, ob es eher angesagt sei, sich um die Lösung des oben angesprochenen Problems zu kümmern und dies zum Anlass nehmen, um nochmals ausführlicher über die nächsten uns bevorstehenden Herausforderungen nachzudenken und die Ergebnisse aufzuschreiben.
Denn das aufeinander Einwirken diesen beiden hier geschilderten Vorgänge hat eine gewisse innere ‚Logik‘: Auf der mobilen SSD-Platte waren nochmals alle Examensarbeiten der Studierenden kopiert worden. Und dass ebendiese Platte, genauer gesagt, dieser Speicher, jetzt nicht ausgelesen werden kann, unterstreicht auf seine Weise, was der Hochschule noch in der Nacht per Mail mitgeteilt wurde: dass alle nunmehr zu warten hätte, bis zum Zeitpunkt der Rückkehr aus dem eigenen Urlaub.

V.

Sollte dieser Urlaub also nun Anlass sein zum Schreiben oder zum Schweigen? Wie diese Zeilen verraten, ist es zumindest ein höchst beredtes Schweigen. Man kann nur das leise Säuseln vernehmen, wenn die Finger über die Tasten des Laptops gleiten. Und der Rest ist Schweigen. Und Schreiben.
Am Flughafen auf Gran Canaria findet sich an einer Metallsäule eine Steckdose. Der Rechner tut auch seine Dienste. Und der kalte Inhalt der mir auf eigenen Wunsch ausgegebene Flasche mit Coke tut das Seine: Es gibt Technik, Energie und Saft – und keinen Grund mehr, sich nicht erneut auf den Weg zu begeben.
Nein, es geht nicht um das Schreiben um des Schreibens willen, sondern es geht um die Chance, aus der Wartezeit auf den Anschlussflug eine produktive Zeit zu machen. Produktiver, als sie selbst von der Lektüre des Buches über „Die Gesellschaft der Wearables“ angeboten werden. Dort müssen Zitate aus der gesamten Welt der europäischen Dichter und Denker dafür herhalten, dass sich die AutorInnen damit auseinandersetzen können, welche Wirkungen die Apple Watch auf sie hat – und auf die Gesellschaft. Auch dies eine beredte und profunde Schreibe, die ja im Gegensatz zu diesem Text, der gerade erst im Entstehen ist, auch schon seinen Verlag – und hoffentlich auch seine Öffentlichkeit – gefunden hat.

VI.

Wenn es in diesem Buch nicht um Apple geht, dann um Google‘s konsequenten Einstieg in den Gesundheitsmarkt „mit überwachungskapitalistischen Mitteln“. Und auf dem Smartphone, das neben diesem Buch auf der Sitzbank liegt, ist die Ankündigung des NDR-Berichts zu finden, die da lautet: „Kommt der Überwachungsstaat nach Chinas Vorbild?“ Und auf dem noch neuen Flughafen BER in Berlin ist der Ganzkörperscanner zum Standarddurchleuchtungsgerät avanciert… dies alles drei nur ganz zufällige Elemente, die im Verlauf dieses einen Reisetages ins Auge gefallen sind. Also weit weg von einer statistisch belegbaren Relevanz – und dennoch von Relevanz.
Wir, eine Generation, die während des ganzen Verlaufs ihre Existenz nicht anderes erlebt hat, als „Frieden“, wir wähnen uns mehr und mehr umzingelt von Feinden, die A: nicht sichtbar sind und die uns B: guttun.
Und das Ganze kolportiert in einer Nachbarschaft voller Kämpfe um die simpelsten Anliegen, ein menschenwürdiges Leben führen zu können.

VII.

Während mich also die Frage beschäftigt, warum diese Plattform und jene EDV nicht funktioniert, sitze ich in aller Ruhe auf einem durchaus bequemen Wartesitz in der Abflughalle von Las Palmas, um auf eine andere Insel weiterfliegen zu können, die andere Menschen aus anderen Ländern aus Überlebenswillen in Schlauchbooten anzusteuern versuchen. Und selbst dafür an Schleuser mehr Geld haben zahlen müssen, als was wir in einem Jahr verdient haben.
Was für eine seltsame Amalgamierung der unterschiedlichsten Befindlichkeiten: Wir wollen nach mehr als einem Jahr Pandemie Ausreiß nehmen aus der eigenen Umgebung, die andere Menschen zu erreichen sich bemühen – und koste es ihr Leben.
„Leben, leben… wir wollen endlich wieder leben“ – so die kollektiven Rufe aus den unterschiedlichsten Quellen und ihren quälgeisternden Stimmen: und der Ruf nach der Wiederkehr der „Normalität“ ist zugleich eine Rückbesinnung auf all jene Lebensmomente, die jenseits der Arbeit nicht mehr erlebt werden konnten: in Restaurants und Theatern, in den Kneipen und im Kino, und „auf Arbeit“, wohl wissend, dass es dort in vielen Fällen nicht mehr so weitergehen wird wie zuvor.

VIII.

Und mit dem Blick auf diese für viele zuvor kaum vorstellbaren Veränderungen wird zugleich klar, dass der kontrapunktische – oder auch kontraproduktive – Gegenpol dieser zuvor erlebten Praxis in der „Frei“-Zeit wie in der Arbeitswelt zunehmend durchdrungen wird von dem Phänomen der Digitalisierung.
Nein, das ist so nicht korrekt: Die Digitalisierung hat sich längst in alle Bereiche unseres Lebens mehr oder weniger nachhaltig eingenistet. Aber aus dem Hilfsmittel ist ein Lebensmittel geworden: Auch schon vor der Pandemie haben die Studies ihr Leben mit ihren Smartphones organisiert. Aber jetzt haben sie auf dem Wege der elektronischen Vermittlung ihr Studium neun in den Griff zu bekommen versucht. Und die Lehrkräfte genauso. Und die Verwaltung…
Für jemanden wie mich, der inzwischen als „Doyen der Digitalisierung“ den Nachruhm der frühen Erkenntnis für sich in Anspruch nehmen kann, der bereits in den siebziger Jahren als studentischer Vertreter in die Bundeskommission für den Hochschulversuch für das Fernstudium berufen wurde – woraus später der Fern-Uni-Hagen erwuchs – mit einem solchen Hintergrund waren diese Herausforderung der Virtualisierung des ‚klassischen‘ Arbeits- und Lerngeschehens eher eine Chance denn eine Katastrophe, da nun endlich in der Praxis der Beweis zu erbringen war, was „in Zukunft“ gehen könnte, und dann auch von jetzt auf gleich umzusetzen war.

IX.

Also auch jenen, die sich diesem Prozess bisher weitgehend entzogen hatten, wurde jetzt die Not-Wendigkeit deutlich, nach dem Rettungsanker digitalisierter Systeme zu greifen, selbst wenn sie sich bislang als gute ‚Schwimmer‘ haben über Wasser halten können. Was – im Vergleich zu den beiden eingangs geschilderten Szenen-Bildern – erneut zu einer seltsamen Amalgamierung von Segen und Fluch dieser Systeme geführt hat.
Haben wir uns an das Unvermeidliche gewöhnt, oder sind wir wie jener Frosch im sich immer mehr erhitzenden Wassertopf, der nicht mehr rechtzeitig versteht herauszuspringen?
All das hier Gesagte und Aufgezeigte ist nicht mehr – aber auch nicht weniger – als ein Spontanparlieren. Und es wird spannend sein, selber nachzulesen, was in dieser kurzen Zeit dabei herausgekommen ist. Und das gilt – vielleicht – nicht nur für den Autor, der sich auf diese Art und Weise schreibend die Zeit vertrieben hat. Ohne Ziel und Plan – aber hoffentlich nicht ganz ohne Sinn und Verstand.

X.

Dann kommt das Ende jeglichen Fabulierens. Die Ansagen am Gate sind nur noch auf Spanisch und dennoch eindeutig. Nach der Registrierung kann man schnurstracks zur ATR 72 – 500 gehen. Das Einsteigen erfolgt über einen kleinen Steg am Rumpf der Maschine. Dann das sich Durchschlängeln bis auf den angewiesenen Platz. Und kaum sind die Textkanonaden aus den plärrenden Lautsprechern verklungen, setzen auch schon die Rotoren mit ihrem wohligen Brummen ein. Kaum ist die Betriebstemperatur erreicht: Ein Pushback zurück aus eigener Kraft, ein schneller Stillstand vor dem Richtungswechsel und schon fegt der Flieger wie ein kleiner Renner über die Pisten. An der Runway vor dem Start nochmals die letzte „Gedenkpause“ und ab geht’s up >>>>>>>>>>>>>>>>>> ja, so soll fliegen sein. Zwar auch nicht mehr ganz analog, aber hier regiert die feine, reine Physik. Was für eine Freude!

Anmerkungen

[1

Das Gerät SCSI\Disk&Ven_SanDisk&Prod_Extreme_SSD\8&2f54d9a9&0&000000 wurde aufgrund einer teilweisen oder mehrdeutigen Übereinstimmung nicht migriert.

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