Heim ins Reich ... der Mitte

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 2. November 2004 um 10 Uhr 38 Minuten

 

I.:
Nachfolgend einige persönliche Eindrücke vom "Recruiting-Tag der Stadt Tianjin für Fachpersonal und Joint-Venture-Projekte" im grossen Konferenzsaal des Ludwig Erhard Hauses in Berlin.

II./III.:
Als Gegenpol dazu und zur Ergänzung gleich zwei Beiträge aus der Seite 9 des TAGESSPIEGEL # 18646 vom 2. November 2004.

IV.:
Abschliessend eine kurze "Standortbeschreibung" in Wort und Bild.


I.

Auf Einladung des Centers for International Cooperation und der Gesellschaft für beufsbildenden Maßnahmen e.V. hält das Personalamt der nordchinesischen Stadt Tianjin nach London und vor Paris am 1. November 2004 einen "Recruiting-Day" in Berlin ab.

Frau XING Jun, Vizebürgermeisterin der Stadt Tianjin, bringt es gleich zu Beginn auf den Punkt: als einer der vier "Stadtstaaten" Chinas mit einer Zuwachsrate von jährlich mehr als 10% wird - gerade in Europa - hochqualifiziertes Personal gesucht, um diese Entwicklung weiterhin unterstützen zu können.

Mit einem eigenen Personalentwicklungsfond von 50 Millionen RMB [Renmimbi = ca. 4,75 Millionen Euro] gehe man gezielt vor allem auf jene chinesischen Studentinnen und Studenten zu, die in Europa studiert hätten.

Ausserdem würden ausländische Experten gesucht, zehntausend pro Jahr: projektweise, als "Pendler" zwischen den Kontinenten oder auch mit der Perspektive, für längere Zeit nach China zu gehen. [...aha?!]

Nur durch diese Politik sei es gelungen, dass sich inzwischen von den 500 weltweit führenden Unternehmen bereits 98 bei ihnen angesiedelt hätten [Applaus - zu Beginn sogar nach jedem Absatz...].

Von bundesdeutscher Seite hat sich der Regierungsdirektor Aussenwirtschaftspolitik Ostasien aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, Herr Dr. Lutz Werner eingefunden. In seiner kurzen Ansprache verweist er darauf, dass
-  auch in diesem Jahr der Bundeskanzler seine jährliche Reise nach China unternehmen wird, derzeit würde ein Dezember-Termin vorbereitet
-  das Handelsvolumen zwischen Deutschland und China grösser sei als das von Deutschland mit Frankreich und England zusammen
-  es das vornehmliche Ziel der Bundesregierung sei, nun auch Inverstoren aus China dazu zu bewegen, in Deutschland zu investieren.
-  immerhin 30.000 chinesische Studenten in Deutschland an den Hochschulen akkreditiert sein würden.

Und um diese geht es! Das ist der entscheidende Punkt. Die Veranstaltung ist ganz klar auf eben diese Klientel ausgerichtet. Nach Abschluss der Ausbildung im Ausland: zurück in die Heimat!

Insoweit ist das Ganze eine reine Insider-Veranstaltung. Entweder ist man Chinese oder man kann chinesisch sprechen und wissen genau mit wem.

Das Bemühen, uns qualifizierte Langnasen als Experten anzusprechen scheitert dagegen genauso wie der Versuch, gute Kontakte mit der Presse aufzubauen.

Eine zu Beginn angekündigte Pressekonferenz fand nicht statt, oder wurde zumindest von niemandem bemerkt.

Und der nach Stunden des Wartens und Zögerns unternommene Versuch, jemanden zu finden, der die "Tianjin Radio & TV University" vertritt, endet mit einem angenehmen, gut gedolmetschten Gespräch mit einem der beisitzenden Direktoren der Bildungskommission der Stadt, Dr. MA Jianbiao.

Schliesslich erläutert er mir, dass es sich bei dieser Hochschule um eine Fern-Universität handelt, bei der sich Studenten wie Lehrkräfte des Radios und des Fernsehens als Kommunikationsmittel bedienen würden. Für die Nachricht, dass Berlin die erste Region auf der Welt sei, in denen heute schon digitales Fernsehen ausgestrahlt wird, ist er kaum empfänglich.

Interessant aber wurde das Gespräch, als wir über seine Stadt reden.

Ich berichte ihm in einer Stadt aufgewachsen zu sein, die mit der seinen gewisse Ähnlichkeiten habe: ein Stadtstaat, eine grosse Hafenstadt, wenn auch jeweils nicht die grösste des Landes. "Ja", bekomme ich zur Antwort: "Bremen, das kenne ich von einer Reise von vor drei Jahren." Und von dem historischen Marktplatz, dem Dom, aber auch den Bildungseinrichtungen dort sei er wirklich beeindruckt gewesen.

Denk-Pause: Das sind so Punkte in einem Gespräch, in denen man gerne die Sprache wechseln und sich nicht mehr auf die Übersetzung verlassen möchte. Oder soll ich ihm dennoch berichten, dass meine Mutter dort in dieser Dom-Kirche viele Jahre lang die Orgel gespielt hat, dass ich an dieser Universität einen grossen Teil meiner Ausbildung absolviert und von dort aus die Gründung der ersten Fernuniversität in Deutschland mit vorbereitet habe.

Ja, vielleicht hätten wir dann nach dem Abendessen und einem guten Bier sogar darüber Witze machen können, dass ich als Absolvent der Bremer Universität - damals noch die "roten Kaderschmiede" genannt - vielleicht sogar einen Bonus hätte, wenn ich von der KP Chinas zu einer Vortragsreise über die Digitalisierung der Medien-Industrie eingeladen werden würde...

Aber nicht doch: hier sind wir anderen Regeln unerworfen! Und so verabschiede ich mich nach angemessener Rede-Zeit, danke dem Direktor der Abteilung für Ausländische Experten des Büros für internationale Austauschprogramme YUAN Ying für seine Vermittlung - und mache mich auf den Weg zur Garderobe.

Meine wenigen Minuten in der Vorhalle werden sogleich von mehreren Studentinnen genutzt, um mich anzusprechen. Offensichtlich ist es ihr Interesse, im Zusammenhang mit ihrer Disziplin (hier: Germanistik / Publizistik / Informatik / Mathematik) Projekte zu finden, über die sie wieder verstärkt Verbindung mit ihre Heimat halten könnten - aber: von Deutschland aus.

Soll ich noch bleiben, bis das Buffet eröffnet wird? Nein, das will ich nicht. Trotz aller Fürsprache und Freundlichkeiten komme ich mir ziemlich fehl am Platz vor. Wenn man weder Chinese, noch Insider, noch sprachlich genug versiert ist, gibt es in einem solchen Rahmen kaum eine Chance, wirklich Kontakte zu machen, die über den Austausch von Allgemeinheiten und Höflichkeiten hinausgehen.

Ausserdem habe ich mich geschämt: neben den genannten Veranstaltern war niemand aus der Poltik da, der/die mit dieser Haupt-Stadt hätte indentifiziert werden können, weder als Gast noch als Gast-Redner.

Und so wunderte es denn auch nicht, dass auch von der chinesischen Botschaft weder der Botschafter noch sein Attaché gekommen waren, sondern der tapfrere Herr LIU Chengjun von der Bildungsabteilung die notwendigen Sätze zur Begrüssung sprach.

Die berliner Politik glänzte: durch Abwesenheit. Berlin, so denken wohl die Damen und Herren in der Senatskanzlei, spricht für sich selbst...

Aber zumindest weiss ich jetzt, dass es richtig war, der Einladung der berliner Wirtschaftsförderung mit einer Delegation dieser Stadt in die Volksrepublik zu reisen, nicht nachzukommen.

WS.


II.

Gastarbeiter gesucht - für China.
In dem Boomland fehlen zunehmend Fachkräfte.

Jetzt warb die Stadt Tianjin um deutsche Experten

China hat ein Problem, das wir auch gerne hätten: Die Wirtschaft wächst zu stark. Um 9,5 Prozent legte das Bruttoinlandsprodukt in den ersten neun Monaten dieses Jahres zu. Der Aufschwung bringt die Entwicklung des Landes voran, hat aber auch negative Konsequenzen. Manche davon haben Auswirkungen bis nach Berlin: Weil den Unternehmen die Fachkräfte ausgehen, wirbt China auch in der deutschen Hauptstadt um chinesische Auslandsstudenten und deutsche Experten, die am Boom im Fernen Osten mitarbeiten wollen.

„Nach London ist Berlin die zweite Station unserer Rekrutierungsreise durch Europa, die uns auch noch nach Paris führen wird“, sagt Yang Xinchuan, Vize-Generaldirektor des Personalbüros von Tianjin. Die Zehn-Millionen-Hafenstadt rund 100 Kilometer südöstlich von Peking steht mit anderen chinesischen Metropolen im harten Wettbewerb um Führungskräfte und attraktive Joint-Venture-Partner. Am Montag stellten sich Stadt und örtliche Unternehmen in der Berliner Industrie- und Handelskammer vor. „Ungewöhnlich ist, dass auch offiziell Experten aus Europa angeworben werden sollen“, sagt Tilman Lesche vom Asien-Netzwerk „Inside A“.

Rund 50 westliche Fachleute werden gesucht, meist für ein paar Monate: Auto-Designer, Mikrobiologen, Nano-Techniker, Windkraftexperten. „Die Chinesen sind sehr interessiert an alternativen Energien“, sagt Joachim Nibbe, der schon mehrfach in China war. „Schwierig wird es nur, wenn wir über die Kosten sprechen.“ Auch medizinisches Personal ist gefragt. Ein Facharzt verdient in Tianjin 7000 bis 10000 Euro - im Jahr. In China ist das ein fürstliches Gehalt, zu dem noch ein Wohnungszuschuss hinzukommt und die Garantie, an internationalen Tagungen teilnehmen zu können.

Ingo Ott wartet am Stand einer Pharmafirma. Er promoviert an der Freien Universität und kann sich vorstellen, anschließend „ein bis zwei Jahre bei einer Pharmafirma in China zu arbeiten“. Danach will er zurück nach Deutschland kommen.

Auch Lin Feng hat den Standort Deutschland noch nicht ganz abgeschrieben. Der 24-Jährige studiert in Dresden, und will im nächsten Frühjahr Diplom-Informatiker sein. „Ich habe mich am Stand von Motorola vorgestellt“, sagt er. Der amerikanische Mobilfunkkonzern baut in Tianjin Handys. „Sie wollen sich bei mir melden, wenn sie eine passende Position haben“, freut sich Lin. Er hat sich aber noch nicht entschieden, ob er gleich nach dem Studium zurück nach China geht. „Ich habe meine Diplomarbeit bei Siemens geschrieben. Auch ein guter Arbeitgeber.“

Alexander Visser vom Ressort Berlin im TAGESSPIEGEL vom 2. November 2004


III.

Auf der gleichen Seite 9 der Nummer 18646 des TAGESSPIEGEL gibt es auch eine Kolummne unter der Überschrift "Tag zu Tag".
Unter der Überschrift "Letzte Warnung" "Wift sich"
Bernd Matthies "dubiosen chinesischen Bestrebungen entgegen" und kolportiert die Ereignisse wie folgt:

Ohne China wäre die Bundesrepublik in ihrer heutigen Form kaum denkbar. Erst stiftete die Angst vor der sog. Gelben Gefahr ein produktives Gefühl der Zusammengehörigkeit im Angesichte Adenauers, dann spendete der Große Vorsitzende Mao der heimatlosen Linken in Deutschland ein schönes, ideologisch reizvoll verziertes Dach, und heute treibt allein die Existenz des Riesen im Osten den Reformeifer unserer Politiker voran: Wenn wir Hartz IV nicht durchziehen, heißt es, dann wird der „Golf“ bald nur noch in Shanghai gebaut.

Das ging soweit in Ordnung. Aber nun, Chinesen, übertreibt ihr es doch, wenn ihr hochqualifizierte Fachkräfte aus der deutschen Hauptstadt abwerbt. Erst gehen die Auto-Designer, dann die Windkraftexperten, und am Ende auch noch die Ein-Euro-Kräfte, weil sie in China Einsfünfzig die Stunde bekommen. Unweigerlich fällt die deutsche Wirtschaft zu Boden, und in den Billigkaufhäusern in Peking gibt es bald Jutebeutel, die unter menschenrechtswidrigen Bedingungen in Berliner Kindergärten geknüpft wurden. Das einzig denkbare Gegenmittel verfängt nicht: Nach unseren Politikern haben die Chinesen nicht gefragt. ____________________________________________________________

IV.

Tianjin

(both: tyän’jĬn’) or "Tientsin" , city (1994 est. pop. 4,720,500), NE China. In E central Hebei prov., it is a politically independent unit (4,400 sq mi/11,399 sq km) administered directly by the central government. The third largest city in China, Tianjin is a port at the confluence of the Hai River (c.30 mi/50 km from its mouth) with the Grand Canal. Although the harbor is poor, Tianjin is a leading international port of China and the collection and distribution center for the N China plain. It is connected by rail with much of China. A subway is being constructed, and several miles of it are already in use. Tianjin is an important manufacturing center, with iron- and steelworks, textile mills (cotton, woolen, and hemp), machine shops, a chemical industry based on salt, flour mills and other food-processing establishments, paper mills, and plants making heavy machinery, automobiles, precision instruments, cement, fertilizer, rubber products, carpets, lubricants, computers and computer components, and telecommunications equipment. The city has been designated a special economic zone in order to increase foreign trade and investment. The banking and trade industries are vital to the economy. Strategically located on the overland route to Manchuria, Tianjin has been a frequent military objective since its rise to importance in the late 18th cent. Agreements exacted from China by the British and French in 1860 made Tianjin a treaty port and conceded parts of it for foreign settlements and garrisons. In the Boxer Uprising (1900) there was a joint foreign occupation, and the Europeans razed the walls. With the abolition of the last foreign concessions in 1946, Tianjin was completely restored to Chinese sovereignty. The city has an astronomical observatory and is the seat of Hebei Univ., Nankai Univ., Tianjin Univ., a medical college, and a music conservatory.

Zitiert nach der Columbia Encyclopedia, Sixth Edition, Copyright (c) 2004.


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