"Der lange Atem"

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 29. April 2022 um 00 Uhr 32 Minuten

 

Heute verleihen wir zum fünfzehnten Mal den Journalistenpreis „Der lange Atem“.

Programmheft

Aus dem Programmheft und der Direktübertragung bei Alex ... ... wird als Würdigung gegenüber all diesen hier nominierten KollegInnen nochmals deren Arbeit skizziert und mit ihren eigenen Aussagen ergänzt, die sie bei ihrer Vorstellung auf der Bühne gemacht haben [1] - auch wenn mit diesem Entschluss die eigene Anwesenheit an diesem Abend vor Ort nicht (mehr) möglich war (wohl wissend, dass die nicht eingehaltene Einladung anderer Gäste noch weitaus schmerzlicher vermisst wurde als die eigene ;-).

Im August 2020 stürmten hunderte Demonstranten die Treppe des Reichstages hinauf. Wie real die Gefahr für den Sitz des Bundestages damals wirklich war, das zeigt die Recherche von KERSTEN AUGUSTIN UND SEBASTIAN ERB über Rechts­extremismus in der Bundestagspolizei für die taz. Mehrere Beamte hatten nachweislich rechtsextreme Haltungen. Trotz Schweigen und auch Drohungen der Verdächtigen gelang es den Autoren, so viele eindeutige Belege zu finden, dass sich der Bundestag zum Handeln gezwungen sah. Die Autoren haben Licht in einen Bereich gebracht, der der Öffentlichkeit und auch dem Parlament selbst bis dahin verschlossen war.

Sie werden in Kühllastern transportiert, sind oft viele Wochen unterwegs, werden dann in Wohnungen oder Lagerhallen gesperrt, müssen in Nagelstudios, Massage-Salons oder Res- taurants arbeiten. Sie werden misshandelt, missbraucht und ausgebeutet: Die rbb Reporter ADRIAN BARTOCHA UND JAN WIESE haben mehrere Jahre lang zu Menschenhandel mit vietnamesischen Kindern und Jugendlichen recherchiert. In mehreren TV-, Hörfunk- und Online-Beiträgen haben sie auf diese kaum beachtete Form der Kriminalität und auf erschreckendes Behördenversagen aufmerksam gemacht.

HRISTIO BOYTCHEV, SIMON WÖRPEL UND EDGAR ZANELLA ALVARENGA haben in mehr als vier Jahren Arbeit für Buzzfeed eine Recherchesoftware entwickelt. Sie durchkämmt gigantische Mengen medizinischer Veröffentlichungen nach Zuwendungen der Pharma­industrie an wissenschaftliche Autoren und Autorinnen. Die Ergebnisse belegen differenziert, dass ärztliche Forschung zuweilen nicht ganz unabhängig ist. Das Tool kann für Transparenz sorgen, für mehr Abstand zu möglicherweise forschungsverzerrenden Interessen.

Ein traumatisierter Junge gerät so sehr zwischen die Mühlen von Bürokratie und Brandenburger Jugendämtern, dass es ihn letztendlich das Leben kostet. BARAN DATLI UND ANTON STANISLAWSKI haben für ihren bei Audible veröffentlichten siebenstündigen Podcast »Hannes soll kein Russe werden« akribisch Akten gewälzt, Interviews geführt, sind nach Kirgis- tan zu Pflegefamilien gereist und haben sensibel und zugleich hartnäckig den Zugang zu Mutter, Vater, Stiefvätern und Geschwistern gefunden. Sie haben den Missstand in der Arbeit von Jugendämtern anhand eines Brandenburger Jungen in den Fokus gerückt.

LUISA HOMMERICH begann ihre Recherche zu den iranischen Volksmudschahedin und ihrer politischen Lobby in Deutschland als Praktikantin beim Spiegel. Die Gruppe versucht, sich als legitime Exil-Opposition zum iranischen Regime zu präsentieren. Nach mehr als drei Jahren Recherche zeigt die Autorin im ZEIT Magazin, wie die Volksmudschahedin sektenhaft Druck auf ihre Gefolgschaft ausüben, sie von ihren Familien abschirmen. Für ihre Lobbyarbeit gewinnen sie Politikerinnen und Politiker, darunter Rita Süssmuth. Ein Aussteiger berichtet, wie er und andere Minderjährige erst als Flüchtlinge nach Köln kommen, dann aber unter den Augen des Jugendamts in den Irak in ein Camp gebracht werden.

In ihrer Berichterstattung über Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 bei ZEIT ONLINE setzt HEIKE KLEFFNER nicht auf große Emotionen, sondern bleibt in ihrer Sprache nüchtern. Akribisch weist sie nach, dass die Gefahr größer ist, als sie sich in staatlichen Statistiken niederschlägt. Über Jahre hinweg seziert sie Beispiele, wo Gewalttaten lange nur als unpolitische Brandstiftung gezählt wurden. Es ist auch der Hartnäckigkeit und analytischen Stärke der Autorin zu verdanken, dass diverse behördliche Fehleinschätzungen nachträglich korrigiert wurden.

Ein Facebookpost lässt die damalige Buzzfeed­-Reporterin JULIANE LÖFFLER und Ex­-Vice­-Reporter THOMAS VOR REYER aufmerken: Eine stadtbekannte Drag Queen wirft darin dem Berliner Szene-Arzt Heiko J. Missbrauch in der Arzt­praxis vor. Ihre Recherchen ergeben: In der schwulen Community ist sein Verhalten seit Jahren ein offenes Geheimnis. In erschütternden Erfahrungsberichten dokumentieren sie, wie die schillernde Vertrauensperson einer ohnehin stigmatisierten Gruppe das sensible Verhältnis zwischen Behandelndem und Patienten ausnutzt. Eine Recherche, die gegen heftigen Widerstand des Arztes sowie Bedenken der eigenen Verleger sexuelle Gewalt offenlegt.

LENA NIETHAMMER hat drei Jahre lang Gewalt in einer fundamentalistischen evangelikalen Familie recherchiert. Die Eltern hatten sieben Geschwistern die Kindheit zur Hölle gemacht. Vier der inzwischen Erwachsenen haben ihre Eltern vor Gericht gebracht. Die Autorin widmet jedem Kind ein eigenes Kapitel, das zeigt, wie jeder Mensch anders mit den Traumata seiner Kindheit umgeht. Dazu hat sie viele Menschen in Justiz und Behörden interviewt. Der Text im Magazin des Schweizer Tagesanzeiger ist der längste, der dort je gedruckt worden ist.

Im Juni 1986 wird an einer Bahnstrecke bei Belzig die Leiche des Mosambikaners Manuel Diogo entdeckt. Die DDR-Behörden gehen von einem tragischen Unfall aus. Doch ein Historiker und ein Buchautor behaupten: Er sei nach einer durchzechten Nacht von Neonazis tot geprügelt worden. ANJA REICH UND JENNI ROTH haben sich 34 Jahre danach für die Berliner Zeitung auf die Spuren des vermeintlichen Nazimordes an einem DDR­-Vertragsarbeiter begeben. Sie sprechen mit Zeitzeugen, mit der Familie, mit damaligen Kollegen. Sie zeigen in einer Reihe von Texten und einem Podcast nüchtern und klar die Widersprüche in der Darstellung eines rechtsextremen Verbrechens auf.

Anmerkungen

[1Alle anderen Personen, die an diesem Abend auf der Bühne auftraten und die samt und sonders ihre Sache wirklich gut gemacht haben - allen voran die ModeratorInnen Silke Burmester und Robert Skuppin sowie die LaudatorInnen Ulrike Winkelmann, Jochen Wegner und Justus von Daniels - sollen an anderer Stelle zu Wort kommen und ins Bild gerückt werden.
Hier wird ganz bewusst und ausschliesslich nochmals auf die Arbeit der Nominierten abgehoben und mit vollem Respekt wiedererzählt, was sie dazu auf der Bühne zu sagen hatten. WS.


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