Limbachs Lektion: ausverkauft

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 30. Januar 2005 um 16 Uhr 34 Minuten

 

Es ist Sonntag. Und damit an der "Zeit", sich - ausgerechnet im "Renaissance"-Theater - wieder eine Lektion erteilen zu lassen.

"Sie haben Glück gehabt", heisst es an der Kasse, "wir haben gerade noch eine einzige Karte über - und die ist jetzt für Sie: 7 Euro bitte."

Damit ist das Haus ausverkauft. Auf der Bühne: Jutta Limbach und ihre Liebeserklärung an die Deutsche Sprache. [1]

Wird Sie uns aus der Seele sprechen? Viele haben dieses sicherlich erhofft und die abschliessend eröffnete Fragerunde macht denn auch deutlich, welchen Geistes die Fangemeinde war: von der Forderung nach mehr Deutschunterricht an den Schulen bis hin zum wehmütigen Gedenken an jene Lehrerpersönlichkeiten, die die Kinder noch dazu bewegen konnten, wöchentlich eine Balade auswendig zu lernen und laut - und gelegentlich sogar kollektiv und auf weiter Flur - vorzutragen.

Jutta Limbach, in der weiblichen Hauptrolle des Klubs der toten Dichter, beseelt von dem Privileg, ihre Liebe zur deutschen Sprache in den letzten Jahren ihres Berufslebens nochmals in so prägnanter Weise zur Geltung zu bringen; und sogleich erfahren genug, um sich von allzu deutlichen öffentlichen Stellungnahmen fern zu halten.

Soll denn nun in Deutscher bei seiner Rede vor dem Abgeordnetenhaus in Israel auf den Gebrauch der deutschen Sprache verzichten, da ihm immer noch zu viele zuhören, die sich bis heute weigern, diese ihre erste Heimatsprache noch als Teil ihres eigenen, verworfenen Lebens anzuerkennen?

Frau Limbach hält es mit dem argentinischen Schriftsteller Chorche Luis Borches und seiner Liebe zu den „Wald- und Nachtgeräuschen“ dieser „süssen“ Sprache, die es wie wenige andere verstünde, dem Gefühl einen sprachlichen Ausdruck zu verleihen, der menschlichen Seele in den ihr eigenen Worten eine Heimat zu geben, ihre Schönheit ebenso wie ihrer barbarischen Seite, so wie es der von ihr ebenfalls zitierte Heinrich Böll mit seinem Hinweis auf die Sprache als das „Menschlichste des Menschen“ auf den Punkt gebracht hat.

Nur an einem einzigen Punkt ist ein Funke von öffentlich vertretener Kritik zu spüren, als es darum geht, dass es der deutschen Aussenpolitik nicht ausreichend gelungen sei, dem Stellenwert der Deutschen Sprache ein ausreichendes Gewicht einzuräumen und dieses auch zu behaupten.

Dabei sind ihre Verweis auf die französische Aussenpolitik an diesem Punkt keineswegs kurzsichtig: ein deutliches „Ja“ für ein öffentliches Engagement für die eigene Sprache, aber ein ebenso klares „Nein“ für jene Positionen, die der Meinung sind, dass man einer kulturellen Kraft per Dekret und damit auf dem Verordnungswege wird Vorschub leisten können.
So deutlich man den Franzosen anmerken würde, dass ihnen der Kampf um ihre Sprache eine Herzenssache sei, so deutlich sei doch auch die Einsicht, dass sich das „Franglais“ nicht "par ordre du Mufti" aus Welt wird schaffen lassen. In Frankreich ebenso wenig wie in Deutschland.

Bleibt noch das Thema der Abgrenzung zur Lingua Franca des Englischen - vor dem sich ihrer Meinung nach auch die Engländer selber in Acht nehmen sollten. Sei es, dass sie es am ehesten versäumten zu erfahren, was es bedeute, mit einer anderen Sprache auch eine andere Seele gewinnen zu können - und auf diesem Wege zu lernen, die eigene zu verstehen - sei es, dass ihre eigene Sprache in der allzu sehr internationalisierten "kreolisierten" Fassung nichts mehr zu tun habe mit den Ursprüngen in den eigenen Kulturen des Vereinigten Königreiches.

Die Frage nach der Dominanz einer Sprache stehe im direkten Zusammenhang mit der Machtposition jener, die sie sprächen. Frau Limbach zitiert Bismarck, der 1888 gesagt haben soll, dass der entscheidende Faktor der Geschichte derjenige sein, dass die Nordamerikaner Englisch sprechen würden... und sie präsentiert ihre eigene Position mit der Aussage: das Englische sei ein „muss“, das Deutsche ein „plus“.

WS.

PS: Im "Plus"-Markt, liebe Frau Limbach, sind heute die "kleinen Preise" zu Hause. Hoffentlich wird es gelingen, dass sich Ihre Position auch weiterhin mit grosser Münze wird heimzahlen lassen können. Das Deutsch der Zukunft und die Zukunft der Deutschen wird nicht nur von der wirtschaflichen Potenz abhängen, sondern von der Abhängigkeit dieser von eben jenen immateriellen Werten, die sich in der deutschen Sprache so gut zum Ausdruck bringen lassen - aber eben so "gut": auch missbrauchen.

Anmerkungen

[1Die Rede ist nochmals an-/nach-zuhören am 4. Februar um 19 Uhr im Kultur-Radio des RBB.


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