Doppelt packend im Doppelpack

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 23. Februar 2005 um 15 Uhr 11 Minuten

 

Wenn heute in der CHAMPIONS LEAGUE Bayern gegen Aresnal spielt, werden die beiden besten deutschen Torhüter versuchen, jeweils ihren Kasten sauber zu halten.

Und so wird dieses Duell der beiden Mannschaften sogleich als doppelt packend interpretiert, da nun auch einmal beide goalceeper zu gleicher Zeit auf dem gleichen Platz stehen werden.

Und so wird den im Berliner Kurier dieses "Duell Kahn vs.Lehmann" von "MB" sogleich wie folgt in Wort und Schrift umgesetzt:

Klar, es ist auch ein Spiel Deutschland gegen England. Ja, es ist auch ein Match Bayern gegen Arsenal. Doch es ist vor allem das Duell Oliver Kahn gegen Jens Lehmann!

Ein Sport-Duell: Münchens Keeper ist in seinem Klub unumstritten die Nr. 1, Lehmann nur Stammkraft auf Bewährung! 1:0 für Kahn!

Ein Erfolgs-Duell: Zwei Meis-terschaften (2004 Arsensal, 2002 Dortmund) sowie ein UEFA-Cup-Sieg (1997 Schalke) sind Lehmanns Meriten. Kahns Titel aufzuzählen sprengt alle Dimensionen! 2:0 für Kahn.

Ein Familien-Duell: Kahn betrog seine schwangere Frau mit Disko-Luder Verena. Lehmann (verheiratet, ein Sohn) ist ein Gentleman. Lehmann verkürzt auf 1:2.

Ein Baller-Duell: Arsenal macht mit 63 Toren seinem Spitznamen Gunners (Kanoniere) alle Ehre. 63 Tore - bester Klub in England. Bayern schoss Dortmund 5:0 weg. Remis. Kahn bleibt 2:1 vorn.

Ein haariges Duell: Bei beiden sieht die Frisur zu oft aus wie ein Haarteil. Beide kriegen sich immer wieder in die Haare. Null Punkte. Kahn bleibt 2:1 vorne.

Ein Experten-Duell: Ollis Fürsprecher Sepp Maier darf nach dem DFB-Rauswurf nur noch aus der Ferne pesten. Bundestrainer Jürgen Klinsmann geht dafür betont fair und förderlich mit Lehmann um. Punkt für Jens. Heute sitzt Klinsi in München auf der Tribüne. Vielleicht sieht er ja ein Duell, das 2:2 ausgeht.

Für manchen die überflüssigste Geschichte, die es je gegeben hat, für andere ein so wichtiges Thema, dass dieses Thema der beiden "Nationaltorhüter" [sic!] von Andreas Lesch und Christof Kneer unter dem Titel "Der elfte Mann" in der von uns abonierten Berliner Zeitung vom 22.02.2005 Februar auf Seite 16 sogar eine historische Würdigung Wert ist.

Im Spätsommer 1987 war Deutschland wieder mal ganz bei sich. Da bekam das Land bestätigt, was es längst wusste, aber dennoch gerne sah: dass es die besten Torhüter hat auf dieser Welt, und schade war höchstens, dass keine gesicherten Erkenntnisse über andere Welten vorlagen. Wobei: Die Welt hätte man sehen wollen, auf der bessere Hüter wachsen als Schumacher & Stein. Deutschland war einstimmig der Meinung, dass es die besten Keeper des Universums beschäftigte, und es war stolz darauf - es sei denn, man kam zufällig aus Hamburg.

In Hamburg wurde damals der Beweis für die Göttlichkeit deutschen Torwartwesens angetreten, nur die Anhänger des HSV fanden das weniger lustig. Dort wagten es die Vereinsbosse erstens, Uli Stein nach einem Faustschlag am Münchner Wegmann zu entlassen. Und sie wagten es zweitens, einen Torhüter einzukaufen, der es wagte, nicht aus Deutschland zu kommen: Mladen Pralija, Jugoslawe, empfohlen vom damaligen Trainer, dem Jugoslawen Josip Skoblar.

Bis heute gebührt Pralija ein Ehrenplatz in der Galerie der größten Graupen, bis heute hält er den inoffiziellen Hamburger Stadtrekord im Torekassieren. In 14 Spielen griff er 35-mal hinter sich, und bei seinem ersten Spiel, einem nullsechs in München, soll der fahrige Fänger nach Überlieferungen neutraler Augenzeugen an zirka sieben Gegentoren schuld gewesen sein. Pralija gab im November entnervt auf, zwischen die Pfosten rückte Jupp Koitka, und aufwärts ging es mit dem HSV. Der Nation reichte das zur Untermauerung der These: Die anderen, die können’s nicht.

Man muss noch mal an diese alten Zeiten erinnern, jetzt, da sich mit Oliver Kahn und Jens Lehmann zwei Stein-Nachfahren ums deutsche Tor balgen. Es ist eine scheußlich langweilige Debatte, nicht nur, weil das Champions-League-Duell zwischen Kahns FC Bayern und Lehmanns FC Arsenal nicht entscheiden wird, wer 2006 das Tor bewacht. Diese Debatte braucht auch deshalb keiner, weil sie aus einer deutschen Binnensicht heraus geführt wird, so, als starre die Welt gebannt auf den Ausgang des Duells.

In Wahrheit ist es längst nicht mehr so, dass in diesem Zweikampf gleichzeitig der Titel des weltbesten Torhüters verhandelt wird. "Bei uns war das damals vielleicht noch so", sagt Uli Stein, der 1986 dem Rivalen Toni Schumacher unterlag. "Damals galt die Faustregel: Der deutsche Nationalkeeper ist der beste der Welt. Und der zweitbeste Keeper der Welt ist sein Ersatzmann." Es war die Zeit, als es für Bundesligatorhüter von Nachteil war, Deutscher zu sein. "Es konnten halt nur drei zum Kader der Nationalelf gehören", sagt Stein, "dabei wären die anderen in 90 Prozent aller Nationalteams Stammkeeper gewesen."

Der Deutsche hat ein Torwart-Gen, das galt spätestens seit Toni Turek, der die Ungarn 1954 in Bern zum Wundern brachte. Es galt für den Maiersepp, für Schumacher, Stein, Köpke und den Titanenkahn, zumindest für den von 2002. "Es ist statistisch belegbar, dass die Deutschen in den letzten 20 Jahren mit die besten Keeper hatten", sagt Alfredo W. Pöge, Präsident des Internationalen Fußballstatistik-Verbandes IFFHS. "Aber dass sie alleine führend waren, ist eine deutsche Sichtweise. Die Italiener waren mindestens genauso gut."

Es ist die neue Dimension des Kahn-Lehmann-Duells, dass es auf Augenhöhe mit anderen Nationen stattfindet. Es ist keine Variante des 1986er-Luxusproblems, um das Deutschland vom Rest der Welt beneidet wurde. Es hat dem Rest der Welt nicht geschadet, dass sich das Berufsbild durch die Rückpassregel und den Bau von Abwehrketten verändert hat. "Es wird immer wichtiger, dass ein Mindestmaß an Beinarbeit vorhanden ist", sagt der Statistiker Pöge. "Wer mit dem Fuß nicht sicher ist, den verängstigt das." Die geschmeidigen Südländer haben aufgeschlossen zu den deutschen Siegfrieden vom Schlage Kahn, und der grandiose Spanier Iker Casillas ist der Beweis, dass manche längst vorbeigezogen sind.

"Die Konkurrenz hat klar aufgeholt", sagt auch Uli Stein. "In südlichen Ländern war der Torwart lange bloß der elfte Mann, den man brauchte, damit die Mannschaft voll wird. Heute weiß man, dass ein Torwart die halbe Miete sein kann. Man arbeitet jetzt professionell mit den Keepern. Am deutlichsten zeigt sich der Qualitätssprung in Brasilien: Die hatten meist solche Fliegenfänger, dass sie vier Tore schießen mussten, um zu gewinnen. Dann kam Taffarel, der war solide. Jetzt haben sie Dida, der ist gut."

Was das jetzt alles bedeutet, für Kahn und Lehmann? Nichts, meint Bayern-Coach Felix Magath. "Kahn ist der Beste", sagt er, und Magath ist ja ein gefürchteter Torwartexperte. Als Mladen Pralija nach Hamburg kam, damals, hieß der HSV-Manager: Felix Magath.

Immer noch den Verlust der Kamera auf dem Berlinale Talent Campus
am 15. Februar 2005 nicht wirklich überwunden, wandert der Blick aber umso mehr auf die Fotos, die dieses Thema begleiten.

In der Hoffnung, dass die Rechteinhaber der folgend zitierten AP-Bilder [1] uns gewähren lassen, nochmal ein Blick zurück auf eine Trainingsstunde der National"Elf", in der einer der beiden "Torwärter" immer der "zwölfte Mann" bleiben muss:

 

Die "schönsten" Bilder aber finden sich immer noch in der "Berliner Zeitung". Besser noch als alles, was zu dem Thema im Internet zu finden ist ist die Aufnahme von Marcus Brandt von der DDP. Und weil dieses Motiv so "schön" ist, wird dieses Motiv am nachfolgenden Mittwoch gleich nochmals von der Bildredaktion in einem Foto von Patrick Hertzog von AFP wieder aufgegriffen.

         

Anmerkungen

[1© RP Online, AFP, ddp, sid, gms, teleschau-der Mediendienst, Tel-A-Vision


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