GREENPEACE lebt ...

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 6. Mai 2005 um 18 Uhr 29 Minuten

 

... aber der "Urvater" der Bewegung, Bob Hunter, ist heute mit 64 Jahren in Toronto verstorben.

Dazu zwei Textauszüge aus der von uns abonierten BERLINER ZEITUNG

- vom 3. Mai 2005 aus einem Artikel von Jörg Michel
unter der Überschrift

"Wow! Wir haben euch"  [1]

- vom 20. August 1996 mit Auszügen aus einem Interview von Annett Ott mit dem

Greenpeace-Chef Gnärig zur Kritik der Gründerväter

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace feiert im September ihr 25jähriges Jubiläum. Ihre Gründer Bob Hunter und Charlie Watson haben in einem Interview für die "Woche" scharfe Kritik an der Kommerzialisierung der Organisation geübt. Über die Vorwürfe sprach Annett Otto mit dem Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, Burkhard Gnärig.

Berliner Zeitung: Charlie Watson sagt, Greenpeace sei zu einem multinationalen Unternehmen "degeneriert, dem es nur noch darum geht, Geld zu machen". Also doch Greenpeace, "die Geldmaschine", wie der "Spiegel" einst titelte?

Burkhard Gnärig: Das ist natürlich absolut falsch. Ich bin jetzt seit sieben Wochen bei Greenpeace, habe einen intensiven Diskussionsprozeß im Zusammenhang mit meiner Auswahl durchgemacht und konnte so auch hinter die Kulissen schauen. Aber mir ist keine politische Aktion bekannt, wo unter dem Aspekt, hier können wir Geld machen, entschieden worden wäre. Im übrigen, so hart sind die Vorwürfe nicht, und die Kritik selbst ist uns nicht unbekannt. Sie ist der Preis, den Greenpeace für den Erfolg zahlt.

Watson erklärt, Thilo Bode, der Direktor von Greenpeace International, wolle "im nächsten Jahr mehr Geld einnehmen als in diesem Jahr". Gibt es bei Greenpeace so etwas wie ein Spendenziel?

Natürlich denkt eine Organisation, die von Spenden lebt, auch darüber nach, wie man Spenden steigern kann. Ich halte es nicht für unehrenhaft, mit dem, was man politisch tut, auch zu werben. Ausgangspunkt ist immer ein Umweltproblem, ein politisches Problem. Das nehmen wir uns vor, da versuchen wir Dinge zu ändern, aus meiner Sicht sehr erfolgreich, und das muß natürlich irgendwie finanziert werden.

Die Spender würden sich, so Watson, mit einer Bescheinigung von Ihrer Organisation ein gutes Gewissen kaufen. Sind Sie "Ablaßhändler"?

Auch früher hat Watson die Spender nicht mitgenommen, um Atomtests zu verhindern. Es gibt einfach viele Dinge, die kann eine Organisation nicht mit allen zusammen machen. Wir haben in Deutschland über 500 000 Spender. Wenn wir etwa in Berlin auf die Goldelse klettern, um gegen Ozonsmog zu protestieren, dann ist das eine Arbeit für Spezialisten. Die Spender und auch alle anderen können aber selbst aktiv werden. Wir haben in der vergangenen Woche ein Auto vorgestellt, das mit 3,2 Liter Benzin auf 100 Kilometer auskommt. Wir erwarten jetzt, daß die Menschen solche Autos mit sparsamen Motoren kaufen, wenn sie denn schon Auto fahren müssen, und nicht die Spritfresser.

Wie erklären Sie sich die Aussage, Thilo Bode habe "keine Vision und keine Leidenschaft für die Sache"?

Es gibt sehr verschiedene Menschen. Bei Hunter und Watson verschmelzen Umweltpolitik und religiöse Weltsicht in gewisser Weise miteinander. Ich bewundere das. Viele Dinge sind aber damit heute nicht mehr zu bewältigen. Natürlich muß man das Gute wollen, man muß es aber auch professionell machen. Das ist bei einer so komplexen Struktur, wie sie Greenpeace heute darstellt, auf der ausschließlich emotionalen Basis nicht möglich.

Als Bode und ich das neue Spar-Auto vorstellten, habe ich gesehen, wie Bode persönlich bewegt war. Er hatte noch als Greenpeace-Chef in Deutschland geholfen, das Spar-Auto in die Gänge zu bringen. Allerdings, es gibt Menschen, die können mehr auf die Tränendrüse drücken. Dazu gehört Thilo Bode sicherlich nicht.

Ihre Organisation will weiter expandieren. Noch bevor Hongkong im nächsten Jahr seinen Status als englische Kronkolonie verliert, will Greenpeace dort eine Filiale eröffnen. Wieder ein bißchen mehr Struktur und Verwaltung. Besteht da nicht tatsächlich die Gefahr einer wachsenden "absurden Bürokratie", wie Watson verbittert feststellt?

Man muß natürlich aufpassen, daß die Organisation nicht zu einer reinen Verwaltungsgeschichte wird. Auf der anderen Seite kann man nicht wie im Falle Deutschland 70 Millionen Mark mit ein paar Amateuren und einer "kosmischen" Buchhaltung verwalten. Die Zeiten sind vorbei. Ohne ein Minimum an Verwaltung ist nichts zu machen.

Der Sprecher des Aufsichtsrates von Greenpeace Deutschland, Wolfgang Sachs, merkt in einem Beitrag kritisch an, der Erfolg von Greenpeace hänge künftig davon ab, ob "jenseits punktueller Aktionen der Umbau der Gesellschaft vorangetrieben werden kann". Haben Sie neue Konzepte in der Schublade?

Wir versuchen im Umweltschutz stärker zu Lösungen ganz konkret beizutragen. Das heißt nicht, daß wir jetzt auf die Kritik an Institutionen und Unternehmen verzichten, die die Umwelt verschmutzen. Die werden nach wie vor mit spektakulären Aktionen zu rechnen haben. Nur, eine spektakuläre Aktion muß auch sehr seriös vorbereitet werden. Wenn wir die Öffentlichkeit auf ein Problem hinweisen, dann haben wir das vorher sehr präzise durchdacht und erforscht.

Also doch kein Aufbruch zu neuen Ufern?

Greenpeace hat mehr als jede andere Organisation die Ziele, die sie sich gesetzt hat, auch erreicht. Ich finde es interessant, daß wir ausgerechnet jetzt, da es bei Greenpeace International wieder aufwärtsgeht, in eine Krise reindefiniert werden sollen. Wir haben in Deutschland sowohl im politischen als auch im finanziellen Bereich gute Programme. Wir werden in Zukunft noch stärker die Menschen ansprechen und sie an unserem Tun beteiligen. Manchmal sind die Erwartungen, die an uns gestellt werden, aber einfach zu hoch. Die können wir dann wirklich nicht mehr erfüllen.

Anmerkungen

[1steht (unter "berlinonline.de") heute online nicht zur Verfügung, und wird daher als PDF eingestellt


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