Transmediale Awards: wäre weniger mehr gewesen?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 19. Februar 2005 um 13 Uhr 17 Minuten

 

In Memoriam Micky Kwella: gestorben am 7. Februar 2003 [1]

Es ist jetzt 60 Jahre her, dass die bis dahin im Krieg weitgehend unversehrt in Dresden lebende Bevölkerung mit Tod und unendlichem Leid den Preis dafür zu zahlen hatte in einem Staate zu leben, dessen wohlgewählte Führer und Helfershelfer sich über Andere erhoben hatten, ums ihrer Unterwerfung und Vernichtung willen.

Während dieses Ereignis - gerade mit dem aktuellen Blick auf den Landtag in Dresden - doppelt deutlich in das Scheinwerferlicht der Presse gerät, werden zur gleichen Zeit an dem Award-Abend der "Transmediale 05" drei Preisträger ausgelobt: Camille Utterback aus den USA, Thomas Köner aus Deutschland und "5voltcore", das sind Emanuel Andel & Christian Gützer aus Österreich.

Jede(r) von ihnen, der (die) auf die Bühne gerufen und dann an das Mikrophon gedrängt wird, ist glücklich überrascht - und gehemmt zugleich: "Warum gerade wir" fragt jede(r) von ihnen auf seine Weise in das Publikum und sie alle verweisen auf die vielen anderen guten Arbeiten, die sie in den vergangenen Tagen in Berlin während der transmediale gesehen haben.

Dass diese beiden Ereignisse in einem inneren Zusammenhang stehen, soll hier nicht behauptet werden. Hier in Berlin geht es um eine Preisverleihung, die Zeichen setzen will für die Zukunft "der digitalen Medien in Deutschland" und dort in Dresden um eine öffentliche Diskussion um die Bedeutung der Geschichte als Mahnmal der Vergangenheit und Warnung vor der Zukunft. Und doch ist im Spiegelbild dieses anscheinend zufälligen Zusammenhangs deutlich die Stärkte und Schwäche beider Ereignisse besser erkennbar.

Die transmediale.05 "BASICS" sucht nach künstlerischen Arbeiten mit digitalen Technologien. Sie untersuche "die ästhetischen und ethischen Grundlagen einer überdrehten, hyper-potentiellen Kultur" und stelle Modelle der künstlerischen Praxis vor, "deren Ethik nicht auf vergangenen Wertsystemen, sondern auf der Aneignung der extremen und widersprüchlichen Gegenwart basiert".

Zwei Dinge, die beim Lesen dieses Textes auffallen:
Erstens: der diesen Zeilen nachgeschaltete und in dickem rot gehaltene Link mit der Aufforderung nach "MORE" lässt sich nicht aktivieren. Erst nach so manchem Herumsuchen führt ein "work-around" über die rot unterlegte Überschrift auf die ankündigte Themenseite weiter, die alsdann auf "Deutsch" fragt: "globalisation is making societies hyper-potential, open, fractured - what is fundamental, what’s essential, what’s vital?"
Und zweitens ist der hier postulierte Aktualitätsbezug von recht vordergründiger Attraktivität. Er ist hilfreich, den transkategrialen Dialog im Hier und Jetzt zu beflügeln aber zugeleich ein Hemmschuh für die Begreifen des eigenen Diskurses als Zeichen (s)einer Zeit - im Sinne einer Epoche.

"Unsere Erfahrungswelt", so der elektronische Klappentext dieser Veranstaltung, werde "maßgeblich von Technologien geprägt: Internet und Mobiltelefonie verändern soziale Beziehungen, Robotik revolutioniert die Industrieproduktion, während Biotechnologie ein neues Verhältnis zu Natur und Körper erzeugt." Und dennoch: "Obwohl technische Apparate zunehmende Einflussmöglichkeiten und Sicherheit versprechen, erleben wir wachsende Orientierungslosigkeit: Die ethische Frage, was man tun soll und wofür man Verantwortung übernehmen kann, wird überlagert von einer immensen Vielfalt an Optionen".

Und so weiter und so fort: vielleicht ist es systembedingt, sich mit solchen Binsenweisheiten profilieren zu müssen als "das größte und bedeutendste Festival für Kunst und die kreative Anwendung der digitalen Medien in Deutschland". Das sei hier ohne Häme gesagt. Allein, wenn man sich sogleich als Mahner und Ermunterer im Umgang mit den neuen Medien verstehen will, warum wird dann alles, was in diesem mentalen Durcheinander Orientierung geben könnte, aussen vor gelassen. Warum wird der Preis in drei Drittel geteilt aber zugleich die in den letzten Jahren noch bestehende kategoriale Bezüglichkeit aufgegeben? [2]

Um hier Missverständnisse zu vermeiden: es mag gute Gründe geben, selbst diese Bezüglichkeiten über den Haufen werfen zu müssen, dann aber sollte "man" den Mut haben, sich auf eine Arbeit und einen Preis zu einigen oder es ganz sein lassen.

WS.

PS. Inzwischen ist auch der "lux ziffer"-Award nach mehreren Anläufen über die Klinge der Geschichte des Vergessens gesprungen [3] Hätte es ihn noch gegeben, "5voltcore" wären die idealen Kandiaten dafür gewesen.

Aber hätte es ihnen wirklich recht sein können, von einem anonymen Spender 666,- Euro in Empfang zu nehmen für Bilder, die die bizarre Schönheit vor dem Tod extrem belebter Hardware zur Sinngebung ihrer Arbeit machen? Nein, diese jungen Leute haben nichts mit dem vielfachen Sterben in Dresden zu tun. Aber sie zelebrieren mit Erfolg im Hier und Jetzt, was den kriegsführenden Nationen bis heute nicht gelungen ist: einen klinischen Krieg gegen das durch sie aktivierte, abstrahlende und endzündbare Material des Gegeners zu führen - und nicht gegen Menschen. [4]
Summa Summarum: Ein Drittel vom Hauptpreis in Höhe von 8 [andere sagen 9] tausend Euro ist immer noch mehr als ein ungeteilter Betrag in Höhe von 666;-)
Fiat lux!

Anmerkungen

[2Als erster Leserhinweis auf diesen Text kam die Nachricht, dass es einen weiteren Text zu diesem Thema von Herlmut Merschmann in
Telepolis gäbe, die mit dem Satz endet: Mit der Entgrenzung der Wettbewerbskategorien - in den letzten Jahren wurde ein Preis für Medienkunst in den Kategorien Interaktion, Software und Image vergeben; dieses Jahr gibt es keine Kategorien mehr, wohl aber einen Preis - hat sich die ohnehin undurchsichtige Preisvergabe auf der Transmediale eigentlich erledigt. Sie ist das Relikt eines über Bord geworfenen Ästhetizismus und sollte zumindest auf einem politisch ausgerichteten Festival keine Rolle mehr spielen. Mit Hilfe welcher Kriterien ließen sich schon politische Reflexionen bewerten?

[3lux ziffer #3
an anonymous award for those who feed or fight the digital dragon

zum ersten mal wurde der lux ziffer award bei der transmediale.01 vergeben.
lux ziffer #1 ging an Daniel Garcia Andujar für seine CD-Rom Phoney TM, die
illegale zugriffe auf nicht-oeffentliche daten und andere ungesetzliche
internet-aktionen beunruhigend realistisch vortaeuschte.

nun wird der preis, der von einer anonymen person vergeben wird, zur
transmediale.03 neu aufgelegt: es winkt ein preisgeld von 666 euro fuer
solche projekte, die ein ’kannibalistisches, digitales konzept fuer die
zukunft’ verfolgen.

der lux ziffer #3 richtet sich vor allem an diejenigen kuenstler, die sich
keiner scheinbaren gesetzmaessigkeit des digitalen universums unterordnen,
sondern sich herausgefordert fuehlen, diese geschickt und kreativ zu
umgehen, auf zu heben, neu zu deuten oder gar gegen sich selbst zu wenden.

[4Hier zu Erinnerung, was mit Beginn der Transmediale 01 als Grundlagen-Text (nur in Englisch - und Latein - sic!) veröffentlicht worden ist:

In Girum Imis Nocte Et Consumimur Igni (We Go Round and Round in the Night and Are Consumed by Fire)

1666, Gottfried Leibniz published the book ’Dissertatio de arte combinatoria’. In this work he aimed to reduce all reasoning and discovery to a combination of basic elements such as numbers, letters, sounds and colours. He then invented the binary system, the foundation of the digital universe.

1999, a lump of coal is burned every time a book is ordered on-line. It takes about 1 pound of coal to create, package, store and move 2 megabytes of data, which is the equivalent of downloading 2 minutes of music from the internet.

All our fossil memory burns in order to fuel the digital light, the infossil fire.

Lux Ziffer is an award for those who fight and feed the dragon.

Nil Praeter Unum In Omnibus


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