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VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonntag Letzte Bearbeitung: 28. März 2026 um 22h28minzum Post-Scriptum

 

Aus Anlass des 20. Todestages von Martin Kippenberger <- hier der Link zum Wikipedia-Eintrag - ist zu erleben, wie selbst der erst 2025 auf eben dieser Plattform angelegte Link ...

...ins Leere führt

P.S.

Ein Künstler am Abgrund
Von Christiane Hoffmans
Veröffentlicht am 04.06.2006Lesedauer: 4 Minuten

Zu Lebzeiten war der bissig-ironische Martin Kippenberger der Schrecken der Kunstszene. Neun Jahre nach seinem Tod widmet ihm die Kunstsammlung NRW K 21 in Düsseldorf eine große Retrospektive

"Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden", sagte Martin Kippenberger und kritisierte damit den Geniekult, der das 19. und 20. Jahrhundert bestimmte. Der als "enfant terrible" verschriene Maler und Bildhauer verkörperte in den 80er und 90er Jahren ein neues Bild vom Künstler. Vielleicht ist es eben diesem neuen ironisch, zynischen Lebens- und Überlebenskonzept zu verdanken, daß Kippenbergers Kunst lange nur von einem kleinen Kunstkreis geschätzt wurde.

Jetzt, neun Jahre nach seinem Tod im März 1997, findet in der Düsseldorfer Kunstsammlung K21 eine großangelegte Würdigung seines künstlerischen Werkes statt. Zuvor war die Schau in der Londoner Tate Modern gezeigt worden.

Gemälde und Installationen vom Anfang der 80er Jahre bis ins Jahr 1997 haben die Kuratorinnen zusammengetragen. Sie haben für die Ausstellung ein Konzept entwickelt, das sich an den Grundthemen des Künstlers und des Menschen Kippenberger orientiert, aber auch einen chronologischen Überblick über sein Schaffen gibt.

Empfangen wird der Besucher in der Eingangshalle des Museum mit "The Happy End of Franz Kafka’s ,Amerika’". Darin versucht Kippenberger Kafkas früh begonnenen, aber nie vollendeten Roman "Amerika" mit einer raumgreifenden Installation fortzuschreiben.

"The Happy End of Franz Kafka’s "Amerika’" ist ein Arrangement unterschiedlichster Tische und Stühle, die gruppenweise auf einem grünen Spielfeld plaziert sind. Der Betrachter denkt an Tisch- oder Bewerbungsgespräche, an Bürokommunikation. Die seitlich plazierten Hochsitze erwecken den Eindruck, jemand könne die unterschiedlichen Formen gesellschaftlichen Miteinanders ordnen. Austausch, Konfrontation und Kooperation sind wichtige Themen im Werk Kippenbergers, wobei er auch vor der rückhaltlosen künstlerischen Verarbeitung seines eigenen Lebens nicht halt machte.

Ohne Rücksicht auf politisch korrekte Gesinnungen und auf den sogenannten guten Geschmack formulierte er sein künstlerisches Programm. "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen", nannte er 1984 beispielsweise ein Gemälde, aus dessen Konstruktion sich eben jenes Zeichen zusammensetzen läßt. Rassismus- und Nazismusvorwürfe erntete er dafür.

Kippenbergers künstlerische Antwort: "Martin, ab in die Ecke und schäm’ dich". Das ist eine lebensgroße vollplastische bekleidetet Männerfigur. In der Düsseldorfer Schau gibt es drei Ausführungen davon, die in verschiedenen Ecken des Hauses plaziert sind.

Die Reflexion von Kindheit und Familienleben ist ein weiteres Thema, das Kippi, wie Freunde den 1953 in Dortmund geborenen Künstler nannten, immer wieder beschäftigte. "Kaputtes Kind" oder "Muttergedächtnisstube" sind Arbeiten aus der Mitte der 80er Jahre, die sich ironisch dem Problemfeld bürgerliche Familie widmen.

Als Junge unter vier Schwestern scheint seine Jugend nicht ohne Reibungen verlaufen zu sein. Denn er brach bereits mit 15 Jahren die Internatsschule ab, schmiß seine Lehre und machte erste Drogenerfahrungen. Er studierte bei Rudolf Hausner und Franz Erhard Walter an der Kunsthochschule in Hamburg. Stets auf der Suche, probierte sich der Künstler in wechselnden Rollen aus, agierte als Schriftsteller, Musiker, Museumsdirektor.

Kippenbergers Leben war Bewegung: Berlin, Florenz, Stuttgart, St. Georgen, Köln, Paris, Los Angeles... "Immer wieder ging er mit der Absicht, zu bleiben", schreibt seine Schwester Susanne im Katalog der Ausstellung. "Bitte nicht nach Hause schicken", heißt eins seiner Selbstporträts, auf dem er "guckt wie ein Flüchtlingskind". Auf einem anderen steht: "Nicht zu Hause schlafen müssen."

"Die Kunst war nicht Abbild seines Lebens, sie war sein Leben", erinnert sich Susanne Kippenberger. "Wer sich dem Abgrund stellt, muß sich nicht wundern, wenn er fliegen kann", ist auf einem Gemälde zu lesen. "So hat er gearbeitet, so hat er gelebt - immer unterwegs, immer am Abgrund lang."

Im Werk Kippenbergers taucht immer wieder der Aspekt bitterer Komik auf. So etwa, wenn er einen Frosch, eines der Symbole für den Künstler selbst, als Schmerzensmann an ein Kreuz schlägt. Oder etwa in einem Gemälde von 1983, das in der oberen Hälfte einen sitzenden Frauenakt mit gespreizten Beinen zeigt, im unteren Bereich den Titel trägt "Ich heize durch pumpen". Hölzerne Frösche ließ Kippenberger übrigens von Herrgottschnitzern in Tirol nach seinen Entwürfen herstellen.

Was bedeutet Originalität, wenn eigentlich die Idee zählt, könnte man mit Kippenberger fragen. So ließ Kippenberger für die Kölner Ausstellung "Heavy Burschi" seine Bilder nach Skizzen und Fotovorlagen von anderen malen. Auch für die Serie "Lieber Maler, male mir", die er 1981 konzipierte, heuerte er einen Werbemaler an. Das war als provokante Geste gegen die damals angesagten Malerstars der "Jungen Wilden" und der "Mülheimer Freiheit" gedacht. Diese frühe Serie ist programmatisch insofern, als sie bereits die Methode Kippenbergers erkennbar macht. Er inszenierte ein Spiel mit vielen Stilen und Ansätzen, jonglierte mit einer Fülle von Anspielungen und Querverweisen.

"The Happy End of Franz Kafka’s "Amerika’" hat Kippenberger einmal sein Meisterwerk genannt. Er hat den Roman nie ganz gelesen. Das war vielleicht typisch für ihn. Denn zum Lesen hatte dieser rastlose Mann keine Geduld.

 Kunstsammlung NRW K21,

Düsseldorf; 10.6. bis 10.9. 2006

https://www.welt.de/print-wams/article143116/Ein-Kuenstler-am-Abgrund.html