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Die inter-nationale Wahl-Nachlese in den Zeitungen

Dienstag 22. September 2026, von Dr. Wolf Siegert

Die Presseschauen aus deutschen und internationalen Zeitungen im Deutschlandfunk vom 22. September 2026:

„Die Ostwahlen waren im Grunde Abstimmungen über Merz mit regionalem Anstrich“, analysiert die VOLKSSTIMME aus Magdeburg: „Einen produktiven Reformgeist mit eigener, konservativerer Duftnote hatte der Parteichef versprochen und bislang nichts davon geschafft. Es gibt in Deutschland eine entwickelte Sehnsucht nach purem Konservatismus. Findet die CDU nicht dahin zurück, wird sie irgendwann nicht mehr gebraucht“, prognostiziert die VOLKSSTIMME.

„Als angezählter Parteichef und Kanzler hat Merz jetzt nur noch die Wahl, die er gleich nach Schließung der Wahllokale verkündete: an seinem Reformkurs festzuhalten“, findet die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG: „Ginge die SPD klar auf Schwesig-Kurs, dann bliebe dem Kanzler nichts anderes übrig, als die Vertrauensfrage zu stellen oder die Minister der SPD gleich zu entlassen. Auch die Sozialdemokraten sollten sich gut überlegen, ob sie wollen, was dann folgen könnte. ‚SPD pur‘ würde es nicht einmal in einem rot-dunkelrot-grünen Bündnis geben, das man dieser Republik wahrlich nicht wünschen kann. Möglicherweise brächte eine Neuwahl nach politischem Chaos aber auch eine Partei an die Macht, die nicht blau ist, sondern braun. Deren Wahlsieg in Mecklenburg-Vorpommern konnte nicht einmal die Frau gegen Blau verhindern“, notiert die F.A.Z.

„Jetzt muss mehr kommen als die weitgehend folgenlosen Ankündigungen der vergangenen Wochen“, fordert die AUGSBURGER ALLGEMEINE: „Die gute Nachricht: Es sind Anzeichen erkennbar, dass es dieses Mal anders läuft. Dass Friedrich Merz öffentlich etwa das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung infrage stellt, das kann man nun für richtig oder falsch halten. Zumindest aber zeigt es: Da ist noch jemand bereit, zu kämpfen und auch grundlegende Überzeugungen infrage zu stellen“, merkt die AUGSBURGER ALLGEMEINE an.

„In einem hat Friedrich Merz recht“, hält das DARMSTÄDTER ECHO fest: „Die aktuellen Probleme der CDU reichen weit über seine Person hinaus. Man kann dem Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden vieles vorwerfen. Doch dass er allein seine Partei an den Abgrund geführt habe, ist ein Märchen. Insofern ist es naheliegend, dass Präsidium und Vorstand sich am Tag nach der Vollkatastrophe in Mecklenburg-Vorpommern um ihren Chef scharen. Es hülfe der Partei derzeit wenig, ihren Vorsitzenden und damit auch den Kanzler in die Wüste zu schicken. Für Merz ist das eine vorläufige politische Lebensversicherung. Wie lange sie hält, kann niemand seriös voraussagen. Trotz aller Treueschwüre wirkt Merz wie ein Kanzler auf Abruf. Es erscheint kaum vorstellbar, dass ihm die politische Wiederauferstehung gelingt“, befürchtet das DARMSTÄDTER ECHO.

Die NÜRNBERGER ZEITUNG unterstreicht: „Beim Wahlvolk gibt es ohnehin momentan nicht mehr viel zu verlieren, insofern war Kanzler Merz auf dem richtigen Weg, als er in seiner kurzen Rede unmittelbar nach Schließung der Wahllokale nicht einknickte. Er kann in den zwei verbleibenden Jahren tatsächlich das Wohl des ganzen Volkes, also auch der Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen, ins Auge fassen. Dann würde er als Reformkanzler in die Geschichte eingehen. Dazu muss er einigen Partei- und Koalitionsfreunden aber die Sümpfe trockenlegen, in denen etliche Milliarden an Steuereinnahmen versinken. Ob es danach noch zu einer Mehrheit für ihn in der Partei reicht, könnte ihm in seinem Alter und bei seiner sozialen Stellung eigentlich egal sein“, heißt es in der NÜRNBERGER ZEITUNG.

Schauen wir auf die Wahl des Abgeordnetenhauses in Berlin. Die TAGESZEITUNG – TAZ – sieht den Wahlsieg der Linkspartei als eine Chance: „Elif Eralp verkörpert glaubwürdig, dass Berlin unter ihr als Regierende Bürgermeisterin anders wird: gerechter, bezahlbarer, lebenswerter. Doch der Antisemitismus – oder zumindest die Sympathie für Antisemiten – in Teilen ihrer Partei bedroht das Projekt. Nicht nur moralisch, sondern auch politisch. Insbesondere verirrte Mitglieder im Bezirk Neukölln werden so zur echten Gefahr für progressive Politik“, warnt die TAZ.

„Der Erfolg der Partei in der Hauptstadt ist nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer teils israelfeindlichen Positionen zustande gekommen“, meint die RHEINPFALZ aus Ludwigshafen: „Die Parteiführung um Eralp scheint allerdings nicht willens oder nicht in der Lage zu sein, dieses Problem innerhalb der Partei konsequent zu bekämpfen. Und so droht die Berliner Linkspartei ihre politische Orientierung zu verlieren und für Antisemitismus anschlussfähig zu werden. Doch wer antisemitische Ausfälle duldet, relativiert oder als vermeintlich legitime ‚Israelkritik‘ tarnt, trägt politische Verantwortung dafür, dass sich Juden in Berlin nicht sicher fühlen. SPD und Grüne sollten sich sehr genau überlegen, ob sie mit einer Partei koalieren wollen, die beim Antisemitismus wegschaut“, ist in der RHEINPFALZ zu lesen.

Das Magazin CICERO schreibt: „Wenn die SPD zumindest in Erwägung zieht (und die Grünen sich nichts sehnlicher wünschen), als mit antisemitisch grundierten Linkspopulisten eine Koalition einzugehen, dann möge es eben bitteschön auch so kommen. Die entsprechende Mehrheit dafür ist seit diesem Sonntag vorhanden, und Berlin war schon oft ein Spielfeld für zum Scheitern verurteilte politische Experimente. Die ganze Welt möge dann in fünf Jahren auf diese Stadt schauen und ihre eigenen Rückschlüsse daraus ziehen. Das Urteil wird mit geradezu naturgesetzlicher Sicherheit vernichtend sein, aber dann war das Ganze ja immerhin zu etwas gut – zumindest außerhalb Berlins“, mahnt CICERO.

Auch der WESER-KURIER aus Bremen ist der Ansicht: „Bevor Eralp nicht nachhaltig alle Verbindungen ihrer Partei zu Antisemiten gekappt und kein wirklich überzeugendes Konzept zu einer rationalen Wohnungsbaupolitik vorgelegt hat, dürfen Grüne und SPD sie niemals auch nur in die Nähe des Chefsessels im Roten Rathaus lassen. Denn die Hauptstadt ließe sich bequem auch aus der politischen Mitte heraus mit dem CDU-Mann Evers regieren.“ Soweit der WESER-KURIER.

Die chinesische Tageszeitung JIEFANG RIBAO fasst zusammen: „Während die rechtsextreme AfD in Mecklenburg-Vorpommern zur stärksten Partei geworden ist, scheiterte die CDU von Bundeskanzler Merz zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland an der Fünf-Prozent-Hürde. Wie kann es sein, dass die Christdemokraten, eine Volkspartei, die in der Vergangenheit für Kompetenz in der Wirtschaftspolitik stand, ein weiteres Mal bei Landtagswahlen solche Schlappen erlitten hat? Durch die zunehmende Abwanderung der Wähler zu den politischen Rändern wurden die Spekulationen weiter angeheizt, ob sich Merz noch lange im Amt halten kann. Die Ergebnisse von Landtagswahlen lassen sich aber nicht so einfach auf die Bundesebene übertragen. Merz und seine Union brauchen nun eine gute Portion Durchhaltewillen und müssen darauf hoffen, dass die von ihm angestoßenen Reformen greifen und wieder zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse führen werden“, notiert JIEFANG RIBAO aus Shanghai.

Der KURIER aus Wien merkt an: „Wie es aussieht, wenn Parteien in schierer Verzweiflung ständig ihre Parteispitzen bzw. Regierungschefs absägen, kann man in Großbritannien verfolgen: sechs Premiers in sieben Jahren. Was hat es gebracht? Die rechtspopulistische Reform UK von Nigel Farage wächst und wächst... So wie rechtspopulistische bis rechtsextreme Parteien in ganz Europa seit fast zwei Jahrzehnten wachsen und wachsen“, stellt der österreichische KURIER fest.

„Die Merz-Katastrophe. Was bedeutet das für Polen?“, fragt die polnische GAZETA WYBORCZA und schreibt: „Merz hat sich – anders als Merkel – nicht daran beteiligt, den russischen Diktator zu beschwichtigen, und ihm lastet keine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland an. Die geringe Zustimmung für den derzeitigen deutschen Bundeskanzler hat auch nichts mit seiner Politik gegenüber der Ukraine und Russland zu tun. Unter der Führung von Merz steckt Deutschland in der Stagnation fest. Ungelöst bleiben die Probleme der immer teureren Energie und der zunehmend maroden deutschen Infrastruktur. Gewinnerin ist hingegen die AfD, die auf Radikalismus setzt. Ihre Erfolge stellen aus Sicht der polnischen Sicherheit die größte Bedrohung dar“, notiert die GAZETA WYBORCZA aus Warschau.

„Aus Luxemburger Perspektive galt die Sorge lange vor allem unserem südlichen Nachbarn, wo mit einer Machtübernahme der Rechtspopulisten um Marine Le Pen zu rechnen ist“, bemerkt das LUXEMBURGER WORT. „Doch mit dem Auftrieb der AfD ist auch das politische System in unserem bislang viel stabileren östlichen Nachbarland ins Wanken geraten. Was also tun? Weiterhin gebetsmühlenartig vor der AfD zu warnen, wird kaum etwas bringen. Sinnvoller wäre es, sich ehrlich zu machen und Versäumnisse einzugestehen. Das humanitäre ‚Wir schaffen das‘ Merkels etwa war eine historische Errungenschaft, auf welche die deutsche Gesellschaft stolz sein darf. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass damals viel Naivität im Spiel war. Spätestens ab der Kölner Silvesternacht brodelte es. Vertrauen lässt sich nicht mit Sonntagsappellen, sondern nur mit ehrlicher Selbstkritik zurückgewinnen“, erinnert das LUXEMBURGER WORT.

Der FIGARO aus Frankreich rückt die Wahlen in einen gesamteuropäischen Kontext: „Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sich die Europäer für Monate mit einem Deutschland auseinandersetzen müssen, das sich primär seinen internen Problemen zuwendet. Dies zeigt sich schon in einer Verschärfung der Immigrationspolitik und einer lebhaften Debatte über den Fortbestand der Ukrainehilfen. Was jedoch Deutschland betrifft, hat auch Auswirkungen auf seine Nachbarn – von denen die Hälfte im kommenden Jahr wählen. Der Schmerz des Merz droht, auch in Europa zur Regel zu werden“, warnt der FIGARO aus Paris.


Aus der Zeitung DIE WELT vom 24. September zitiert Ulrike Timm in der Kulturpresseschau in der Sendung Fazit vom 23. September 2026:

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