"Pinkville" DSE: 24-8-1971

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonntag Letzte Bearbeitung: 25. August 2025 um 00h13minzum Post-Scriptum

 

Pinkville

Schauspiel von George Tabori
aus dem Englischen von Peter Hirche und Volker Ludwig
Musik von Stanley Walden

UA: 12.08.1970 Stockbridge, Festival

The Theater: ‘Pinkville’ Rages at War’s Brutality
By Clive Barnes in The New York Times, March 18, 1971

DSE: 24.08.1971 Berlin, Dreieinigkeitskirche

Starker Start mit George Tabori
von Burghart Klaußner und Thomas Irmer
Erschienen in: backstage: KLAUSSNER (09/2019)
Auszug aus "Theater der Zeit"

Skandalinszenierung als Vorsprechen

Noch während des Schauspielstudiums hatte ich mit Tabori Pinkville gemacht, ein Stück gegen den Vietnamkrieg. Meine allererste Theaterarbeit überhaupt. Zur Zeit der Schauspielschule, Max-Reinhardt-Schule genannt, heute UdK. Damals war der Name Max-Reinhardt-Schule noch präsent. George Tabori, der gerade mit seinem Stück Kannibalen am Schillertheater richtig berühmt geworden war, kam zu uns in den zweiten Jahrgang, und die Schulleitung sagte, er wolle mit uns ein Stück machen, wir sollten ihm ein bisschen vortanzen. Das war alles sehr angenehm, weil er von großer amerikanischer Freundlichkeit war. Er wirkte wie ein wirklich achtzigjähriger Greis, obwohl er gerade fünfzig geworden war, denn er sprach sehr langsam und sehr tief und man hatte das Gefühl, er kommt gar nicht mit. Das war natürlich weit gefehlt. Er hat dann unseren Jahrgang komplett engagiert und noch ein, zwei Leute aus dem Jahrgang drüber. Wir begannen ein Stück namens Pinkville zu proben, der originale Codename für das Dorf My Lai, das angelehnt war an die Geschichte von Jesus Christus. Leutnant Calley, der Hauptkriegsverbrecher, der befohlen hatte, die Zivilbevölkerung auszurotten, ist da gleichzeitig eine Christus-Figur. Ein ziemliches Durcheinander von Bildern. Vor allem aufgehängt an der Figur von Jesus Christus – die Hauptfigur ist also gleichzeitig Täter...

Verdorrtes Herz
15.08.1971, 13.00 Uhr • aus DER SPIEGEL 34/1971

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig? [1].

George Taboris Vietnam-Lehrstück »Pinkville«, als Festwochen-Inszenierung wegen »antiamerikanischer« Tendenzen abgelehnt, wird nun doch in Berlin gespielt — von Schauspielschülern in einer Kirche.

Altenheimbewohner in Berlin-Buckow fühlten sich gestört. Weil aus der Kirche nebenan bis spät in die Nacht erregte Wortwechsel, harte Beat-Rhythmen und kriegerische Gesänge tönten, beklagten sie sich beim Pfarrer.

Grund des Lärms und der Beschwerde: Im Gotteshaus, der evangelischen Dreieinigkeitskirche in der Lipschitzallee, wird seit einigen Wochen ein Theaterstück geprobt. Der US-Autor George Tabori, 57 ("Kannibalen"). inszeniert dort sein jüngstes Werk »Pinkville« — eine »Totenmesse für die Opfer von My Lai«. Ende dieser Woche soll das theatralische Requiem seine europäische Premiere haben.

»Pinkville«, so hieß verschlüsselt das Gebiet um jenes vietnamesische Dorf, in dem US-Soldaten unter dem Kommando des Oberleutnants Calley 1968 über 100 Frauen, Kinder und Greise massakrierten. Eine Messe aber, sagt Tabori, »ist schließlich nichts anderes als eine Mordgeschichte mit Musik und bekannten Zitaten«.

Dieses Thema hatte Tabori gefunden, als er My-Lai-Photos in der Zeitschrift »Life« betrachtete: Er erschrak darüber, daß er »mehr Bewunderung für die Qualität der Aufnahmen« verspürte als »Entsetzen über die gezeigten Greuel« - Sein Schrecken drängte ihm Fragen auf, Fragen »nach dem Grund des Bösen«.

»Ich gab ihnen einen guten Jungen, und sie haben aus ihm einen Mörder gemacht«, hatte die Mutter des am Gemetzel beteiligten Soldaten Paul Meadlo geklagt. Tabori will nun, ähnlich wie sein Vorbild Brecht (in »Mann ist Mann"), zeigen, daß Drill den Mann zur willenlosen Kampfmaschine »ummontieren« kann.

Das geht ganz einfach, demonstriert Tabori in zwölf »Lektionen«. Es geht mit Zynismus, Brutalität und der Ausbildungsordnung jener US-Marinesoldaten, die sich gern als »beste Kampf-Organisation der Welt« bezeichnen.

Nach diesem Reglement wird Taboris Held, ein Jerry O’Carey, gedemütigt, geprügelt, eingesperrt, verhöhnt; er desertiert, er versucht sich umzubringen, erliegt am Ende doch der Seelen- und Gehirnwäsche sadistischer Driller und gibt den Befehl: »Nichts darf übrigbleiben, was lebt!«

Für seine »Lektionen«, die durch Songs in der Art von Brecht verbunden werden, hat Tabori Material aus Dienstvorschriften, Ausbildungs-Reports aus dem Calley-Prozeß und GI-Underground-Zeitschriften ausgewertet. Das Resultat: eine grausige Groteske über die Obszönitäten des Krieges.

Oberleutnant Calley allerdings, der sich den Text frühzeitig verschafft hatte. muß das wohl mißverstanden haben. Er bewarb sich - vergebens - bei Tabori um eine Rolle in der Uraufführung. Als das Lehrstück dann im März dieses Jahres in New York auf die Bühne gekommen war, registrierte die »Neue Zürcher Zeitung« »antiamerikanisches Polittheater«.

Doch der Stückeschreiber, ein jüdischer Emigrant aus Ungarn. hatte »weder politische Denunziation noch ein historisches Dokument« im Sinn. »Mein Stück«, so moralisiert er, »richtet sich gegen die allgemeine Apathie. gegen das verdorrte Herz.«

In Berlin, wo Tabori seit kurzem als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes lebt, hat »Pinkville« schon vor der Premiere falsche, politische Reaktionen hervorgerufen:

Der Plan, das Stück vom Schiller-Theater zu den Festwochen spielen zu lassen, wurde verworfen, als der Vertreter des Bundes im Festspielkuratorium, Staatssekretär Wolfram Dorn, aus der »Pinkville«-Kritik der »NZZ« zitierte. Nun entdeckte auch das Schiller-Theater, das die Inszenierung ursprünglich schon für die vergangene Saison angekündigt hatte, entscheidende Termin- und Besetzungsschwierigkeiten.

Unterstützung fand Tabori statt dessen bei den freien Theaterproduzenten Wilmar Guertler und Ottokar Runze, die für eine »Pinkville«-Inszenierung 50 000 Mark bereitstellten. Gemeinsam machten sie die erst kürzlich geweihte Buckower Kirche als — mietfreien — Spielplatz ausfindig und engagierten 13 Schauspielschüler aus dem Reinhardt-Seminar sowie, als Soldatenmutter, die Jazz-Vokalistin Inge Brandenburg.

Die Darsteller, an die 50 Prozent der Einnahme verteilt werden sollen, müssen gleichzeitig Beleuchter, Tonmeister, Requisiteure, Bühnenarbeiter und Putzfrauen ersetzen. Sie mußten sich auch mit einem ungewohnten Regiestil abfinden: Nach Exerzitien in Meditation und Gruppentherapie forderte Tabori Spiel-Improvisationen, und immer wieder warf er um, was schon fest arrangiert schien. Auch seinen Text hat Tabori in den letzten Wochen »mindestens sechsmal« umgeschrieben.

Die Proben hält Tabori öffentlich ab. Häufige Gäste: die Nachbarn aus dem Altenheim, mit denen das Ensemble mittlerweile Frieden geschlossen hat. Auch eine weitere Beschwerde hat sich nun erledigt: Das Berliner »Pinkville«-Plakat, das eine Kreuzigung in Schnittbogen-Manier zeigt, war einem anonymen Berliner eine Anzeige wegen Gotteslästerung wert gewesen. Letzte Woche wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt.

Hier zwei Screenshots aus der Aufzeichnung des Senders Freies Berlin

Peter Kock | Burghart Klaussner
© SFB

P.S.

Ausgewählte zuvor auf dieser Plattform veröffentlichte Beiträge, die in diesem Zusammenhang von Interesse sein könnten:

vom 05. Dezember 2023: Listen to Stanley Walden
vom 05. April 2021: "he ain’t gonna die..."
vom 14. Jänner 2019: A New Years’ Application
vom 16. März 2018: † Mỹ Lai: 16. März 1968
vom 12. April 2017: † Michael
vom 24. Mai 2004: TABORI’s Geburtstag
vom 31. Jänner 2004: Treff mit Tabori

Anmerkungen

[1

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