Familienunternehmer-Verband: Mitgliederschwund

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 2. Dezember 2025 um 23h21minzum Post-Scriptum

 

Die Drogeriemarktkette Rossmann verlässt den Verband der Familienunternehmer wegen dessen Öffnung für Gespräche mit der AfD.

Eine Sprecherin des Unternehmens teilte mit, man unterstütze die neue Haltung nicht und habe deshalb die Mitgliedschaft gekündigt. Der Verband hatte im Oktober zu einem Parlamentarischen Abend in einer Niederlassung der Deutschen Bank in Berlin erstmals auch Vertreter der AfD eingeladen. Präsidentin Ostermann hatte zuletzt erklärt, mit Andersdenkenden zu diskutieren, heiße nicht, deren Positionen zu akzeptieren. Zugleich betonte sie, man wolle keine Regierung mit Beteiligung der AfD, weil deren Weltbild nicht zur freiheitlichen und marktwirtschaftlichen Grundüberzeugung des Verbandes passe. Inzwischen erklärte auch der Hausgerätehersteller Vorwerk, man habe entschieden, die bereits seit längerer Zeit ruhende Mitgliedschaft nicht wieder aufleben zu lassen und auch formal aus dem Verband auszutreten. Das Unternehmen hatte sich zuvor bereits kritisch zu den jüngsten Entwicklungen geäußert.

Zuletzt hatte auch die Deutsche Bank reagiert und einen Vertrag für künftige Veranstaltungen des Verbandes in ihrer Berliner Repräsentanz gekündigt. Allerdings wird das Geldhaus auf der Webseite des Verbandes weiterhin als Partner genannt

Diese Nachricht wurde am 26.11.2025 im Programm Deutschlandfunk gesendet.

P.S.

Kommentar in der FRANKFURTER ALLGEMEINEn ZEITUNG:

„Die Vorstellung, die gesamte Wirtschaft könne Kontakte mit einer Partei vermeiden, die in den Umfragen bei rund 25 Prozent liegt und in vielen Parlamenten vertreten ist, muss als wirklichkeitsfremd bezeichnet werden. Die Wut und die Verachtung, die manche Vertreter von Unternehmen hinter verschlossenen Türen über die Regierung zeigen, erreichen mittlerweile ein erschreckendes Maß. Der Verband tut sich jedoch keinen Gefallen mit Bekundungen, man suche den Kontakt zur AfD, um sie zu entzaubern. Das erinnert an die Naivität mancher deutscher Wirtschaftsführer aus den Jahren 1928 bis 1932. Die AfD ist in Teilen verfassungsfeindlich und sie vertritt außenpolitische Positionen, die geeignet sind, dieses Land ins Unglück zu stürzen.“

Kommentar im MÜNCHNER MERKUR:

„Drei Viertel der Unternehmer, ergab gerade eine neue Umfrage, sind unzufrieden mit der Politik der Regierung. Nun kann reden ja nicht schaden. Doch wenn Frau Ostermann mit Alice Weidel spricht, wird sie vermutlich anderes zu hören kriegen als, sagen wir, von Björn Höcke. Der vertritt anders als Weidel keine wirtschaftsliberale Agenda, sondern eine national-soziale. Die AfD will das Rentenniveau nicht wie die Regierung bei 48 Prozent des letzten Nettoeinkommens festschreiben, sondern sogar bei 70 Prozent und das aus dem klammen Bundeshaushalt finanzieren. Das passt so gar nicht zu den Erwartungen der Arbeitgeber an eine Reformpolitik, die Betrieben wieder Luft zum Atmen gibt. Dennoch: Im Mittelstand und großen Teilen der Handwerkerschaft hat die AfD längst Fuß gefasst. Die Wirtschaft stellt sich darauf ein, dass nach den Wahlen im Osten die AfD auch in Regierungsverantwortung gelangen könnte.“

Das Thema ist Gegenstand in den Abendnachrichten von ZDF ...

© ZDF heute

... und ARD:

© ARD tagesschau
© ARD tagesschau

Am Monatsende dann die Kehrtwende. Birgid Becker am 01. Dezember 2025 im Wirtschaftsgespräch im Deutschlandfunk ab 07:35 Uhr:
Familienunternehmer-Verband vollzieht komplette Kehrtwende

Nach heftiger Kritik distanziert sich der Verband „Die Familienunternehmer“ von seinem Öffnungskurs gegenüber der in Teilen rechtsextremistischen AfD. Dies sei ein Fehler gewesen. Zuvor waren zahlreiche Mitglieder auf Distanz zu ihrem Verband gegangen.

Kontroverse um AFD-Brandmauer und Familienunternehmer

Kommentare vom 2. Dezember 2025

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG:

„Ob Präsidentin Ostermann die Kehrtwende verinnerlicht hat, bleibt fraglich. In der Mitteilung zur neuen Linie fehlt jede Aussage zur ‚Brandmauer‘, jener Prämisse, dass demokratische Parteien nicht mit Verfassungsfeinden kooperieren sollten. Dabei waren gerade ihre Aussagen dazu der problematische Kern der Kommunikation.“

Die RHEINPFALZ:_

„Was genau der Verband sich von einem Treffen mit AfD-Politikern erhofft hat, bleibt schleierhaft – angesichts der fulminant konträren AfD-Positionen beispielsweise zum europäischen Binnenmarkt oder zur für viele Firmen wichtigen Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften. Außerdem dürfte ein weiteres Motiv für die erneute Kehrtwende im Eigeninteresse vieler Unternehmer liegen. Einige Firmenchefs fürchteten wohl – nicht ganz unbegründet – wirtschaftliche Konsequenzen, wenn eine Verbandsmitgliedschaft das eigene Unternehmen in die Nähe der Rechtsaußenpartei rückt.“

Die F.A.Z.:

„Die politische Ratlosigkeit ist groß. Und auch in den anderen Wirtschaftsverbänden, die sich eilig von dem kleinen Familienunternehmerverband distanziert haben, wird über den Umgang mit den Rechtspopulisten debattiert. Eine Partei, der ein Viertel der Wähler derzeit ihre Stimme geben würden, lässt sich nicht per ‚Brandmauer‘ aus Betrieben entfernen.“