P.S.
In Gefahr und gro[e]sser NOTH bringt der Mittelweg den Tod
Schriftzug an einer Zimmertür in einem besetzten Haus Ecke Schumannstraße / Bockenheimer Landstraße in Frankfurt am Main, auf den die Kamera in der ersten Szene des Films zufährt.
Bei der eigenen Nachlese fand ich besonders beeindruckend und damit bemerkenswert den Nachruf von Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau:
Zum Tod von Alexander Kluge – Er war ein Wunder
Um diesen lesen zu können, hatte ich alle weit über einhundert Fremdgänger in dem Browser meines Rechners akzeptiert - und das will wahrlich was heissen [2].
Nachruf auf Alexander Kluge, der 94 Jahre alt wurde.
Das jüngste Foto von Alexander Kluge, das ich kenne, stammt vom Januar 2026.
Er stützt sich mit der rechten Hand auf einen Stock, in der Linken hat er, wie fast immer, etwas zu lesen dabei. Die Augen sind groß. Wie sie es immer waren. Aber sie scheinen verhangen. Er sieht die Welt nicht mehr. Er ist 94 Jahre alt. Es ist ein tieftrauriges Foto. Wer es betrachtet, wartet stündlich auf seinen Tod. Als seine Schwester im Juni 2017 starb, rechnete ich nicht damit, dass er sie so lange überleben würde. Aber ich habe ihn schon sehr lange nicht mehr gesehen. Ich war erschrocken, als ich dieses Foto sah.
Alexander Kluge war ein Wunder. Er wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt geboren. Er war dabei, als seine Heimatstadt am 8. April 1945 zu 80 Prozent zerstört wurde. Er studierte Jura, Geschichte und Kirchenmusik. Sein juristisches Referendariat absolvierte er am Frankfurter Institut für Sozialforschung bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Ich weiß nicht, warum und wie er darauf gekommen war. Adorno, so heißt es, sei sein Mentor geworden. Das ist sicher völlig richtig. Aber ich gehe davon aus, dass Kluge ein klitzeklein wenig auch zum Mentor des Instituts geworden war. Jedenfalls soll er ihm schon in den 50er Jahren beratend zur Seite gestanden haben.
Alexander Kluge war ein gewiefter Jurist. Wie gut er in diesem Metier war, zeigte sich wieder einmal bei der Einführung des Privatfernsehens. Kluge überzeugte die SPD davon, ihr Einverständnis dazu nur zu geben, wenn zu schaffende Privatsender ein Fenster für politische Sendungen im Sinne des Öffentlich-Rechtlichen zulassen würden. Am 1. Januar 1984 startete SAT1, am Tag darauf RTL. 1987 gründete Alexander Kluge die dctp (Development Company for Television Program mbH, deutsch: „Entwicklungsgesellschaft für Fernsehprogramm“).
Das ist „eine Plattform für unabhängige Anbieter im deutschen Privatfernsehen. dctp sendet mit eigener redaktioneller Verantwortung in Programmfenstern der Fernsehsender RTL, Sat.1, VOX und im Rahmen von PresseTV auf SRF 1 und SRF info. Außerdem betrieb dctp von 2001 bis 2006 gemeinsam mit Spiegel TV den Fernsehsender XXP. Die Anteile von dctp und Spiegel TV an XXP wurden bereits im Januar 2006 zu 98 Prozent und im August 2006 vollständig an den US-Medienkonzern Discovery Communications veräußert”, so Wikipedia.
Ein überaus geschickter Jurist und Unternehmer war er noch dazu. Aber zuallererst hatte ich ihn als Autor kennengelernt. „Schlachtbeschreibung“ erschien am 1. Januar 1964. Er war mir zu experimentell. Kein durcherzähltes Buch, sondern eine Assemblage unterschiedlicher Zeugnisse und auch Textformen. Er hatte ganz offenbar nicht im Kopf, der Tolstoi Stalingrads zu werden. Es dauerte lange, bis mir klar wurde, dass gerade darin – verzeihen Sie den Ausdruck – das Genie Kluges lag. Er verstand sich darauf, genau das zu machen, was er konnte.
Und wichtiger noch: das machend lernte er dazu. Ich konnte ihm eine Weile dabei zusehen, wie er arbeitete. In seinen Zimmern standen Tische. Jeder Tisch stand für eine Arbeit. Er schien sich von der einen bei der anderen zu erholen. Dabei schien er unentwegt Musik zu hören. Opern. Ich habe ihn nie mitsingen oder summen gehört. Aber sie floss in jeden seiner Texte, dachte ich mir. Als ich seine Texte genauer las, verstand ich, dass die Musik wohl eher dazu diente, die frei zu halten von ihr. Verdi und Puccini – an Mozart kann ich mich nicht erinnern –, das war exakt die Art von Erzählung, der er nicht folgte. Gegen die er sich sogar positionierte.
In den Filmen verband sich alles mit allem
Schon 1962 war da das Oberhausener Manifest, die Geburtserklärung des Neuen Deutschen Films. Er gründete übrigens damals schon seine Firma „Kairos-Film“. Ein Unternehmer. Seine Filme begeisterten mich. Anders als die „Schlachtbeschreibung“. Dass sich im Film alles mit allem verbinden konnte, war eine große Entdeckung. Dass der Schnitt nicht nur trennte, sondern Dinge zusammenbrachte, entdeckte ich erst dort. Allerdings gab es ein Bindemittel in ihnen: Alexandra Kluge, seine Schwester. Sie war immer da, Koffer schleppend. Aber doch auch dieses klare, die Filmleinwand erhellende Gesicht. Sie trug ihn und uns durch seine Filme. Aus der kleinen Welt, in der wir lebten, in die Zirkuskuppeln der Schönheiten der Abstraktion.
So: Und damit habe ich - widerrechtlich? - Arno im vollen Wortlaut zitiert. Und wenn mir dieses (s)eine persönliche Rüge eintragen würde, umso besser. Denn so könnte ich mich mit Dank und einer materiellen Anerkennung für diesen Text erkenntlich zeigen. War er es doch, der mich in den Gründerjahren zur taz geholt und ermutigt hatte, für diese Zeitung als der erste Korri nach Frankreich zu gehen - damals noch im Wettbewerb mit "Die Neue", deren Vertreterin ich im CFPJ in Paris traf. WS.
PS zum PS:
Da ja an diesem Wochenende die Uhren wieder um eine Stunde vorgestellt werden, hier auch zu diesem Thema ein Beitrag von Arno Widmann, im Weser Kurier vom 27. März 2016:
Die verlorene Stunde