Sehr geehrte liebe Frau Salamander,
sehr geehrter Herr Jakubowicz,
sehr geehrter Herr Botschafter, lieber Ron Prosor,
Frau Generalkonsulin, Frau Lador-Fresher,
Herr Generalkonsul James Miller,
Herr Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, lieber Josef Schuster,
sehr verehrte liebe Frau Charlotte Knobloch,
Herr Ministerpräsident, lieber Markus Söder,
Frau Landtagspräsidentin, liebe Ilse Aigner,
Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten, aus dem Deutschen Bundestag und aus dem Bayerischen Landtag,
es war ein Freudenfest, als vor ziemlich genau 94 Jahren, am 5. September 1931, die Synagoge Reichenbachstraße eingeweiht wurde – zum ersten Mal eingeweiht wurde, wie nur wir Nachgeborenen es heute wissen.
„[E]in feierliche[r] Akt,“ – das war in der Zeitung der Bayerischen Israelitischen Gemeinde zu lesen – „an dem die gesamte jüdische Gemeinde München ohne Unterschiede der Richtungen teilnahm.“
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir müssen annehmen, dass es gleichzeitig – trotzdem – ein Tag wachsender Sorgen und Furcht für die Feiernden war, dass sich die versammelte Festgemeinschaft untereinander gefragt hat, ob und wie lange Jüdinnen und Juden in Deutschland wohl noch sicher leben können. Denn schon wenige Tage später, am 12. September 1931, am Abend des jüdischen Neujahrsfestes, wird es am Berliner Kurfürstendamm schwere antisemitische Ausschreitungen geben, verübt von Hunderten von SA-Mitgliedern.
Diese Ausschreitungen waren kein Einzelfall; Straßengewalt gegen Jüdinnen und Juden, Übergriffe auf jüdische Geschäfte häuften sich ab 1930. Der Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft nahm zu.
So bezeichnete „Das Jüdische Echo“ die Einweihung der Synagoge Reichenbachstraße 1931 als „Ausdruck eines jüdischen Lebenswillens und einer jüdischen Lebenskraft, die [sich] selbst unter widrigsten Verhältnissen […] die Bedingungen schafft, die das jüdische Leben braucht“.
Sieben Jahre, sieben kurze Jahre, gab es dann jüdisches Leben, jüdischen Gottesdienst, jüdisches Gebet in dieser Synagoge – unter immer widrigeren Umständen –, bis 1938 die Synagoge von einem entfesselten Mob entweiht, geschändet, verwüstet wurde. Sie wurde nur deshalb nicht niedergebrannt, weil man Schäden an den umliegenden und, so hieß es, „nicht-jüdischen“ Häusern befürchtete.
Wir wissen im Rückblick, dass die Novemberpogrome von 1938 nur der Auftakt für das Menschheitsverbrechen der Shoah waren, für den Versuch der systematischen, geradezu industrialisierten Auslöschung des jüdischen Volks, eine Tat, die so monströs, die so radikal böse ist, dass sie – um mit der großen deutsch-jüdischen Denkerin Hannah Arendt zu sprechen – einfach „nicht hätte passieren dürfen“ unter uns Menschen.
Liebe Frau Salamander, Sie sind aufgewachsen als Tochter von Überlebenden der Shoah in einem – Sie haben es gerade in Ihrer Rede schon gesagt – Displaced Persons Camp bei München. Sie haben in einem Ihrer Bücher geschrieben, dass Sie als Kind immer wieder diese eine Frage stellten, „ob denn den Juden niemand geholfen habe“. Ohne ein Festhalten an der Hoffnung auf eine positive Antwort – so schreiben Sie weiter –, ohne ein Festhalten an der „naive[n] Hilfserwartung des Kindes“, „wären wir doch als Menschen verloren“.
Auch heute noch müssen wir das Entsetzen darüber zulassen, dass die Allermeisten eben nicht geholfen haben. Denn nur so können wir beginnen zu verstehen, was es heißt, dass sich unmittelbar nach dem Krieg Jüdinnen und Juden, Überlebende, Kinder der Überlebenden, trotz allem entschieden haben, in Deutschland, in München, in anderen deutschen Städten und Gemeinden zu bleiben, dorthin zurückzukehren, sich gar dort wieder zu beheimaten: in dem Land, von dem die Shoah ausgegangen war.
Wir sagen nun heute gern, das sei ein Wunder. Denn es sprengt unsere gewohnten Maßstäbe, dass das möglich war und ist: die Rückkehr jüdischen Lebens nach Deutschland. Aber natürlich war es kein Wunder, sondern es war das Ergebnis der Entscheidungen von Menschen jüdischer Abstammung, die ein „dennoch“ gesprochen haben, die nicht bereit waren, ihr Land, mehr noch aber, uns alle als Menschen verloren zu geben. Sie, liebe Frau Salamander, und Sie, Frau Knobloch, können davon erzählen, welchen Einsatz es gefordert hat, wieder Orte und Räume für jüdisches Leben in Deutschland zu schaffen.
1945 schon wurde die Israelitische Kultusgemeinde in München wieder gegründet. 1947 ist diese Synagoge – wir haben es gehört – ein zweites Mal eingeweiht worden. Es war erneut eine Eröffnung unter widrigsten Bedingungen. In der jungen Bundesrepublik Deutschland beschwieg man den Nationalsozialismus und seine furchtbaren Verbrechen weitgehend. Es gab lange Jahre keine Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld. Schlimmer noch: Es gab wenig Empathie mit den Opfern, und es gab weiterhin Antisemitismus in vielen Köpfen.
Heute, 94 Jahre nach der Ersteinweihung, können wir nun die dritte Eröffnung der Synagoge Reichenbachstraße feiern. Sie ist wiederum nur durch Einsatz und harte Arbeit möglich geworden, für die vor allem Ihnen, Frau Dr. Salamander, unser allergrößter Dank gebührt.
Sie haben es gesagt: Die Synagoge Reichenbachstraße, wie wir sie heute wirklich bestaunen können – wiederhergestellt in ihrer ganz ursprünglichen Pracht, Schönheit und modernen Formensprache –, ist eine der ganz wenigen Synagogen im Bauhausstil, die es in Europa gibt. Sie ist ein wahres Kunstdenkmal.
Sie ist jetzt schon ein Ort von kunsthistorischer Bedeutung, ein nationales Erbe, weil wir hier eben in Beziehung treten können mit dem Judentum in Deutschland vor der Zeit des Nationalsozialismus und damit übrigens auch mit dem jüdisch-christlichen Wurzelwerk des kulturellen Lebens in Deutschland und in ganz Europa. Das Bauhaus ist eben nicht denkbar ohne seine jüdischen Künstlerinnen und Künstler – wie überhaupt die deutsche, die europäische Kunst, Philosophie, Literatur, Musik mit ihrem ganzen Reichtum nicht denkbar ist ohne jüdische Traditionen, jüdisches Denken, jüdische Theologie. Auch insofern ist es für uns alle ein Anlass zur Freude und auch ein Anlass zu großer Zuversicht, heute hier versammelt zu sein und gemeinsam feststellen zu können: Diese neue alte Synagoge ist wieder, einmal mehr, Ausdruck jüdischer Lebenskraft in Deutschland.
Gleichzeitig müssen wir uns der Tatsache stellen, dass Sie, dass die Jüdinnen und Juden in ganz Deutschland, diesen Freudentag, die dritte Eröffnung der Synagoge, wieder unter widrigsten Bedingungen feiern müssen, unter neuen widrigsten Bedingungen. Polizistinnen und Polizisten stehen vor der Synagoge – wir alle haben sie passiert. Die Gottesdienste, die hier ab heute gefeiert werden, die Kulturveranstaltungen, sie werden ausnahmslos unter Polizeischutz stattfinden. Polizei steht deutschlandweit vor jüdischen Kindergärten, Schulen, Restaurants und Cafés. Antisemitismus war eben nie aus der Bundesrepublik verschwunden; das wissen viele von Ihnen aus bitterer Erfahrung.
Daran erinnert uns übrigens auch die Gedenktafel, die wenige Meter von diesem Platz entfernt steht. Die Namen der fünf Männer und zwei Frauen stehen darauf, die 1970 bei dem Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde ums Leben gekommen sind, das hier im Vorderhaus gelegen war. Zwei von ihnen waren Überlebende der Konzentrationslager. Sie, Frau Knobloch, kannten viele der Bewohnerinnen und Bewohner dieses Altenheims. Sie können von dem Entsetzen erzählen, das dieser Anschlag damals ausgelöst hat – nicht nur, aber auch und vor allem in den jüdischen Gemeinden.
Seitdem, seit 1970, stehen jüdische Einrichtungen in ganz Deutschland unter Polizeischutz. Das heißt, es gibt eine ganze Generation von Jüdinnen und Juden in Deutschland, die öffentliches jüdisches Leben nur so kennt: nur unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen.
Und doch habe ich glauben wollen, haben viele in Deutschland glauben wollen, dass es vielleicht eines Tages besser wird. Und dann kam der 7. Oktober 2023, der größte Massenmord an Jüdinnen und Juden seit der Shoah – eine gleichfalls monströse, eine barbarische Tat. Und – wir blicken immer noch mit Fassungslosigkeit darauf – auf manchen deutschen Straßen wurde gefeiert.
Meine Damen und Herren, an diesem Tag ist endgültig unübersehbar geworden: Wir haben in Politik und Gesellschaft zu lange die Augen davor verschlossen, dass von den Menschen, die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, ein beachtlicher Teil ‑ ein Teil, aber ein beachtlicher Teil – in Herkunftsländern sozialisiert wurde, in denen Antisemitismus geradezu Staatsdoktrin ist, Israelhass schon den Kindern in den Schulen vermittelt wird.
Wir erleben seit dem 7. Oktober – Sie erleben seitdem – eine neue Welle des Antisemitismus – im alten und in neuem Gewand; unverhohlen und dürftig versteckt; in Worten und in Taten; in den sozialen Medien, an den Universitäten, im öffentlichen Raum.
Ich möchte Ihnen sagen, wie sehr mich das beschämt – als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, aber auch als Deutscher; als Kind der Nachkriegsgeneration, das aufgewachsen ist mit dem „Nie wieder“ als Auftrag, als Pflicht, als Versprechen.
Meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen im Namen der Bundesregierung sagen, dass wir alles tun werden, was in unserer Macht steht, damit Jüdinnen und Juden in ganz Deutschland ohne Angst leben, feiern und studieren können, damit hier eine Generation jüdischer Kinder aufwachsen kann, die überall und jederzeit stolz von ihrem Judentum erzählen kann.
Ich möchte in Richtung aller Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sagen: Es liegt an uns allen, wieder mehr denn je, dieses „Nie wieder“ als unser aller historische Pflicht mit Leben zu füllen.
Vor allem möchte ich Ihnen, Frau Dr. Salamander, den Initiatorinnen und Initiatoren der „Initiative Synagoge Reichenbachstraße“ und überhaupt allen, die an der Restaurierung dieses Gotteshauses mitgewirkt haben, sagen: Ich danke Ihnen dafür, dass Sie sich unter den neuen widrigsten Bedingungen an die Arbeit gemacht haben und dass Sie ein Zeichen gesetzt haben für die jüdische Lebenskraft.
Für Hannah Arendt realisiert sich die Freiheit, die wir Menschen als Menschen haben, in unserer Fähigkeit, jederzeit einen neuen Anfang machen zu können, die Initiative zu ergreifen, zu handeln, Neues in Bewegung zu setzen. Es ist ein großes Glück für die Bundesrepublik Deutschland und für die Stadt München, sehr geehrte Frau Dr. Salamander, dass Sie immer wieder die Initiative ergriffen haben, zuletzt für die Wiederherstellung dieser Synagoge. Sie haben einmal gesagt, Sie würden es als Ihre Aufgabe und die Aufgabe Ihrer Generation sehen, „der mit den Menschen vernichteten jüdischen Kultur ein neues Fundament zu legen“, das jüdische Geistesleben in Deutschland wieder zu beheimaten. Das ist Ihnen an diesem Ort in geradezu eindrucksvoller Weise gelungen.
Ich wünsche mir sehr, dass die Synagoge Reichenbachstraße genau das wird: ein Ort der Heimat für jüdisches Leben, für jüdische Religiosität in Deutschland, der auf die ganze Bundesrepublik ausstrahlt. Ich wünsche mir sehr, dass die Synagoge Reichenbachstraße, dass alle Synagogen in Deutschland, dass jüdische Schulen und Kindergärten, dass jüdisches Leben insgesamt in Deutschland eines Tages wieder ohne Polizeischutz auskommen. Wir dürfen uns daran nicht gewöhnen, dass dies nun schon seit Jahrzehnten offenbar notwendig ist.
Ich sage deshalb von dieser Stelle aus jeder Form des alten und des neuen Antisemitismus in Deutschland namens der gesamten Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland den Kampf an – politisch ohnehin, aber auch strafrechtlich und in jedweder gesetzgeberischen Form, die uns möglich ist und die notwendig sein sollte. Wir werden Antisemitismus auch im Gewand der vermeintlichen Freiheit der Kunst, der Kultur und der Wissenschaft nicht dulden.
Lassen Sie es mich abschließend so zum Ausdruck bringen: Wir schulden Ihnen – unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in ganz Deutschland und am heutigen Tag der Israelitischen Kultusgemeinde in München, und den Initiatoren und Mitwirkenden am Wiederaufbau der Synagoge Reichenbachstraße in ganz besonderer Weise – dieses Versprechen ganz einfach als Dank für das großartige Geschenk, das Sie uns allen heute hier in München mit der Wiedereröffnung dieses Gotteshauses machen.
Herzlichen Dank!