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In 80 Jahren vom VBB zum BJV

Samstag 11. Juli 2026, von Dr. Wolf Siegert

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

BR24Medien stellt diese Woche die Frage: Wo steht der Journalismus heute? Gedrängt von der Digitalisierung und vor allem der KI, bedrängt von einem immer raueren gesellschaftlichen Klima mit immer mehr verbalen und körperlichen Übergriffen gegenüber Journalistinnen und Journalisten. Anlass ist das 80-jährige Jubiläum des Bayerischen Journalistenverbands.

Hier der Podcast-Link: https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:section:cbdb0c134da64732/ [1]

Zitate aus dem Podcast:

Harald Stocker, Vorsitzender des Bayerischen Journalistenverbands.

Zu den zunehmenden Übergriffen gegen Journalistinnen und Journalisten sieht Harald Stocker vor allem die Hetze im Netz als Gefahr, durch Menschen, die von Journalisten veröffentlichte Fakten nicht mehr als solche akzeptieren wollten.

Zitat: „Und da wird dann eben so lange gehetzt, bis es solche Übergriffe gibt. Das ist ein Punkt, der mir große Sorge bereitet und wo wir in Zukunft auch stärker darauf achten müssen, dass wir damit nicht den Journalismus und damit die Demokratie beschädigen.“

Zum Zustand der Branche insgesamt:
Zitat: „Insgesamt würde ich sagen, dass wir als Berufsstand nicht komplett schlecht dastehen, aber wir haben auch schon bessere Zeiten gehabt.“

Karin Boczek, Junior-Professorin für Digitaljournalismus an der Universität Eichstätt

Zur Debatte um KI-Nutzung, anlässlich des Falls Casdorff beim „Tagesspiegel“:

ZITAT: „Ich habe mich darüber wahnsinnig geärgert, weil ich glaube, wir schneiden uns alle ins eigene Fleisch, wenn wir diese Differenzierung nicht mehr klarmachen. Wir müssen deutlich machen, dass Transparenz in einer Zeit, in der Leute versuchen, mit KI-generierten Fotos Meinung zu machen und die Leute zu verwirren, was ist die Wahrheit, besonders wichtig ist. Journalismus muss klar machen, was sind die Standards und wie läuft es bei uns ab.“

Herzliche Grüße, Ingo Lierheimer

80 Jahre BJV: Journalismus zwischen Druck und Sparzwang
BR24 Medien · 12.07.2026 · 28 Min.

Der Bayerische Journalistenverband (BJV) [2] feiert an diesem Wochenende sein 80-jähriges Bestehen. Inmitten der Feststimmung lautet die Frage, wo steht Journalismus heute? Getrieben von der Digitalisierung und der KI, bedrängt von einem raueren gesellschaftlichen Klima mit immer mehr verbalen und körperlichen Übergriffen auf Journalistinnen und Journalisten. Zu Gast in BR24Medien sind Karin Boczek, Junior-Professorin für Digitaljournalismus an der Universität Eichstätt und Harald Stocker, Vorsitzender des Bayerischen Journalistenverbands.


I.

Da in der Sendung weder auf die Geschichte noch auf die Perspektiven der JournalistInnen und deren Vereinigung eingegangen wird, hier ein Einblick in die # 2 des BJVreport’s 2026:

Tanz durch die Jahrzehnte. 80 Jahre BJV und Medien

II.

Eine ebenso persönliche wie (daher besonders nachvollziehbare) Bestandsaufnahme findet sich in dem 2024 bei Dietz Nachf. verlegten Buch von Prof. Dr. Frank Überall:
DEADLINE FÜR DEN JOURNALISMUS?
Wie wir es schaffen, nicht zur Desinformationsgesellschaft zu werden.

Dazu dieses Gespräch mit Christian Rabhansl am 9. November 2024 in der Sendung "Lesart" des Deutschlandfunks:
„Deadline für den Journalismus?“
Frank Überall über KI in den Medien

"Deadline für den Journalismus?" Frank Überall über KI in den Medien

III.

Zum Ende dieser Woche, am Freitag, den 10. Juli 2026, traf dieser Text von Cordt Schnibben aus der Reporterfabrik ein, in dem er das aktuelle Dilemma an Beispielen benennt und auf den Punkt bringt:

[...] KI geistert durch Redaktionen wie ein Gespenst. Was kann es, was will es, was treibt es, was ändert es, wo hat es sich eingeschlichen, wer schützt es? Das Gespenst verbreitet Angst und Hoffnung, weil die Journalistinnen und Journalisten noch nicht genau wissen, ob sie sich mehr ängstigen oder mehr hoffen sollen. In der Unsicherheit spiegelt sich die Angst davor, dass Journalisten dabei ertappt werden, ihre Texte mit KI geschrieben zu haben; davor, dass die KI-Tools Texte liefern, die so gut (oder besser) sind als die von Journalisten geschriebenen; davor, dass Journalisten am eigenen Handwerk zweifeln. Angst davor, dass KI die Recherchen und Texte von Journalisten nutzt und stiehlt, um journalistisch anmutende Texte zu veröffentlichen; davor, dass künstliche Intelligenz das Ökosystem des Journalismus ruiniert; davor, dass Journalisten ihren Job verlieren und klassische Medien in den Ruin getrieben werden.

Warum, fragt man sich, traut sich ein erfahrener Journalist und langjähriger Chefredakteur wie Stephan-Andreas Casdorff, seine Meinungstexte von einer KI schreiben zu lassen, die nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip Wort an Wort reiht? Offenbar hielt er, der in seinem Leben Tausende eigene und Zehntausende fremde Texte prüfen musste, die KI-Texte für so kreativ und stringent, dass er sich nicht schämen musste, sie unter seinem Namen zu veröffentlichen.

Warum, fragt man sich, traut sich ein Ministerpräsident wie Thüringens Mario Voigt, der FAZ Gastbeiträge zu liefern, die von einer KI generierten Passagen enthielten mit mutmaßlich halluzinierte Zitate? Und warum erkennen die erprobten, kritischen Redakteure der FAZ nicht, dass eine Maschine sich als Politiker ausgibt?

Warum, fragt man sich, stolpert ein Digitalexperte wie der kundige Minister Karsten Wildberger nicht über die von künstlicher Intelligenz geschriebenen Teile in seinen Reden und Gastbeiträgen, warum erkennen die Redakteure von FAS und Handelsblatt nicht, dass hier ein stochastischer Papagei schreibt?

Warum, fragt man sich, ist Katherina Reiche offenbar die nächste ertappte Ministerin, und warum wartet man nun auf die nächsten Politiker, Journalisten, Redaktionen, Medien, die am KI-Pranger stehen werden?

Die oberflächliche Antwort: Weil der Mensch geschliffene Sprache für den Ausdruck von Intelligenz hält. Die für viele Journalisten und Politiker angsteinflößende Antwort: Weil die hochentwickelte, von Menschen trainierte künstliche Intelligenz inzwischen in Sekunden Texte produziert, die sich auf den ersten Blick nicht mehr unterscheiden von Texten, die wir Menschen in quälenden Stunden, manchmal Tagen hervorbringen.


[1Seitdem das Ganze nur noch auf der Seite von "ARD Sounds" abgerufen werden kann, kommt neben diesem neuen schwachsinnigen Titel der Umstand hinzu, dass auch die Audio-Beiträge nur noch im MPEG4-Video-Format ausgespielt werden. WS.

[2gegründet als VBB (Verband der Berufsjournalisten Bayern) am 2.2.1946